«Wir müssen das Gesundheitssystem gemeinsam weiterentwickeln»

Andrea Hohendahl, 23.01.2015

Die klare Ablehnung der Einheitskasseninitiative ist für Helsana ein Bekenntnis zur Beibehaltung von Wahlfreiheit und Eigenverantwortung. Das heisst aber nicht, dass im Schweizer Gesundheitssystem alles weiterlaufen soll wie bisher. Doch wohin geht die Entwicklung? Nur der Dialog mit allen Akteuren kann die Richtung weisen, meint Helsana und lud deshalb zu einem exklusiven Roundtable.

Dialog

Daniel H. Schmutz, Thomas D. Szucs sowie Jean-François Steiert und Urs Keller diskutieren über die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens (v.l.n.r.) Bild: Christian Schnur

Helsana-Verwaltungsratspräsident Thomas D. Szucs und CEO Daniel H. Schmutz luden letzten Dezember SP-Nationalrat Jean-François Steiert und Hausarzt Urs Keller zu einem Fondueessen nach Freiburg. Zu einem einfachen Mahl, weg von der Zürcher Hektik. «Ich freue mich, hatten unsere beiden Gäste keine Berührungsängste und nahmen unsere etwas spezielle Einladung sofort an», sagt Thomas D. Szucs.

Die Einladung symbolisiert die Haltung von Helsana, dass das Gesundheitssystem nur durch gemeinsam erarbeitete Lösungen konstruktiv und nachhaltig im Sinne der Versicherten weiterentwickelt werden kann.

Und diese Entwicklung muss stattfinden: Die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist zwar zufrieden mit dem Schweizer Gesundheitssystem in einem regulierten Wettbewerb. Das belegen regelmässige Meinungsumfragen. Auch das klare Nein zur Einheitskasse vom letzten Herbst ist ein Mandat, den bisher eingeschlagenen Kurs beizubehalten. Dennoch steht das Gesundheitssystem vor ernsten Herausforderungen wie zum Beispiel das Kostenwachstum und die entsprechend steigenden Prämien.

In der exklusiven Runde ging Helsana der Frage nach, welche Kompetenzen jeder einzelne Akteur – Versicherer, Politik, Medizin – zur Weiterentwicklung beisteuern kann, und welche Systemanreize sinnvoll wären. Einig war man sich vor allem darüber: Es braucht neue Prozesse und innovative Ideen sowie den Mut, schwarze Schafe gezielt härter anzupacken.

Lesen Sie hier einen Auszug der Aussagen der vier Gesprächsteilnehmer zu den Themen Innovation, Kosten und Markt.

Versicherer und Leistungserbringer als Impulsgeber

Daniel H. Schmutz, CEO Helsana: Die Transformation von der Krankenkasse zum Versicherer hat Helsana erfolgreich gemeistert. Nun gilt es, als kundenorientierter Akteur im Gesundheitswesen Akzente zu setzen. Mit unserem Know-how und unseren Daten können wir in diesem Netzwerk sehr viel beitragen.

Thomas D. Szucs, VRP Helsana: Wir müssen für Versicherte und Patienten laufend bedürfnisgerechte und innovative Angebote entwickeln. Dabei möchten wir Impulse setzen, um sowohl die Qualität unserer Dienstleistung weiter zu steigern und gleichzeitig auch die Kosten im Griff zu haben.

Urs Keller, Netzwerkarzt PizolCare: Die Tarifstruktur der Leistungserbringer (Tarmed) könnte durch kooperativen Druck der Krankenversicherer aus der politischen Blockade gelöst werden. Dadurch käme weitere Bewegung in das System.

Daniel H. Schmutz: Für die Entwicklung von innovativen Modellen in der Grundversicherung könnte man darüber nachdenken, auf freiwilliger Basis Verträge mit längeren Laufzeiten einzuführen. Allenfalls würde dies bei den Versicherten zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Materie führen. Ferner sollten wir den Mut haben, sogenannte schwarze Schafe – auch auf Seiten von Leistungserbringern – gezielt härter anzugehen. Das würde dem gesamten System dienen.

