ADHS wird meist mit zappeligen Kindern in Verbindung gebracht. Doch auch viele Erwachsene leben mit der Entwicklungsstörung. Erfahren Sie, wie sich ADHS im Erwachsenenalter äussert, was die Diagnose erschwert und welche Therapien es gibt.
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Die Entwicklungsstörung zeigt sich in der Regel in der Kindheit durch anhaltende Konzentrationsschwierigkeiten, Hyperaktivität und impulsives Verhalten. Die Symptome sind aber sehr vielfältig. Wie sich ADHS im Alltag auswirkt, hängt nicht allein von biologischen Voraussetzungen ab. Auch psychische Faktoren sowie das soziale Umfeld spielen eine wichtige Rolle.
Jungen erhalten die ADHS-Diagnose häufiger als Mädchen. Der Grund: Die Symptome sind bei Mädchen meist weniger offensichtlich und werden von Eltern und Fachpersonen deshalb leichter übersehen. Forschende gehen jedoch davon aus, dass Mädchen und Jungen ähnlich häufig betroffen sind. In der Schweiz wurden etwa 5,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 2,5 Prozent der Erwachsenen offiziell mit ADHS diagnostiziert. Die Zahlen verändern sich laufend und es ist mit einer Dunkelziffer zu rechnen, da oft erst ein hoher Leidensdruck dazu führt, dass überhaupt eine Abklärung gemacht wird.
Viele der Kinder mit ADHS zeigen auch als Erwachsene noch deutliche Symptome. Gleichzeitig gibt es Fälle, in denen die Entwicklungsstörung nicht schon in der Kindheit festgestellt wird, sondern erst im Jugend- oder Erwachsenenalter. Dann stellt die Abgrenzung zu anderen Krankheiten eine besondere Herausforderung dar.
Die Kernsymptome von ADHS sind bei Erwachsenen grundsätzlich ähnliche wie bei Kindern und Jugendlichen. Während Kinder oft durch motorische Unruhe auffallen, äussert sich ADHS bei Erwachsenen häufiger durch Unaufmerksamkeit und Impulsivität. Zudem fällt es vielen schwer, ihren Alltag zu organisieren.
In Bezug auf die ADHS-Symptome stützen sich Fachleute weltweit auf das aktuelle internationale Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation ICD-11 («International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems») sowie auf das DSM-5 («Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders») der American Psychiatric Association.
Die Diagnosestellung erfolgt anhand einer klinischen Gesamtbeurteilung gemäss den internationalen Diagnosekriterien. Administrativ wird in der Schweiz derzeit überwiegend die ICD-10-GM verwendet, während sich die fachliche Praxis zunehmend an der ICD-11 sowie ergänzend am DSM-5 orientiert. Beide definieren drei Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität.
Hyperaktivität zeigt sich insbesondere in strukturierten Situationen, etwa im Arbeitsumfeld oder in der Schule.
Je nachdem, welche Symptome auftreten, unterscheidet man verschiedene Formen von ADHS:
Menschen mit ADHS haben oft Mühe, sich lange zu konzentrieren. Hin und wieder geschieht jedoch das Gegenteil: Begeistern sie sich für ein Thema oder eine Aufgabe, arbeiten sie extrem fokussiert, lösen komplexe Probleme in kurzer Zeit und eignen sich rasch neues Wissen an. Dieser Zustand wird Hyperfokus genannt. Er kann sehr produktiv sein, ist aber schwer steuerbar. Grundlegende Bedürfnisse wie Essen und Trinken gehen vergessen. Ausserdem bleiben wichtige, aber als langweilig empfundene Alltagsaufgaben liegen.
Jungen und Männer erhalten die Diagnose häufiger als Mädchen und Frauen. Ein Grund dafür ist, dass sich die Entwicklungsstörung bei weiblichen Betroffenen anders zeigt. Während bei Männern Hyperaktivität und Impulsivität in der Regel nach aussen sichtbar sind, entsprechen erwachsene Frauen vorwiegend dem unaufmerksamen ADHS-Typ ohne Hyperaktivitätssymptome. Innere Unruhe äussert sich eher als Anspannung, Gedankenkreisen oder Stress und bleibt für das Umfeld häufig unsichtbar.
