September 2014

«Es war, als hätte mir jemand ein Messer in den Rücken gerammt»

Lastwagenfahrer Yalcin Esen lieferte 24 Jahre lang tonnen­schwere Holzplatten aus – bis ihn unerträgliche Rücken­ schmerzen ans Bett fesselten. Nach einer langen Leidenszeit kämpfte er sich zurück ins Arbeitsleben.

Früher war Yalcin Esen Lastwagenchauffeur, heute sitzt er am Steuer eines Reisecars.

Yalcin Esen (49) erinnert sich genau an den Moment, als ihm der Schmerz in den Rücken fuhr. Mehrere Tage konnte er nur noch auf allen Vieren ge­hen. Wenn er zurückblicke, habe sich der schwere Bandscheibenvorfall angekündigt: In den letzten Jahren erlitt der Thurgauer den einen oder anderen Hexen­schuss. «Schmerztabletten habe ich jeweils geschluckt – und mich am Abend zu Hause massieren lassen.» Alle seine ehemaligen Arbeitskollegen in der Spedition hätten es im Rücken, das gehöre halt dazu. «Auf die Zähne beissen, hiess es dann», sagt er mit breitem Ostschweizer Dialekt, und steuert den doppel­stöckigen Reisebus auf den Carparkplatz beim Zürcher Hauptbahnhof. Dort holter 72 Lehr­linge für einen Ausflug ins Tessin ab. Yalcin Esen kam als 14-Jähriger mit seinen Eltern in die Schweiz. Eine Lehre hatte der ge­bürtige Türke nicht gemacht. Also packte er in einer Schuhfabrik als Hilfsarbeiter an. Mit der Ausbildung zum Lastwagenfahrer erfüllte er sich später einen Traum. Seinem ersten Arbeit­geber ist er treu geblieben, gefehlt hatte er keinen einzigen Tag, 24 Jahre lang – bis sein Rücken nicht mehr mitmachte. Schmerztab­letten und Massagen halfen plötzlich nicht mehr. Vermutlich werde er nie mehr Lasten über 25 Kilogramm heben können, meinte der Rückenspezialist. Ein Schock für Yalcin Esen – ein stämmiger, junggebliebener Mann, der nie etwas anderes gemacht hatte, als Holz aus­zuliefern.

Wenn Muskeln den Kran ersetzen

In seinem Betrieb, einem Zulieferer für Schrei­nereien, gab es einen Gabelstapler und einen Kran, mit dem Yalcin Esen die Platten in den Lastwagen hievte. Wenn er Glück hatte, verfüg­te die Schreinerei über ähnliche Maschinen. «Meist Fehlanzeige, gerade in kleineren Fir­men», sagt Esen. Dann entluden er und ein Mit­arbeiter der Schreinerei den Lastwagen mit reiner Muskelkraft – bis zu 10 Tonnen pro Tag. «Da kannst du – wie ich – noch so trainiert sein, irgendwann ‹chlöpfts›.» Es sei für ihn unver­ständlich, dass nicht mehr Firmen Lastwagen anschaffen, die einen Stapler mitführen kön­nen: «Die Mehrkosten wären schnell amorti­siert, da die Arbeiter viel effizienter sind und weniger ausfallen.»
«Die ersten Tage nach dem Bandscheiben­vorfall war ich am Boden zerstört», erinnert sich Esen. Bereits hatte er das Gespräch mit Ver­wandten gesucht, um allfällige finanzielle Eng­pässe zu überbrücken. Zwar wusste Esen, dass er Lohnersatz erhält, solange er krankgeschrie­ben ist. Doch was passiert danach? Weil der Arbeitgeber von Yalcin Esen bei Helsana Krankentaggeldversichert ist, wurde Helsana auf den Fall aufmerksam. Wenn Betroffene ausser­gewöhnlich lange ausfallen oder aufgrund der Diagnose damit zu rechnen ist, bietet Helsana ihren Kunden Unterstützung an. «Das war mein Glück », sagt Yalcin Esen. In der Case-Manage­rin Bettina Majoleth habe er eine Begleiterin ge­funden, die ihn bei den Formalitäten mit den verschiedenen Ämtern unterstützte. Besonders schätzte er, dass sie ihn in der schwierigen Zeit sogar einmal persönlich besuchte.

Fahrer, Reiseleiter und Mechaniker

Bereits vor dem Treffen mit Bettina Majoleth wusste Yalcin Esen, dass das Car-Business eine Chance war. «Dass ich nun sogar eine Festan­stellung habe, macht mich schon stolz.» Seine grosse Erfahrung und die Loyalität gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber hätten sicher eine Rolle gespielt. Aber ohne die Case-Mana­gerin Bettina Majoleth hätte er es wohl nicht so rasch geschafft. «Dank ihr habe ich erfahren, dass die IV die Kosten für die Weiterbildung zum Carchauffeur übernimmt», sagt der zwei­fache Familienvater.

Nach acht langen Monaten Therapie war er endlich fit genug, um das erste Modul der Wei­terbildung zum Carchauffeur zu absolvieren. Das war vor einem Jahr. Alle Prüfungen be­stand er mit Bravour, wenig später übernahm er seinen ersten Auftrag als Aushilfschauffeur bei einem Reiseunternehmen. «Wer aber meint, dass ich nun ein wenig ‹lastwägele› und die Welt sehe, liegt falsch», betont Yalcin Esen. Der Job als Carchauffeur sei vielseitig und an­spruchsvoll. Um den Luxus-Car vorzubereiten, stehe er um halb vier auf. Bei Auslandfahrten bereite er die Reisepapiere vor und setze sich eingehend mit den Routen und Ausflugszielen auseinander. «Ich bin nun auch so etwas wie ein Reiseleiter und muss Fragen beantworten – auch zu Sehenswürdigkeiten.» Und nicht zu­letzt müsse er bei einer Panne reagieren kön­nen. Natürlich helfe er auch den Passagieren beim Ein- und Ausladen des Gepäcks – «aber nur, wenn der Koffer weniger als 25 Kilogramm wiegt», sagt Yalcin Esen und lacht.

Text: Christian Schiller