Wir alle wissen, Stress schlägt auf den Magen. Weniger bekannt ist, dass Darm und Gehirn in ständigem Austausch stehen. Erfahren Sie, wie die Darm-Hirn-Achse funktioniert, welche Rolle das Mikrobiom spielt und was das für unsere psychische Gesundheit bedeutet.
Lange galt der Darm vor allem als Verdauungsorgan. Heute wissen wir: Er verfügt über ein dichtes Netz aus Nervenzellen und ist eng mit dem Gehirn verbunden. Die beiden Organe tauschen laufend Signale aus – über Nervenbahnen, Hormone und das Immunsystem. Diese wechselseitige Kommunikation wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Nach heutigem Wissensstand beeinflusst die Darm-Hirn-Verbindung unsere Stimmung, unsere Stressverarbeitung und möglicherweise das Risiko für psychische Erkrankungen.
Die wichtigste Verbindung zwischen dem Gehirn und dem Nervensystem im Darm ist der Vagusnerv. Er ist der längste Hirnnerv des Körpers und reicht vom Hirnstamm bis in den Bauchraum. Über den Vagusnerv kommunizieren Darm und Gehirn in beide Richtungen: Etwa 80 bis 90 Prozent seiner Fasern leiten Informationen vom Darm zum Gehirn, 10 bis 20 Prozent der Fasern übertragen Informationen in die Gegenrichtung vom Gehirn zum Darm.
Gleichzeitig reguliert der Vagusnerv den Parasympathikus, das Ruhe- und Erholungssystem unseres Körpers. Der Parasympathikus verlangsamt den Herzschlag, fördert die Verdauung und hilft dem Organismus, Energiereserven aufzubauen und das innere Gleichgewicht zu erhalten.
Das enterische Nervensystem ist ein dichtes Netz aus Nervenzellen, das den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es umfasst schätzungsweise mehrere Hundert Millionen Nervenzellen. Die Zahlen reichen dabei je nach Studie und untersuchtem Darmabschnitt von rund 100 Millionen bis zu 600 Millionen. Damit verfügt unser Darm über ein eigenes Nervensystem, das auch als «zweites Gehirn» oder «Bauchhirn» bezeichnet wird. Es steuert die Verdauung weitgehend autonom, reagiert auf Reize und Entzündungen und steht über die Darm-Hirn-Achse in ständigem Kontakt mit dem Gehirn.
Darm und Gehirn kommunizieren nicht nur über die Nervenbahnen des Vagusnervs, sondern auch über Botenstoffe wie Hormone und Neurotransmitter. Hormone werden in bestimmten Drüsen oder Zellen gebildet und über das Blut transportiert. Sie lösen unterschiedliche Reaktionen aus, zum Beispiel Hunger, Müdigkeit oder Stress. Neurotransmitter übermitteln Signale direkt von einer Nervenzelle zur nächsten.
Eine wichtige Rolle spielt das Mikrobiom. Es umfasst alle Mikroorganismen im Darm. Das sind rund 38 Billionen Bakterien aus über tausend Arten. Diese Bakterien sind keine untätigen Bewohner: Sie beeinflussen die Produktion von Botenstoffen wie Serotonin und Dopamin, bilden kurzkettige Fettsäuren, trainieren das Immunsystem und regulieren Entzündungsprozesse.
Die wichtigsten Hormone und Neurotransmitter der Darm-Hirn-Achse:
Studien zeigen: Darm und Psyche stehen in engem Austausch. Stress und psychische Verstimmungen belasten den Darm. Umgekehrt scheint die Zusammensetzung des Mikrobioms unsere Psyche zu beeinflussen.
Chronische Darmprobleme beeinträchtigen das Wohlbefinden. Nicht ohne Grund sagt der Volksmund: «Verdauung gut, alles gut.» Doch der Einfluss des Darms geht noch weiter. Gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, verändert dies auch die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Zum Beispiel leidet die Serotoninproduktion, was sich auf Stimmung, Schlaf und Schmerzempfinden auswirkt.
Der Zusammenhang von Darm und Psyche zeigt sich denn auch bei Menschen mit Depressionen oder Angststörungen: Sie haben mitunter eine veränderte Darmflora.
Und welchen Einfluss hat die Psyche umgekehrt auf den Darm? Bei Stress reagiert der Körper mit Adrenalin und Cortisol. Diese Hormone wirken unmittelbar auf den Darm. Die Verdauung verändert sich, die Durchblutung sinkt und die Darmschleimhaut wird durchlässiger. Durch die geschwächte Barriere können bakterielle Bestandteile ins Blut gelangen und Entzündungen auslösen. Diese Entzündungsstoffe wiederum erreichen das Gehirn und können dort Stimmung und Konzentration beeinflussen.
Ausserdem verändert anhaltender psychischer Stress das Mikrobiom. Entzündungsfördernde Bakterien nehmen zu, während der Anteil schützender Bakterien abnimmt.
