Oktober 2016

«Wir können mehr tun, um die Kosten zu dämpfen»

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen und mit ihnen die Prämien. Für Helsana-CEO Daniel H. Schmutz ist klar: Dort, wo Helsana Einfluss auf die Kosten nehmen kann, wird sie es in Zukunft noch stärker tun.

CEO Interview Schmutz

Helsana-CEO Daniel H. Schmutz auf dem Dach des Hauptsitzes in Dübendorf


Herr Schmutz, Sie stehen unseren Kunden am Beratungstelefon regelmässig Red und Antwort. Auch in diesem Herbst?

Ja, natürlich. Ich freue mich schon jetzt auf meinen Einsatz in allen Regionen.

Wie erklären Sie auf einfache Weise, weshalb die Prämien wieder steigen?

Generell steigen die Gesundheitskosten. Die Prämien folgen den Kosten. Doch in diesem Jahr ist die Situation besonders komplex.

Was ist diesmal anders als in früheren Jahren?

Der Risikoausgleich ändert, das Krankenversicherungs-Aufsichtsgesetz kommt neu zum Tragen, die Richtlinien für Kollektivverträge werden angepasst. Diese Faktoren führen dazu, dass der Prämienanstieg für gewisse Versicherte deutlich über dem Durchschnitt liegt. Im Gegenzug kommt es dieses Jahr auch zu Senkungen. Wir reagieren auf diese Herausforderung unter anderem mit der Zusammenlegung unserer Grundversicherungstöchter: Avanex wird mit Helsana und Sansan mit Progrès zusammengelegt. Damit dämpfen wir für unsere Kunden den Prämienanstieg.

Die Kosten steigen Jahr für Jahr, weil wir hierzulande einen hohen Qualitätsanspruch haben. Folglich müssen wir uns mit den stetig steigenden Prämien abfinden, oder?

Was den Qualitätsanspruch betrifft, stimme ich Ihnen zu. Wir wollen sofort zum Arzt, wenn etwas wehtut. Und wir wollen das Spital möglichst vor der Haustüre. Ich stimme aber der Aussage, dass dies automatisch zu hohen Kosten führt, nicht zu. Fehlanreize und Ineffizienz sind hier viel bedeutender.

Können Sie ein Beispiel geben, wo sich diese Fehlanreize bemerkbar machen?

Nehmen wir die Radiologie. Eine Dienstleistung, die 150 Franken kostet, wird mit 470 Franken verrechnet. Diese hohe Gewinnmarge hat mit starren Regeln im Gesundheitssystem zu tun. Kein Wunder, hat sich die Anzahl an Radiologen seit 2003 bei uns verdoppelt.

Gibt es weitere Beispiele?

Bei uns fehlt ein gesunder Verdrängungswettbewerb. Zum Beispiel im Spitalwesen. Der Spruch «jedem Täli sein Spitäli» kommt nicht von ungefähr. In Basel liegen zwei Spitäler von Basel-Stadt und Baselland nur 7 Kilometer auseinander, weil eine Halbkantonsgrenze dazwischenliegt. Die laufenden Konsolidierungsbemühungen der beiden Regierungen stossen auf viel Widerstand. Ein weiteres grosses Problem ist die starre Preisregelung bei Medikamenten. Die Preise für Generika zum Beispiel liegen weit über dem Durchschnitt im internationalen Vergleich. Hier könnten wir rasch und einfach bis zu einer halben Milliarde Franken sparen.

Und wie?

Durch die Einführung eines sogenannten Festbetragssystems. Dabei wird nicht das Medikament, sondern der Wirkstoff vergütet. Das würde zu mehr Wettbewerb unter den Anbietern und dadurch zu sinkenden Preisen führen. Helsana hat hierzu einen konkreten Verordnungsentwurf ins Spiel gebracht.

Wieso setzt man die raschen Lösungen nicht einfach um?

Anpassungen würden Verlierer hervorbringen, Branchen, die weniger verdienen. Diese sind gut organisiert. Ausserdem müssten wir auch unser Verhalten ändern. Ein Beispiel: Meine beiden Söhne spielen Fussball. Bleibt einer vom Team mit Knieschmerzen liegen, rufen alle nach einem MRI. Früher hiess es auf die Zähne beissen und weiterspielen.

Und wenn wir dieses MRI aus der eigenen Tasche bezahlen müssten? Wäre das eine Lösung?

Der Schweizer will kein System, das vom Einkommen abhängig ist. Viel effizienter und gerechter sind unsere Managed-Care-Modelle. Das heisst, der Allgemeinpraktiker beurteilt, ob ein MRI beim Spezialisten nötig ist oder ob drei Tage Ruhe reichen, um das Bein zu kurieren. Zusätzlich müssen wir die Eigenverantwortung jedes Einzelnen stärken.

Sie sprechen die Gesundheitskompetenz an?

Genau. Wir müssen jedem Einzelnen den Zugang zu objektiven Informationen ermöglichen, welche ihm bei Gesundheitsfragen weiterhelfen. Dem Kunden fehlt es oft an Informationen, an Übersicht und Orientierung im ganzen Gesundheitsdschungel. Im Bereich Krebsvorsorge haben wir damit schon angefangen.

Auf diese Weise liesse sich also Geld sparen, ohne auf Qualität verzichten zu müssen?

Ja, so ist es. Aber wir können noch viel mehr tun. Helsana wird sich künftig noch stärker einbringen, was die Kostendämpfung im Gesundheitswesen betrifft.

Mit welchen Mitteln will Helsana Einfluss nehmen?

Wir verfügen über ein grosses Datengut, welches wir anonymisiert in Studien auswerten. Damit können wir Fehlanreize belegen und aufzeigen, wo Kosten gespart werden können. Die Studienresultate ermöglichen es uns, den Druck auf die Leistungserbringer zu erhöhen. Zum Beispiel, wenn sich zeigt, dass gewisse Behandlungen nicht nötig sind oder teilweise sogar kontraproduktiv. Wir tauschen uns zudem eng mit den Gesundheitsverantwortlichen in den einzelnen Kantonen aus.

Wo könnten die Kantone beispielsweise sparen?

Bei den Spitalkosten. Heute wird, ebenfalls gesteuert durch Fehlanreize, zu vieles stationär behandelt anstatt ambulant. Wir haben kürzlich mit der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich eine Liste von Eingriffen aufgestellt, von denen wir überzeugt sind, dass es kosten- und gesundheitsmässig Sinn macht, wenn sie im Grundsatz ambulant erfolgen. Zürich überlegt sich nun, den Leistungsauftrag entsprechend anzupassen. Bekommen Spitäler für unnötig stationäre Eingriffe kein Geld vom Kanton, werden diese automatisch ambulant behandelt werden.

Wo wird sich Helsana ausserdem längerfristig engagieren?

Wir müssen noch stärker zum Player im Gesundheitswesen werden, nicht nur ein effizienter Versicherer sein. Wir wollen uns für das Leben unserer Kunden engagieren, für Sie da sein, wenn es darauf ankommt, nicht einfach Aufträge abwickeln. Ausserdem werden wir uns verstärkt für Managed Care einsetzen. In Zürich sind bereits über ein Drittel aller Ärzte in Gruppenpraxen organisiert. Im Tessin sind es gerade mal 10 Prozent. Im Tessin steigen die Kosten in der Grundversorgung klar stärker als in Zürich – ein deutliches Zeichen pro Managed Care. Das Gesundheitswesen wandelt sich, und wir wollen es mitverändern. Aber stets sinnvoll und mit Augenmass. Und stets im Sinne unserer Kunden.

Interview: Daliah Kremer