Zudem gelingt es vielen Frauen, impulsives Verhalten stärker zu kontrollieren und sich den gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen. Fachpersonen sprechen in diesem Zusammenhang von «Masking» (dt. Maskieren): Symptome werden bewusst oder unbewusst verborgen oder kompensiert. Dadurch bleibt ADHS bei Frauen häufiger unerkannt oder wird erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Gleichzeitig haben Frauen mit ADHS ein erhöhtes Risiko, Angststörungen und Depressionen zu entwickeln.
Der Berufsalltag für Erwachsene mit ADHS kann belastend sein. Vielleicht können sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen, vielleicht führt impulsives Handeln oder fehlende Konzentration gar zu Arbeitslosigkeit. Eine professionelle Behandlung trägt massgeblich zu einem erfolgreichen Berufsleben bei. Zusätzlich erleichtern gezielte Anpassungen den Arbeitsalltag, etwa ein ruhiger Arbeitsplatz, regelmässige Bewegung und klar strukturierte Aufgaben.
Eine ADHS-Diagnose erfolgt durch speziell ausgebildete Fachpersonen wie Psychiaterinnen und Psychiater oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Gerade bei Erwachsenen ist die Abklärung zeitaufwendig und komplex. Einerseits muss eine bestimmte Anzahl von Symptomen vorliegen. Diese zeigen sich in verschiedenen Lebensbereichen – zum Beispiel zu Hause und am Arbeitsplatz – und bestehen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Andererseits ist entscheidend, dass erste Anzeichen von ADHS bereits in der Kindheit erkennbar waren. Deshalb werden oft auch Schulzeugnisse berücksichtigt oder Personen aus dem Umfeld befragt, zum Beispiel Freunde oder Lebenspartner.
Bei vielen Erwachsenen bleibt ADHS lange unerkannt. Oft werden die Symptome erst dann wahrgenommen, wenn die Anforderungen in Beruf oder Familie zunehmen und die bisherigen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen. Eine sorgfältige Abklärung betrachtet deshalb nicht nur einzelne Symptome, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit. Dabei fliessen die individuelle Entwicklungsgeschichte, die aktuelle Lebenssituation sowie vorhandene Stärken und Ressourcen in die Beurteilung ein. Neuropsychologische Tests können zusätzliche Hinweise liefern – unauffällige Testergebnisse schliessen eine ADHS jedoch nicht aus.
Wer häufig vergesslich ist, sich schlecht konzentrieren kann oder unter innerer Unruhe leidet, hat nicht automatisch ADHS. Die gleichen Symptome treten auch bei anderen Erkrankungen auf oder können in belastenden Lebensphasen vorübergehend vorkommen. Fachpersonen prüfen deshalb sorgfältig, ob die Beschwerden tatsächlich auf ADHS zurückzuführen sind oder sich besser durch andere Ursachen erklären lassen.
Gleichzeitig treten bei ADHS häufig Begleiterkrankungen auf, sogenannte Komorbiditäten. Dazu gehören insbesondere:
Haben Sie bei sich ADHS-Symptome beobachtet? Der folgende Selbsttest der Weltgesundheitsorganisation kann eine erste Orientierung bieten, ersetzt jedoch keine umfassende klinische Abklärung.
1. Wie oft fällt es Ihnen schwer, die letzten Feinheiten einer Arbeit zum Abschluss zu bringen, nachdem Sie die wesentlichen Punkte erledigt haben?
2. Wie oft verlieren Sie den Überblick, wenn eine Aufgabe viel Planung verlangt?
3. Wie oft vergessen Sie Termine oder Verabredungen?
4. Wie oft schieben Sie eine Aufgabe hinaus oder vermeiden diese ganz, wenn sie viel Nachdenken erfordert?
5. Wie oft zappeln Sie mit Händen oder Füssen, wenn Sie länger sitzen?
6. Wie oft fühlen Sie sich übermässig aktiv und verspüren den Drang, Dinge zu erledigen, als wären Sie von einem Motor angetrieben?