Die Darmflora entwickelt sich schon früh. Geburt, Stillen und Ernährung prägen das Mikrobiom in den ersten Lebensjahren. Gerät das Mikrobiom in frühen Lebensphasen aus dem Gleichgewicht, kann dies die Darm-Hirn-Achse beeinflussen; besonders in den ersten Lebensjahren könnte das für die Entwicklung von Immunsystem und Gehirn relevant sein. Zum Beispiel kann eine Störung des Mikrobioms die kognitive Entwicklung und die Stressverarbeitung beeinträchtigen.
Eine gestörte Darm-Hirn-Achse macht sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar. Viele Betroffene leiden gleichzeitig unter Bauchschmerzen, Müdigkeit und Stimmungstiefs. Dass körperliche und psychische Beschwerden oft gemeinsam auftreten, ist ein Hinweis auf das komplexe Zusammenspiel von Gehirn und Darm, das die Wissenschaft erst langsam entschlüsselt.
Typische Symptome einer gestörten Darm-Hirn-Achse:
Etwa 90 Prozent des körpereigenen Serotonins – des sogenannten Glückshormons – werden im Darm produziert. Verantwortlich sind insbesondere Bakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium. Sind diese Bakterienstämme reduziert, ist weniger Serotonin verfügbar. Gleichzeitig ist Serotonin die Vorstufe von Melatonin, dem zentralen Schlafhormon. Weniger Serotonin bedeutet folglich auch weniger Melatonin. Forscherinnen und Forscher vermuten daher, dass Schlafstörungen und Depressionen über die Darm-Hirn-Achse mit dem Mikrobiom zusammenhängen.
Viele Menschen mit Angststörungen leiden zusätzlich unter Magen-Darm-Beschwerden. Eine mögliche Erklärung liegt bei der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), welche die Cortisolausschüttung bei Stress steuert. Ist die Darmflora gestört, reagiert diese Achse empfindlicher auf Belastungen und schüttet unter Umständen mehr Cortisol aus. Dieses überschiessende Stresssignal wirkt über die Darm-Hirn-Achse wiederum auf das Gehirn zurück.
Auch bei folgenden Erkrankungen spielt die Darm-Hirn-Achse möglicherweise eine Rolle:
Für eine gesunde Darm-Hirn-Achse braucht es keine verschreibungspflichtigen Medikamente. Wer sich entzündungshemmend ernährt, regelmässig bewegt und Stress reduziert, stärkt seine Darmbarriere tagtäglich.
Es klingt banal, ist aber die Grundlage für einen gesunden Darm, eine starke Darm-Hirn-Achse und mentales Wohlbefinden: eine ausgewogene Ernährung. Essen Sie viel Gemüse und Früchte, Vollkornprodukte und Nüsse, fermentierte Milchprodukte sowie Fisch und Fleisch mit Mass. Als Orientierung dient beispielsweise die mediterrane Diät.
Achten Sie bei Ihrer Ernährung auf folgende Lebensmittel:
Ausserdem empfehlen Expertinnen und Experten, möglichst auf Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel zu verzichten. Diese begünstigen Entzündungsprozesse im Körper und belasten den Darm.
Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Präbiotika – insbesondere sogenannte GOS (Galakto-Oligosaccharide) – den Cortisolspiegel senken und dadurch Stressreaktionen abschwächen können. Probiotika scheinen sich positiv auf depressive Symptome und Ängste auszuwirken.
Werden Prä- und Probiotika gezielt eingesetzt, um die psychische Gesundheit zu unterstützen, spricht man von Psychobiotika. Dabei handelt es sich nicht um Medikamente, sondern um Nahrungsergänzungsmittel. Wie gross ihr Nutzen tatsächlich ist, für wen Psychobiotika geeignet sind und welche Risiken bestehen, muss jedoch noch weiter erforscht werden. Deshalb gilt auch bei Nahrungsergänzungsmitteln: Sprechen Sie vor der Einnahme mit einem Arzt oder einer Ärztin.
Neben der Ernährung beeinflusst der Lebensstil die Darm-Hirn-Achse, zum Beispiel Bewegung und Schlaf. Auch mit Atem- oder Achtsamkeitsübungen können Sie die Darm-Hirn-Achse stärken. Dabei ist Regelmässigkeit wichtiger als Dauer. Kurze Einheiten, die Sie täglich in Ihren Alltag integrieren, fördern die körperliche Gesundheit und die psychische Resilienz mehr als lange Trainingseinheiten, die nur gelegentlich stattfinden. Der Aufwand muss nicht gross sein, schon bei einem Verdauungsspaziergang nach dem Essen lassen sich mehrere der folgenden Empfehlungen miteinander verbinden:
Die Forschung zeigt immer deutlicher, wie eng Darm und Gehirn zusammenarbeiten. Wer seine Darmgesundheit pflegt, tut deshalb nicht nur seiner Verdauung etwas Gutes, sondern auch seiner Psyche. Eine ausgewogene Ernährung, Bewegung und gezielter Stressabbau unterstützen die Darm-Hirn-Achse – und wirken sich positiv auf das allgemeine Wohlbefinden aus.
Die Expertin stand dem Redaktionsteam bei diesem Artikel beratend zur Seite. Natalie Bez ist Ernährungsberaterin (SVDE) und Forscherin an der Berner Fachhochschule mit Fokus auf die Adipositastherapie, Ernährungspsychologie und pflanzenbasierte Ernährung.
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