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«Irgendwann wird der Tropfen zum kleinen Strom»

Als Herzchirurg ist René Prêtre eine Koryphäe. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er durch sein grosses humanitäres Engagement. Der 56-jährige Jurassier über seine Auslandeinsätze und wie sie seine Sicht der Dinge beeinflussen.

Operation

Seit 2006 unterstützt Le Petit Coeur das Instituto do Coraçao in Maputo. Die lokalen Fach kräfte erwerben dadurch das nötige Expertenwissen.

René Prêtre, Sie könnten Ihre knappe Freizeit geniessen. Stattdessen operieren Sie noch in Entwicklungsländern.

Das hat sich so ergeben. Als ich im Jahr 2000 in Paris arbeitete, fragte mich die französische Hilfsorganisation „La Chaîne de l'Espoir“, ob ich an einem Projekt teilnehmen wolle. Man suchte chirurgische Teams, die ein Mal pro Jahr nach Mosambik gehen würden, so dass die Kontinuität in der Ausbildung der Fachkräfte vor Ort gesichert war. Irgendwann bin ich mit meinem Team hingereist und mir wurde schnell klar, dass das eine aussergewöhnliche Erfahrung ist. Seit 2006 leiste ich diese Einsätze jährlich. 2011 haben wir mit der Stiftung „Petit Coeur“ das Engagement auf Kambodscha ausgedehnt.

Warum haben Sie eine eigene Stiftung gegründet statt weiter auf Projektbasis zu arbeiten?

Mir war meine Unabhängigkeit wichtig. Ich wollte auch nein sagen können, sollte mir ein Projekt nicht zusagen. Die Stiftung selbst ist ganz klein, läuft aber gut. Schweizer geben sehr grosszügig, wenn sie überzeugt sind, dass das Geld wirklich der guten Sache zugute kommt.

Und weshalb haben Sie sich Mosambik ausgesucht?

Die „Chaîne de l'Espoir“ engagiert sich in mehreren Ländern. Mir hat das Projekt in Mosambik wegen des lokalen Ausbildungskonzeptes gefallen. Mittlerweile gehören die Einsätze dort für mich zu den schönsten. Alles funktioniert bestens. Die Beteiligten sind sehr engagiert und wir werden von allen Seiten unterstützt. Anfangs zögerte ich noch.

Warum?

Ich habe mir die Frage gestellt, was Herzoperationen in einem Land bringen, in dem die Hälfte aller Kinder nicht zur Schule gehen kann. Wo es kaum Zukunftsperspektiven gibt.

Und wie sind die Bedingungen im Spital in Maputo?

Sehr gut. Das Spital entwickelt sich ständig weiter. Eine komplizierte Infrastruktur ist für die einfachen und mittelschweren Operationen, die wir durchführen, auch nicht nötig. Ein Bettensaal mit korrektem Monitoring, in dem Patienten nach der Operation überwacht werden, sterile OP-Säle und ein System, um die Instrumente zu sterilisieren. Das genügt.

Sind die Unterschiede zur Schweiz gar nicht so gross wie gedacht?

Sie sind gleichzeitig gross und klein. Hierzulande wird jeder Herzpatient operiert, wenn es nötig ist. Man implantiert Kunstherzen und führt Transplantationen durch. In Mosambik werden die Kinder, die für einen nicht zu komplexen Eingriff in Frage kommen, ausgewählt.

Wer trifft die Entscheidung? Sie?

Ja und nein. Die Kardiologen vor Ort und ich haben uns auf Krankheiten geeinigt, die wir heilen können. Aber am Schluss entscheiden die Kollegen in Maputo, wer operiert wird. Es kommen vor allem Kinder in Frage, die nach einem Eingriff geheilt wären und normal leben könnten. In diesen Fällen können wir sehr erfolgreich sein. Kompliziertere Fälle, die auch langfristig medizinisch betreut werden müssen, können nicht berücksichtigt werden. Die Möglichkeit, all das zu leisten, besteht nicht.

Was passiert mit diesen Kindern?

Ihre Lebenserwartung bleibt verkürzt. Manchmal sterben sie schon bald.