Jean-François Steiert, SP-Nationalrat Freiburg: Die Auseinandersetzung mit allen wichtigen Vertretern des Gesundheitswesens hilft, konstruktive Lösungen zu finden. Wenn daraus für die Versicherten ein Nutzen resultiert, sollte man die Kosten nicht scheuen – zumal später Ersparnisse auf der Kostenseite winken.

Daniel H. Schmutz: Wir führen bei unseren Kunden nach einem Spitalaufenthalt jeweils eine Austrittsbefragung durch; die Rücklaufquote liegt dabei bei über 65 Prozent. Die Resultate werten wir sorgfältig aus und lassen sie unseren Partner-Spitälern zukommen. Noch einen Schritt weiter geht die interaktive britische Plattform iWantGreatCare.org. Hier beurteilen Patienten direkt ihre Ärzte und Spitäler und die damit verbundenen Leistungen.

Thomas D. Szucs: Innovationen machen in unserem Gesundheitssystem aber nur Sinn, wenn wir auch alte Zöpfe abschneiden und Leerläufe beseitigen. Dies bedeutet, dass wir obsolete und unwirtschaftliche Leistungen kritisch hinterfragen müssen. Auch sollten wir den Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren zum Perspektivenwechsel im täglichen Geschäft ausweiten und vertiefen.

Mehr Anreize und weniger Misstrauen

Jean-François Steiert: In der Schweiz sind allein im Bereich der Demenz bis zu 2000 Personen hospitalisiert, die aus medizinischer Sicht nicht stationär behandelt werden müssten. Sie liegen dort wegen falscher finanzieller Anreize oder oft auch, weil attraktive Angebote für eine Pflege zu Hause fehlen. Dies generiert jährliche Mehrkosten von bis zu 300 Mio. Franken. Die Patienten sollen dort Leistungen erhalten, wo sie es auch möchten. Das wäre ökonomischer und letztlich auch menschlicher.

Urs Keller: Die Patienten fragen sich nicht, ob etwas medizinisch sinnvoll ist oder nicht. Sie gehen zum Arzt und sagen, sie hätten noch weitere Physiotherapie-Sitzungen zugut – ob diese medizinisch begründet sind oder nicht, ist zweitrangig. Der Patient meint, mit seinen bezahlten Prämien ein Anrecht auf diese Leistungen zu haben.

Jean-François Steiert: Wenn Politiker den Versicherten erklären, etwas ergebe aus medizinischer Sicht keinen Sinn, so heisst es schnell einmal, man verstehe nichts von Medizin. Dem Arzt wird zum Teil unterstellt, es ginge ihm nur ums Geld verdienen, und dem Versicherer, er wolle möglichst wenig bezahlen. Es braucht deshalb eine nicht interessengebundene Stelle, die Empfehlungen im Interesse der Patienten gibt.

Thomas D. Szucs: Wir stellen immer wieder fest, dass Politiker, Ärzte und Kunden zu wenig wissen, was ein Krankenversicherer genau macht. Diese Unkenntnis mündet leider oft in Misstrauen.

Urs Keller: Apropos Vertrauen: Die Zufriedenheitsstatistik zeigt, dass Ärzte in der Kategorie Vertrauensfragen immer bestens abschneiden. Unzufriedene Patienten wechseln kurzerhand ihren Arzt.

Daniel H. Schmutz: Die Schweiz rangiert im Quervergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) seit 2002 beim Anstieg der Gesundheitskosten gemessen am Bruttosozialprodukt auf den hintersten Plätzen. Daher kann ich die Polemisierung rund um die Explosion der Kosten nur bedingt nachvollziehen. Einer der Gründe, weshalb hierzulande überhaupt davon gesprochen wird, ist die Transparenz, welche wir in der Schweiz haben. Es ist unsere Pflicht, den Finger auf die wunden Punkte zu halten: Bei den Ärzten erlebten wir 2013 einen erheblichen Kostenanstieg von 8 Prozent pro Versicherten. 2014 stiegen die Arztkosten pro Kopf im ähnlichen Rahmen weiter. Zum Vergleich: Die Löhne in der Schweiz stagnieren dagegen und die Inflation hält sich nahe Null.

