Arbeit, Familie, Freunde, Hobbys, Haushalt, persönliche Bedürfnisse – geht eines dieser Themen dauerhaft unter, kann das belasten. Doch wie gelingt eine gute Lebensbalance? Erfahren Sie, wie Sie Prioritäten setzen und ein Ungleichgewicht erkennen.
Work-Life-Balance heisst: Die verschiedenen Anforderungen und Bedürfnisse aus Beruf und Privatleben sind so aufeinander abgestimmt, dass sie langfristig als stimmig und bewältigbar erlebt werden.
Der Begriff «Work-Life-Balance» hat sich etabliert – Kritik gibt es trotzdem. Denn die Trennung von Work (englisch für «Arbeit») und Life (englisch für «Leben») suggeriert: Das eigentliche Leben findet ausserhalb der Arbeit statt. Gleichzeitig umfasst das Privatleben nicht nur frei verfügbare und erholsame Zeit, sondern auch Verpflichtungen wie Haushalt, Kinderbetreuung, Arzttermine oder Behördengänge. Aus diesem Grund sind die Begriffe «Life-Domain-Balance», «Life-Balance» oder «Vereinbarkeit von Lebensbereichen» immer geläufiger.
Das Ziel hinter dem Anstreben einer guten Work-Life-Balance: Jeder Lebensbereich bekommt ausreichend Raum. Eine exakt gleiche Verteilung von Zeit und Energie braucht es dafür nicht. Zwei Menschen mit einem ähnlichen Alltag bewerten ihre Balance mitunter völlig verschieden. Entscheidend bleibt also, wie Sie Ihre Lebensumstände empfinden. Wem die Arbeit viel bedeutet, der erlebt auch bei vielen Arbeitsstunden ein Gleichgewicht. Für andere werden die Zeit mit Familie und das Pflegen von Freundschaften oder Hobbys höher gewertet.
Der Begriff «Work-Life-Balance» hat sich in den frühen 1980er Jahren etabliert. Die Idee dahinter ist aber deutlich älter. Bereits im 19. Jahrhundert forderten Arbeiterbewegungen kürzere Arbeitszeiten ganz nach dem Motto: «8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Erholung, 8 Stunden Schlaf.»Heute steht neben der Dauer und Lage der Arbeitszeit zunehmend die Frage im Zentrum, wie sich verschiedene Lebensbereiche miteinander vereinbaren lassen. Digitalisierung, flexible Arbeitsformen und die ständige Erreichbarkeit lassen die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zunehmend verschwimmen. Gleichzeitig haben sich Lebensentwürfe und Rollenbilder verändert. Familien organisieren Erwerbs- und Care-Arbeit neu und die Anforderungen unterscheiden sich je nach Lebensphase. Dadurch gewinnt das Bedürfnis an Bedeutung, die verschiedenen Lebensbereiche bewusst in ein persönliches Gleichgewicht zu bringen.
Ein Grossteil der geleisteten Arbeitszeit erscheint nicht auf der Lohnabrechnung. Laut Bundesamt für Statistik leisteten Frauen zwischen 25 und 64 Jahren 2024 durchschnittlich 61,1 Wochenstunden bezahlte und unbezahlte Arbeit. Bei Männern derselben Altersgruppe waren es 57,8 Stunden.
Der grosse Unterschied liegt in der Art der Arbeit. Bei Frauen entfallen 62% dieser Zeit auf unbezahlte Tätigkeiten: 36,5 Stunden Haus- und Familienarbeit sowie 1,4 Stunden Freiwilligenarbeit. Männer leisten 24,3 Stunden – also 42% – unbezahlte Arbeit und 33,5 Stunden Erwerbsarbeit.
Bei Eltern unterscheiden sich auch die Erwerbsmodelle. In der Schweiz arbeiten Mütter häufiger Teilzeit, während Väter häufiger Vollzeit erwerbstätig sind. Dadurch verteilen sich Erwerbs-, Familien- und Hausarbeit im Durchschnitt unterschiedlich.