Bei jeder Frage gibt es fünf mögliche Antworten: niemals, selten, manchmal, oft und sehr oft. Für die Fragen 1 bis 3 erhalten Sie je einen Punkt, wenn Sie mit «manchmal», «oft» oder «sehr oft» geantwortet haben. Bei den Fragen 4 bis 6 gibt es einen Punkt, wenn die Antwort «oft» oder «sehr oft» lautet. Kommen Sie auf insgesamt vier oder mehr Punkte, kann dies ein Hinweis auf ADHS sein. Falls die Beschwerden Ihren Alltag beeinträchtigen, empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung.
Die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen richtet sich nach den individuellen Symptomen, Lebensumständen und Bedürfnissen. Keine Therapie eignet sich deshalb für alle gleich gut.
In den meisten Fällen besteht die Behandlung aus mehreren Bausteinen. Dazu gehören: Psychoedukation, psychotherapeutische Massnahmen, medikamentöse Behandlung sowie unterstützende Massnahmen im Alltag.
In einem ersten Schritt geht es darum, ADHS besser zu verstehen und die eigenen Verhaltensweisen einzuordnen. Betroffene lernen, wie sich ihre Symptome im Zusammenspiel mit Schule, Beruf, Familie und anderen Lebensbereichen entwickelt haben. Somit schafft Psychoedukation eine gute Basis für den Umgang mit der Entwicklungsstörung.
In der Psychotherapie reflektieren Erwachsene mit ADHS eigene Verhaltensmuster und Prägungen. Sie entwickeln hilfreiche Strategien und verbessern den Umgang mit belastenden Symptomen und Gefühlen. Bei ADHS-Symptomen wie Reizbarkeit oder Aggression üben sie beispielsweise, ruhiger zu reagieren. Begleiterkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Schlafstörungen werden in der Therapie ebenfalls behandelt.
Je nach individuellen Bedürfnissen stehen unterschiedliche Therapieformen zur Auswahl, etwa verhaltenstherapeutische Ansätze oder körperorientierte Verfahren. Psychotherapie gibt es als Einzel- sowie als Gruppentherapie. Der Austausch mit anderen ADHS-Personen kann zusätzlich entlastend wirken.
Gut zu wissen: Auch Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit, sich über die Entwicklungsstörung auszutauschen. Einige Angebote richten sich speziell an Angehörige. Passende Gesprächsgruppen bieten zum Beispiel die Beratungsstellen «adhs20+» und die ADHS Organisation elpos Schweiz an.
Die ärztliche Psychotherapie ist von der Grundversicherung gedeckt. Dabei werden bis zu 40 Sitzungen übernommen. Auch die Kosten von selbstständigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden von der Grundversicherung übernommen, sofern die gesetzlichen Bedingungen dafür erfüllt sind. Vorgesehen sind für diese psychologische Psychotherapie 30 Sitzungen. Es braucht dafür eine ärztliche Verordnung. Diese ist für je maximal 15 Sitzungen gültig. Sollen die ärztliche oder die psychologische Psychotherapie nach den 40 respektive 30 Sitzungen fortgeführt werden, kann dies beantragt werden.
Eine allfällige Kostenübernahme aus der Zusatzversicherung TOP oder COMPLETA prüfen wir gerne, falls die Psychotherapeutin, der Psychotherapeut oder der Leistungsinhalt nicht die Voraussetzungen der Grundversicherung erfüllen.
Zu den am häufigsten eingesetzten Wirkstoffen gehören Methylphenidat und Amphetamine. Beide zählen zu den Stimulanzien. Sie regen das Nervensystem an, fördern die Aufmerksamkeit und verringern impulsives Verhalten. Mögliche Nebenwirkungen sind Schlafstörungen und ein schnellerer Puls. Für Menschen mit Herz Kreislauf Erkrankungen eignen sich diese Medikamente nicht.