Das ist schrecklich.

Es ist eine traurige Tatsache, dass man nicht allen herzkranken Kindern helfen kann. Andererseits retten wir bei unseren Einsätzen jeweils zwischen 20 und 30 Kinder, die sonst innerhalb weniger Jahre zum Sterben verurteilt gewesen wären.

Das tönt dennoch sehr hart, da hierzulande allen geholfen wird.

In der Schweiz ist vieles möglich. Nur in sehr seltenen Fällen sind wir Herzchirurgen machtlos. In 15 Jahren am Kinderspital Zürich habe ich nur zwei Fälle eines inoperablen Herztumors erlebt.

Haben Sie bei Ihren Einsätzen nie das Gefühl, dass Ihre Arbeit nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist?

Doch. Andererseits überleben in den Ländern, in denen wir operieren, dank unserer Hilfe immer mehr. Irgendwann wird aus dem Tropfen ein kleiner Strom und vielleicht einmal ein Fluss. Zugleich haben wir die Medizin vor Ort gestärkt und Jobs geschaffen, ein kleines aber feines Herzzentrum aufgebaut. Was wir Ländern wie Mosambik und Kambodscha geben können, ist unser Wissen, so dass die Bevölkerung dort den Rückstand möglichst schnell aufholen kann. Das sollte nicht nur in der Medizin geschehen, sondern in möglichst allen Bereichen.

Sollten sich nicht viel mehr Ärzte aus den reichen Ländern so wie Sie engagieren?

Das muss jeder selbst entscheiden.

Was bringen Sie von solchen Einsätzen in die Schweiz mit?

Viele bereichernde Erfahrungen, die sich durch die Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort ergeben. Wenn ich zurückkomme, fällt mir auf, dass hier in der Medizin allen alles geboten wird. Ich habe damit kein Problem. Das haben wir uns durch Forschung und Arbeit geschaffen und in gewisser Weise auch verdient. Nur die Kosten stören mich heute sehr. Wir Ärzte tragen durch unsere Unfähigkeit, ein effizientes Netzwerk zu bilden, eine gewisse Verantwortung für dieses Problem. Die Zeit, in der man allen alles bieten kann, wird möglicherweise einmal vorbei sein. Und dann kann ich mit meinen Erfahrungen aus Mosambik vielleicht einige Tipps geben (lächelt).

Wie alt sind denn die Kinder, denen Sie helfen?

In Afrika und Asien helfe ich Kindern im Alter bis zu 18 Jahren. In der Schweiz operiere ich 15 bis 20 Prozent bereits in der erste Lebenswoche. Etwa 70 Prozent der Eingriffe hier finden im ersten Lebensjahr der Kinder statt.

Da braucht man sehr gute Hände.

Ja, und sehr gute Augen und eine grosse Konzentrationsfähigkeit.

Und wie entspannen Sie? Bei einem Match von Sochaux, dem Fussballclub, dem Sie seit Ihrer Jugend als Fan die Treue halten?

Das wäre keine Entspannung. Sochaux hat in den letzten Jahren stark nachgelassen. Das ist schade, denn Sochaux ist der Fussballclub von Peugeot. Die Zuschauer und Fans sind meist Arbeiter, die sich mit dem Club sehr identifiziert haben. Sochaux ging es immer ein wenig so, wie es bei Peugeot gerade lief: Ging es im Werk schlecht, spiegelte sich das in den Ergebnissen.

Wollten Sie nicht ursprünglich Fussballprofi werden?

Da war der Traum und da war die Realität (lacht). Ich war gut, dynamisch und klug auf dem Feld. Technik war meine Stärke. Aber ob ich wirklich das Zeug zum Profi gehabt hätte, glaube ich nicht.

Zumindest brauchen Sie als Chirurg ebenso starke Nerven wie ein Profispieler.

Die Technik ist ebenfalls entscheidend und man muss im richtigen Moment Leistung bringen. Emotionen sind in beiden Berufen fehl am Platz. Wer einen Penalty schiessen muss, darf nicht die Nerven verlieren. Gleiches gilt für eine Herzoperation.

Interview: Juliane Lutz