Beim psychischen Wohlbefinden gehen die Werte ebenfalls auseinander. 2022 berichteten 21% der Frauen über mittlere oder hohe psychische Belastungen, bei den Männern 14%. Diese Unterschiede lassen sich jedoch nicht allein durch die Verteilung der Arbeit erklären. Das psychische Wohlbefinden wird von vielen Faktoren beeinflusst, beispielsweise durch Lebensumstände, soziale Unterstützung, finanzielle Ressourcen und individuelle Voraussetzungen.
Menschen gestalten die Grenze zwischen Beruf und Privatleben unterschiedlich. Zwei häufig beschriebene Ansätze sind:
Diese beiden Ansätze beschreiben die Gestaltung der Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben. Es gibt aber auch Modelle, die herausstellen, welche Bereiche Ihr Leben überhaupt füllen. Hierzu gehört beispielsweise das 4-Säulen-Modell der Lebensbalance.
Wie man eine gute Lebensbalance findet, ist immer abhängig von den persönlichen Bedürfnissen. Das 4-Säulen-Modell unterscheidet folgende Bereiche, die zu einer Lebensbalance beitragen:
Die Bedeutung dieser Bereiche ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und kann sich im Laufe des Lebens verändern. Eine gute Lebensbalance entsteht, wenn die verschiedenen Lebensbereiche den persönlichen Bedürfnissen und Werten entsprechen.
Wenn wichtige Lebensbereiche über längere Zeit zu kurz kommen, kann dies das Wohlbefinden, die Lebensqualität und die Zufriedenheit beeinträchtigen. Unsere Energie und unsere Aufmerksamkeit sind nicht unbegrenzt. Wenn Belastungen anhalten und gleichzeitig wichtige Ressourcen wie Erholung, soziale Unterstützung oder persönliche Freiräume abnehmen, kann eine sogenannte Verlustspirale entstehen: Nach langen und belastenden Arbeitstagen fehlt abends die Kraft für Erholung, soziale Kontakte oder persönliche Interessen. Dadurch können Belastungen schwieriger bewältigt werden und die Reserven nehmen weiter ab.
Es gibt aber auch einen umgekehrten Effekt: die gegenseitige Bereicherung. Erfahrungen, Fähigkeiten und positive Erlebnisse aus einem Lebensbereich können sich günstig auf andere Bereiche auswirken. Wer beispielsweise im Beruf Selbstvertrauen gewinnt oder neue Kompetenzen entwickelt, profitiert oft auch im Privatleben davon.
Wenn der Ausgleich und Erholung dauerhaft fehlen, kann dies das körperliche oder psychische Wohlbefinden beeinträchtigen. Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen oder Magenprobleme können mögliche Anzeichen dafür sein. Eine dauerhaft hohe Belastung kann zudem mit einem erhöhten Risiko für körperliche und psychische Erkrankungen verbunden sein: Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Hirninfarkte.
Nehmen Sie solche Anzeichen ernst. Sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt darüber.
Es gibt kein Patentrezept für eine ausgewogene Lebensbalance. Was für die eine Person passt, kann für eine andere bereits zu viel oder zu wenig sein. Zudem verändern sich Prioritäten und Bedürfnisse im Laufe des Lebens. Prüfen Sie deshalb regelmässig, ob die aktuelle Situation für Sie stimmt. Die folgenden Massnahmen können dabei helfen:
Vereinbaren Sie Termine mit sich selbst, für Dinge, die Ihnen guttun. Was macht Ihnen Spass? Ob Joggen, Yoga, Meditieren, Lesen, Kochen oder Schreiben – geniessen Sie Ihre Auszeit ganz bewusst.