Thomas D. Szucs: Wir dürfen in Sachen Kosten nicht in Panik verfallen – das wäre verfehlt. Aber es braucht eine offene und ehrliche Analyse, weshalb und in welchen Bereichen die Kosten übermässig ansteigen sowie klare Transparenz und kreative Vorschläge, wie man diesen Problemen begegnen kann. Es kann nicht im langfristigen Interesse der Ärzteschaft sein, wenn sich diese Kostenkategorie so weiterentwickelt. Verantwortlich dafür ist primär die steigende Zahl von Spezialärzten in Ballungszentren.

Kompetenzen und Trends

Daniel H. Schmutz: Wir können auf der Kostenseite am ehesten mit Marktlösungen etwas verändern. Konkret sehe ich das bei Managed-Care-Modellen. Auch ich bin privat in einem solchen Netzwerk angeschlossen. Dort werde ich aufgeklärt, welche Behandlungen mir etwas bringen und welche nicht: Die Kunden sollen entscheiden können.

Urs Keller: Als Präsident eines mittleren Ärztenetzwerks interessiert mich der Dialog sehr. Wir müssen uns mit den Krankenversicherungen gemeinsam an den Verhandlungstisch setzen. Wenn wir an den Kosten schrauben wollen, müssen wir wissen, wo diese effektiv entstehen.

Jean-François Steiert: Als Krankenversicherer verfügen Sie über aussagekräftiges Zahlenmaterial, das noch zu wenig aktiv genutzt wird und gute Indikatoren für seriöse Entscheide geben könnte.

Thomas D. Szucs: Ich bin ein bekennender Anhänger der fakten-basierten Gesundheitspolitik. Meiner Meinung nach kommen wir um aussagekräftiges Zahlenmaterial nicht herum. Man kann darüber streiten, aber letztlich zeichnen sich daraus immer verlässliche Trends ab. Wir sind also gefordert, gemeinsam konstruktive Lösungen zu erarbeiten. Als Versicherer wollen wir die Fakten analysieren und in die Diskussion einbringen.

Thomas D. Szucs

ist seit 2010 Verwaltungsratspräsident der Helsana-Gruppe. Er ist Professor für Pharmazeutische Medizin an der Universität Basel. Szucs studierte in Basel Humanmedizin, absolvierte einen Master in Business Administration an der Universität St. Gallen, einen Master in Public Health an der Harvard Universität sowie einen Master in Internationalem Wirtschaftsrecht an der Universität Zürich. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Verwaltungsrat von privaten und börsenkotierten Unternehmen sowie im Spitalwesen.

Daniel H. Schmutz

ist seit Juli 2010 CEO der Helsana-Gruppe. 2006 trat er der Helsana-Gruppe als Leiter Finanzen/Dienste und Mitglied der Konzernleitung bei. Er ist Mitglied des Management Councils der International Federation of Health Plans. Daniel H. Schmutz schloss sein Studium in Staatswissenschaften an der Universität St. Gallen ab und verfügt über ein MBA in Finance der Wharton School in Philadelphia.

Jean-François Steiert

studierte im Hauptfach Geschichte, dazu zeitgenössische Geschichte, Kommunikationswissenschaften und Recht. Seit 2002 ist Steiert als Delegierter für interkantonale Angelegenheiten der Waadtländer Erziehungsdirektion tätig. Er gehört seit 2007 dem Nationalrat an, präsidiert die Schweizerische Gesellschaft für Gesundheitspolitik und ist Vizepräsident des Dachverbandes Schweizerischer Patientenstellen DVSP.

Urs Keller

schloss sein Medizinstudium 1979 mit anschliessender Dissertation an der Universität Zürich ab. Keller absolvierte eine breite Weiterbildung als Grundversorger zum Hausarzt der Inneren Medizin inklusive Geriatrie, Rheumatologie, Chirurgie, Pädiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Ultraschalldiagnostik. Er ist Hausarzt in Sargans/Wangs, Schularzt und Lehrbeauftragter für Gesundheit an der Kantonsschule Sargans und Vorsitzender der PizolCare AG.

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