September 2016

«Eine Depression kann aus heiterem Himmel kommen»

Professor Florian Holsboer gehört zu den bedeutendsten Depressionsforschern weltweit. Der Chemiker und Arzt behandelte Prominente wie den ehemaligen deutschen Torhüter Oliver Kahn oder den Fussball-Nationalspieler Sebastian Deisler. Im Interview mit Helsana spricht er über die Gefahren der Depression, über ihren schlechten Ruf und darüber, wie man sie am besten heilt.

Florian Holsboer
Professor Holsboer war 25 Jahre lang Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Seine Entdeckungen im Bereich der Depressionstherapie gelten als bahnbrechend.


Professor Holsboer, Depressionen sind weitverbreitet. Und doch haben viele Betroffene Angst, offen zu ihrem Leiden zu stehen. Wieso?

Weil man sie im Gegensatz zu Diabetes oder Rheumatismus im Körper nicht nachweisen kann. Es gibt keine Laborwerte. Deshalb ist die Depression sehr viel schwerer zu fassen und damit zu akzeptieren.

Ist sie einfach eine Krankheit der Seele?

Nein. Die Depression ist eine organische Erkrankung wie andere Erkrankungen auch. Die verursachenden Mechanismen aber sind so winzig, dass man sie nicht sieht. Sie finden in den weitverzweigten Nervenkreisläufen des Hirns statt.

Das Hirn ist krank?

Ja, die Depression ist eine Hirnerkrankung. Das Gehirn ist der Ort, an dem sich die Krankheit entwickelt. Und das ist nicht irgendein Organ, sondern das wichtigste, komplizierteste und am meisten Energie verbrauchende Organ unseres Körpers.

Und wie entsteht die Depression?

Durch biochemische Prozesse, ausgelöst durch Umwelteinflüsse wie Stress. Dazu kommt eine Veranlagung – von den Eltern oder im Laufe des Lebens erworben, etwa durch ein Trauma in der Kindheit.

Eine Veranlagung kann man im Laufe des Lebens erwerben?

Ja. Das nennt sich Epigenetik. Dabei verändern äussere Einflüsse die Aktivität unserer Gene. Ich sage immer: Die DNA ist kein ruhiger Ort.

Kann man auch ohne äusseren Auslöser eine Depression bekommen?

Natürlich. Sie kann auch aus heiterem Himmel kommen. Und man sucht nach Begründungen und findet sie nicht. Oder konstruiert sie. Viele klagen über ein sozial verträglicheres Burnout, in Wirklichkeit haben sie aber eine Depression.

Woran merke ich, dass ich eine Depression habe?

Wenn Sie tieftraurig sind und sich nicht mehr über die Dinge freuen, die Ihnen früher Freude gemacht haben. Wenn Sie sich abgrenzen, selbst von der Familie und Ihren Freunden. Wenn Ihnen alles schwer von der Hand geht und Sie nur noch daran denken, wie schlecht es Ihnen geht.

Wie kann der Arzt eine Diagnose stellen, wenn die Krankheit so schwer nachzuweisen ist?

Er fasst die im Gespräch mit dem Patienten gemachten Eindrücke in konkreten Diagnosepunkten zusammen. Zunächst aber ist es wichtig, dass er andere Krankheiten ausschliesst. Antriebslosigkeit, Müdigkeit oder negative Stimmung können nämlich auch von anderen Krankheiten herrühren, etwa von einer Schilddrüsenkrankheit oder von beginnendem Parkinson oder Alzheimer.

Es braucht also einen guten Arzt, der auch daran denkt und nicht gleich Antidepressiva verschreibt.

Genau. Psychiater müssen gute Ärzte sein. Es reicht nicht, wenn sie mit dem Patienten therapeutisch gut zusammenarbeiten, dabei aber die klassische Medizin vergessen.

Muss man denn immer gleich zum Arzt? Kann eine Depression nicht von selbst heilen?

Nein, das tut sie nicht. Und es gibt kein grösseres Risiko für eine Chronifizierung – also dafür, dass die Depression dauerhaft wird – als eine unzureichende oder gar keine Behandlung. Und eine Chronifizierung führt direkt in die Frühinvalidität. Ausserdem stellt sie ein erhebliches Risiko für weitere Erkrankungen dar.

Zum Beispiel?

Herzkreislaufkrankheiten, Diabetes oder neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer.

Wieso bringen sich Leute mit schweren Depressionen um?

Weshalb ein anderweitig gesunder Mensch, der mitten im Leben steht, sich das Leben nimmt, kann man eigentlich gar nicht nachvollziehen. Als ich noch in der Klinik arbeitete, sagten mir Patienten: «Wissen Sie, ich hatte schon mal eine schwere Operation – oder eine Krebserkrankung –, und das war wirklich ganz furchtbar. Aber das, was ich jetzt mit dieser Depression emotional durchmache, dieses Abgestumpft-Sein, Nichts-mehr-Wollen, Nichts-mehr-Empfinden – das ist weit schlimmer.» Das hat mich immer sehr beeindruckt.

Das klingt unglaublich!

Ja. Und diese Ausweglosigkeit führt dazu, dass sich jemand das Leben nimmt. Der Suizid ist eine ganz schwere Folge der Depression. Patienten mit schweren anderen körperlichen Erkrankungen tendieren selten dazu, selber dem Leben ein Ende zu setzen, obschon man es da noch eher verstehen könnte. Insofern ist die Depression eine bedrohliche Krankheit – eine der schwersten, die man haben kann. Sie ist eine potenziell tödliche Krankheit. Jedes Jahr gibt es auf der Welt über eine Million Suizide, die fast immer durch eine Depression ausgelöst sind.