Auch eine ausgewogene Lebensbalance ist nicht immer frei von Stress. Entscheidend ist, dass auf Belastungsphasen auch Erholungsphasen folgen. Anhaltender Stress ohne ausreichende Erholung kann zu emotionaler und körperlicher Erschöpfung beitragen. Greifen Sie möglichst früh ein, indem Sie sich in Stressprävention üben. Für akute Phasen brauchen Sie zusätzlich Wege zur Stressbewältigung. Beides beginnt mit einer Frage: Was löst bei Ihnen Stress aus und wie vermeiden Sie diese Auslöser? Mit der Zeit stärken Sie so Ihre Resilienz – Ihre innere Widerstandskraft. Das hilft Ihnen, Herausforderungen besser zu bewältigen und sich schneller zu erholen.
Die zunehmende Digitalisierung ermöglicht ein flexibleres Arbeiten. Viele Menschen können ihre Arbeitszeit freier gestalten und teilweise ausserhalb vom Büro arbeiten. Flexible Arbeitszeiten, Teleworking und Homeoffice bieten Chancen für die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, so beispielsweise durch mehr Gestaltungsspielraum im Alltag. Gleichzeitig können dadurch die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Nicht alle Menschen gehen gleich gut mit dieser Vermischung von Beruf und Freizeit um. Wenn eine Person nicht mehr abschalten kann und sich nicht richtig erholt, leiden die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden.
Gestalten Sie die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben also bewusst. Fachpersonen sprechen hierbei von «Boundary-Management». Gesund im Homeoffice bleiben Sie etwa mit festen Regeln und kleinen Ritualen:
Niemand kann allen Anforderungen jederzeit gerecht werden. Auch die eigenen Erwartungen bleiben manchmal unerfüllt. Konzentrieren Sie sich daher auf das Wesentliche und geben Sie auch einmal Aufgaben ab. Was könnten andere übernehmen? Wer würde gelegentlich zu Hause einspringen, damit Sie mehr Freiraum haben? Welche To-dos können Sie von Ihrer Liste streichen? «Nein» zu sagen, gehört dazu, wenn Sie achtsam mit sich selbst umgehen möchten. Vielleicht bietet Ihre Arbeitgeberin oder Ihr Arbeitgeber sogar einen passenden Kurs an.
Regelmässige Pausen unterstützen die Erholung und helfen dabei, Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit über den Tag hinweg zu erhalten.
Vier Ansätze für Ihren Tag:
Soziale Kontakte sind wichtig. Sagen Sie Verabredungen mit Freundinnen und Freunden oft ab, weil Ihnen die Energie oder die Zeit fehlt? Planen Sie gemeinsame Abende bewusst ein und setzen Sie sich ein klares Zeitfenster, zum Beispiel von 20 bis 22 Uhr. So pflegen Sie Ihre Kontakte und kommen dennoch rechtzeitig zur Ruhe.
Nach einem anstrengenden Tag fällt Bewegung oft schwer. Es kann hilfreich sein, Bewegung fest einzuplanen oder direkt in den Alltag zu integrieren. Setzen Sie auf Bewegung im Alltag, indem Sie das Velo statt des Autos nehmen. Kleinere Bewegungseinheiten lassen sich auch gut in die Mittagspause integrieren, zum Beispiel mit einem Spaziergang. Den grössten Nutzen bringen zudem 150 bis 300 Minuten Bewegung pro Woche bei mittlerer Intensität. Dazu zählen zum Beispiel Gehen, Velofahren und Hausarbeit. Alternativ empfehlen Fachpersonen wöchentlich 75 bis 150 Minuten Bewegung mit hoher Intensität, wie Jogging, Zumba oder Schwimmen.
Sie fühlen sich oft von zu vielen Aufgaben, Pflichten und Terminen erschlagen? Erstellen Sie eine To-do-Liste. Damit strukturieren und priorisieren Sie Ihre Aufgaben. Setzen Sie realistische Tagesziele, für grössere Vorhaben sind Etappenziele sinnvoll. Erledigen Sie das Schwierigste zuerst – das entlastet. Berücksichtigen Sie bei der Planung auch Ihre persönliche Leistungskurve: Wann sind Sie am produktivsten? Nehmen Sie sich eine Aufgabe nach der anderen vor und setzen Sie sich dafür jeweils ein Zeitlimit. Vermeiden Sie Multitasking.