Daneben stehen auch nicht stimulierende Medikamente wie Atomoxetin zur Verfügung. Dieser Wirkstoff beeinflusst den Botenstoff Noradrenalin im Gehirn. Dadurch verbessert sich die Informationsverarbeitung in bestimmten Hirnarealen, was sich positiv auf Konzentration und Erinnerungsvermögen auswirkt.
Wichtige unterstützende Massnahmen sind regelmässige körperliche Bewegung, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung. Auch Achtsamkeitsübungen können eine sinnvolle Ergänzung zu einer psychotherapeutischen oder medikamentösen Behandlung sein. Zum Beispiel helfen Yoga und Meditation unabhängig von spezifischen ADHS-Symptomen dabei, besser mit Stress umzugehen.
Je nach Ausprägung der Symptome und der Lebenssituation stehen Menschen mit ADHS vor unterschiedlichen Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, mit therapeutischer Unterstützung individuelle Strategien zu entwickeln. Die folgenden Tipps können dabei zusätzlich helfen:
ADHS stellt eine Partnerschaft vor besondere Herausforderungen. Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität oder Emotionsregulation können zu Missverständnissen und Konflikten führen. Gleichzeitig sind Menschen mit ADHS oft kreativ, spontan und gesellig. Wie in jeder Beziehung ist es wichtig, dass beide Seiten ihre eigenen Verhaltensmuster kennen und offen über Bedürfnisse und Probleme sprechen. Erinnern Sie sich dabei an folgende Grundsätze:
Für Menschen mit ADHS gilt ganz besonders: Reflektieren Sie Ihr Verhalten. Nehmen Sie Ihre besonderen Eigenschaften wahr und benennen Sie diese. Das fördert das Verständnis innerhalb der Beziehung und hilft Ihnen dabei, Verhaltensweisen auszumachen, an denen Sie arbeiten möchten.
Umgekehrt ist es für Partnerinnen und Partner von ADHS-Personen wichtig, sich über die Störung und die verschiedenen Symptome zu informieren um Verhalten, das ADHS-bedingt ist, besser zu erkennen. Menschen mit ADHS verhalten sich nicht absichtlich auffällig.
Auch die Sexualität kann durch ADHS beeinflusst werden. Manche Menschen mit der Entwicklungsstörung haben ein erhöhtes Bedürfnis nach Intimität. Andere hingegen sind sexuell weniger aktiv. Insbesondere Frauen schweifen in intimen Situationen manchmal gedanklich ab. Wichtig ist auch hier, über die persönlichen Wünsche zu sprechen.
Menschen mit ADHS gelten häufig als faul oder undiszipliniert. Diese Einschätzungen werden der Komplexität der Störung jedoch nicht gerecht. ADHS-Symptome sind keine Frage mangelnder Disziplin oder Motivation. Umgekehrt ist die Diagnose keine Rechtfertigung für problematisches Verhalten. Sie sollte vielmehr Antrieb sein, die eigenen Herausforderungen besser zu verstehen und einen konstruktiven Umgang damit zu finden. Zudem ermöglicht die Diagnose, Vorurteile abzubauen und Schwierigkeiten einzuordnen.
Viele Erwachsene mit ADHS führen ein gutes und erfülltes Leben. Für manche markiert die richtige Behandlung einen Wendepunkt. Mit der Unterstützung von Fachpersonen entwickeln sie Strategien für den Umgang mit ihren Symptomen, entdecken ihre Stärken und gestalten ihren Alltag bewusst und aktiv.
Die Expertin stand dem Redaktionsteam bei diesem Artikel beratend zur Seite. Susanne Spalinger ist Psychosoziale Beraterin, ADHS Coach ICP, Integrative Beraterin IBP/BSO und arbeitet als Co-Geschäftsleiterin bei der ADHS Organisation elpos Schweiz.
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