Wie behandelt man eine schwere Depression richtig?

Mit Medikamenten in Kombination mit einer Gesprächstherapie. Die Kriterien der Depression sind bei allen gleich, doch die Ursachen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Deswegen sollten nicht alle dieselbe Behandlung, dasselbe Medikament bekommen. Medikamente wirken ja nicht bei allen Leuten gleich.

Und wie weiss man, welches Medikament das passende ist?

Wir haben entdeckt, dass sich anhand der DNA voraussagen lässt, ob jemand auf ein bestimmtes Medikament anspricht oder nicht. Bis heute greifen die Psychiater auf ihre persönliche Erfahrung zurück, um einem Patienten mit einer bestimmten Symptomatik ein Medikament zu verschreiben. In Zukunft wird ihnen zusätzlich die Labordiagnostik der DNA helfen, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung zu finden. Das ist der grosse Quantensprung in der psychiatrischen Behandlung.

Müssen es denn unbedingt Medikamente sein? Genügt eine Gesprächstherapie allein nicht?

Nicht bei schweren Depressionen. Heute ist ungefähr jeder Fünfte der schwer Depressiven nur teilweise heilbar, jeder Zehnte bleibt chronisch depressiv. Das ist eine furchtbare Zahl. Sie zeigt auch, dass wir mit den heutigen Medikamenten noch zu wenig Patienten erfolgreich behandeln. Es dauert zu lange, bis sie wirken, und wir haben zu viele Nebenwirkungen. Diese drei «Zu»s sind wichtig.

Wie häufig sind Depressionen? In den Medien kursieren ganz unterschiedliche Zahlen.

Sie sind sehr häufig. 10 bis 14 Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer schweren Depression.

Nimmt die Krankheit zu?

Schwer zu sagen. Depressionen werden zwar häufiger diagnostiziert, aber ich bezweifle, dass die Krankheit tatsächlich häufiger ist. Man spricht heute eher darüber, akzeptiert die Krankheit. Prominente Depressive wie Catherine Zeta-Jones oder Lindsay Vonn haben dazu beigetragen.

Man hört oft, Depressionen seien eine Erscheinung unserer stressigen Zeit. Stimmt das?

Nein, Depressionen sind nichts Neues. Früher nannte man sie einfach anders, zum Beispiel «Melancholie» oder «die schwarze Galle». Die Erkrankung gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Schon seit der Antike.

Wer ist mehr betroffen: Frauen oder Männer?

Bei leichten Depressionen überwiegen die Frauen – wohl, weil sie bei Umfragen die Krankheit eher zugeben. Bei schweren Depressionen sind Frauen und Männer gleich betroffen.

Und bei den Altersgruppen?

Sie trifft vor allem Menschen in jüngeren Lebensjahren und ist die Hauptursache für Frühinvalidität und Erwerbsunfähigkeit. Sie beraubt die Arbeitswelt ihrer ausgebildeten Arbeitskräfte. Wenn 30-Jährige nach einer langen Ausbildungszeit endlich mit ihrer Performance loslegen müssten, dann aber von Depressionen heimgesucht werden, ist dies von enormer sozio-ökonomischer Bedeutung. Wir alle müssen dafür aufkommen.

Was soll ich tun, wenn ich an mir selbst Symptome feststelle, wie Sie sie eingangs erwähnten?

Das ist schwierig. Wenn Sie sich das Knie verrenken, können Sie mit klarem Verstand darüber nachdenken und entscheiden: «Ich fahre jetzt zum Orthopäden.» Wenn das Gehirn erkrankt ist, kann man damit natürlich nicht gut über dessen Heilung nachsinnen. Das ist das Hauptproblem. Wer mögliche Veränderungen spürt, sollte diese Symptome beim Hausarzt abklären lassen.

Und was, wenn man bei einem Angehörigen Anzeichen einer Depression erkennt? Genügt Geduld allein – oder soll man mehr machen?

Man sollte keinesfalls vorschlagen, auf eine schöne Reise zu gehen. Das nützt nichts. Er nimmt ja seine Depression im Gepäck mit. Und keine Vorwürfe im Stil von «Reiss dich zusammen, dir geht’s doch gut, du hast doch alles, wieso bist du unzufrieden?» Auch rate ich von co-therapeutischem Ehrgeiz ab.

Und was wäre das Richtige?

Man sollte ihn ruhig offen fragen: «Irgendwie bist du nicht mehr so, wie wir dich kennen. Bedrückt dich was?» Und wenn sich die Vermutung einer Depression erhärtet, sollte man sagen: «Komm, das ist etwas Häufiges, das habe ich gelesen», und dann zeigen Sie ihm dieses Interview und sagen: «Schau, das ist eine Krankheit wie jede andere. Man geht, wie bei jeder Krankheit, zum Arzt und sucht seinen Rat. Und wenn man davon überzeugt ist, folgt man diesem Rat und tut etwas gegen die Krankheit. Der Arzt sucht für dich das geeignete Therapieschema, und mit der passenden Medikation und einer Gesprächstherapie ist in wenigen Monaten alles wieder gut – vielleicht auch früher.»

Klingt gut.

Ja. Wenn man so auf den Betroffenen zugeht, tut man ihm Gutes.

Interview: Daniela Diener