Mit der Zusatzversicherung COMPLETA erhalten Sie jährlich 75% der Kosten (bis zu 200 Franken) für anerkannte Kurse zur Gesundheitsförderung. Erfahren Sie, welche Leistungen dabei sind.
Führen Sie ein Team oder tragen Sie Verantwortung für Mitarbeitende? Dann lohnt es sich, auch hier die Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche im Blick zu behalten. Menschen, die ausreichend Zeit für Erholung, Familie, soziale Kontakte und persönliche Interessen finden, erleben ihren Alltag häufig als ausgewogener. Dies kann sich positiv auf Motivation, Engagement und Wohlbefinden auswirken. Unternehmen können viel dazu beitragen, dass Mitarbeitende Beruf und Privatleben gut miteinander vereinbaren. Ein wichtiger Hebel sind flexible Arbeitsbedingungen. Gleitzeit, Homeoffice-Möglichkeiten oder Jahresarbeitszeitmodelle schaffen Freiräume, damit Mitarbeitende ihre Arbeit besser an unterschiedliche Lebenssituationen anpassen können. Auch familienfreundliche Regelungen, beispielsweise während der Schulferien oder bei Betreuungsaufgaben, können entlastend wirken.Ebenso wichtig sind gesundheitsfördernde Angebote. Dazu gehören Ansprechpersonen bei gesundheitlichen oder psychosozialen Fragestellungen, Kurse zum Stressmanagement, Angebote zur Achtsamkeit sowie Möglichkeiten für Bewegung und Erholung im Arbeitsalltag.
Entscheidend sind jedoch nicht nur einzelne Angebote, sondern auch die Rahmenbedingungen. Klare Erwartungen, realistische Arbeitslasten, gut organisierte Prozesse und ausreichende Handlungsspielräume tragen wesentlich dazu bei, Belastungen zu reduzieren. Ebenso wichtig ist eine Führungskultur, in der offen über Belastungen gesprochen werden kann und Mitarbeitende Unterstützung erhalten, bevor Probleme entstehen.
Im Alltag bemerken Sie ein Ungleichgewicht zwischen den Lebensbereichen oft an diesen Anzeichen:
Einzelne Anzeichen bedeuten nicht automatisch, dass eine gesundheitliche Störung vorliegt. Wenn mehrere Anzeichen über längere Zeit bestehen oder Sie stark belasten, kann ein Gespräch mit einer Fachperson jedoch sinnvoll sein. Für den genaueren Blick auf Ihre Work-Life-Balance können Sie unseren Selbsttest nutzen. Er hilft Ihnen dabei, die Verteilung Ihrer Zeit bewusster wahrzunehmen und Bereiche zu erkennen, die möglicherweise mehr Aufmerksamkeit benötigen.
Ihre Prioritäten verändern sich mit Ihrem Leben. Was heute passt, fühlt sich in einem Jahr vielleicht anders an. Schauen Sie deshalb ab und zu bewusst hin. Schon kleine Schritte machen oft einen Unterschied: ein fixer Abend für Freundinnen und Freunde, ein Spaziergang nach der Arbeit, das Handy im Flugmodus. Jeder dieser Schritte stärkt einen Lebensbereich – und die anderen gleich mit.
Die Expertin stand dem Redaktionsteam bei diesem Artikel beratend zur Seite. Pascale Ingold ist Arbeitspsychologin (Master of Science [MSc] in Angewandter Psychologie) und hat ein CAS Coaching in der Praxis absolviert. Sie arbeitet als Fachspezialistin im Bereich Health & Diversity bei Helsana. Sie unterstützt Führungspersonen und Mitarbeitende bei Themen rund um das betriebliche Gesundheitsmanagement.
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