«Wir haben starke Zeichen gesetzt»

Rob Hartmans, 20.12.2013

Die Bedürfnisse der Kunden und Patienten verändern sich und auch die Medizin wandelt sich laufend. Umso wichtiger ist der Austausch zwischen den verschiedenen Partnern im Gesundheitswesen. Thomas D. Szucs, Professor für pharmazeutische Medizin und Verwaltungsratspräsident von Helsana, blickt auf das vergangene Jahr zurück und zeigt, wie Helsana mit den unterschiedlichen Anforderungen umgeht.

Strategie Szucs
Als Arzt erlebt Thomas D. Szucs hautnah, wie wichtig der Austausch zwischen den verschiedenen Partnern im Gesundheitswesen ist.

Bild: Christian Schnur

Thomas D. Szucs, wie hat sich Helsana im Jahr 2013 gemacht?

Wir haben unsere führende Rolle im Markt gefestigt. Mit der Lancierung von Primeo haben wir im Versicherungs- und Leistungserbringermarkt ein starkes Zeichen gesetzt, nämlich, dass sich Innovation im Gesundheitssystem nicht auf medizinische und pharmazeutische Leistungen beschränken muss. Als Mitbegründer des neuen Verbandes Curafutura haben wir zudem unsere Verbandsarbeit neu ausgerichtet und ein wichtiges politisches Signal gegeben.

Warum die Gründung von Curafutura bei gleichzeitigem Austritt aus Santésuisse?

Wir haben das Vertrauen in den bisherigen Verband verloren. In den letzten Jahren erodierte dieses Vertrauen in der verbandsinternen Zusammenarbeit ebenso wie in der Wahrnehmung des Verbandes bei wichtigen Akteuren im Gesundheitssystem. Wir haben uns sehr lange innerhalb der bestehenden Strukturen um eine Weiterentwicklung bemüht, sind damit aber aufgelaufen. Dann muss man eben die Konsequenzen ziehen. Darum haben wir zusammen mit drei anderen Krankenversicherern, die zum selben Schluss gekommen sind wie wir, Curafutura als neue, konstruktive Plattform für die Interessenvertretung unserer Branche ins Leben gerufen.

Kritiker bemängeln, dass diese Verbandsneugründung Wasser auf die Mühlen der Befürworter einer Einheitskasse sei, weil Sie die Branche damit spalten.

Wäre ich ein Einheitskassen-Befürworter, würde ich dasselbe behaupten. Aber die Kritik greift zu kurz. Jede andere Branche im Gesundheitssystem stützt sich auf mehrere Verbände. Warum sollte bei den Krankenversicherern ein Problem sein, was bei Ärzten, Physiotherapeuten, Spitälern und der Pharmaindustrie gang und gäbe ist? Curafutura ist bei wichtigen Gesundheitsakteuren wohlwollend aufgenommen worden. Ich bin überzeugt, dass Curafutura der Branche als Ganzes nützt, weil dadurch eine positive Veränderungsdynamik in Gang gesetzt wurde.

Apropos Veränderung: Hauptberuflich sind Sie als Professor für pharmazeutische Medizin tätig. Sie arbeiten aber vorübergehend wieder im angestammten Beruf als Spitalarzt. Warum tun Sie das?

Ich nutze das Sabbatical, das mir die Uni Basel zugesteht, für einen Seitenwechsel, weil ich wieder an die Medizinfront wollte. Ich hätte zwar auch ein Buch schreiben oder eine Bildungsreise machen können. Aber darauf hatte ich keine Strategie Szucs Video Lust. Interessiert hätte mich vielmehr eine Tätigkeit bei einer internationalen Arzneimittelzulassungsbehörde – ein Blick hinter die Kulissen der europäischen Zulassungsbehörde oder der FDA in den USA. Aber das liess sich nicht mit meinen Verpflichtungen in Einklang bringen. So bin ich in der Nähe geblieben und arbeite seit dem Sommer in der Klinik Hirslanden in Zürich, wo ich als junger Arzt begonnen hatte.

Was bringt das Helsana, dass ihr Präsident auch Arzt und Professor für pharmazeutische Medizin ist?

Helsana vergütet ihren Kundinnen und Kunden rund 100 Millionen Franken jede Woche. Da können uns die Leistungsprozesse nicht egal sein. Wir sollten wissen, wie es an der Basis des Medizinbetriebs läuft, wie man dort denkt und arbeitet. Ich will den Nutzen meines Sabbaticals für Helsana aber auch nicht überbewerten. Ich sehe nur einen kleinen Ausschnitt eines grossen und facettenreichen Betriebs. Auf der anderen Seite fängt so das Verständnis füreinander an. Ich wünsche mir, dass Leistungserbringer, Politiker und Regulatoren auch mal bei uns reinschauen. Viele Entscheider wissen nicht, was ein Versicherer alles leistet. Umgekehrt sollten auch die Versicherer einen Blick hinter die Fassaden von anderen Gesundheitsakteuren werfen.

Ein klassisches Schnittstellenproblem.

Ich mag diesen Begriff nicht, weil er mehr auf Trennung zielt als auf Gemeinschaft. Ich rede lieber von der Gestaltung der Übergänge, weil das etwas Verbindendes hat. Gerade in unserem freiheitlichen Gesundheitssystem ist es entscheidend, dass es den verschiedenen Akteuren gelingt, partnerschaftlich miteinander zu arbeiten. Partnerschaft beginnt damit, dass man weiss, was der andere tut und warum er wie tickt.

Zu den Hauptaufgaben einer Krankenversicherung gehört es aber, den Leistungserbringern auf die Finger zu schauen, um die Kosten unter Kontrolle zu halten.

Wer eine Leistung bezieht, vertraut darauf, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen erbracht wird. Als Krankenversicherer haben wir die Aufgabe, die Qualität des Abrechnungs- und des Leistungsprozesses zu kontrollieren. Wir stellen so sicher, dass die Prämiengelder zweckmässig eingesetzt werden. Unsere Kunden erwarten von uns, dass wir sie vor dem finanziellen Risiko von Krankheit und Unfall schützen und dass wir die Gesundheitskosten unter Kontrolle halten. Eine verlässliche Rechnungskontrolle ist unser Kerngeschäft. Das mag für einige unbequem sein, aber so ist unser Gesundheitssystem nun mal ausgelegt. Es ist ein System gegenseitiger Kontrollen. Auch darum gehört es zu den besten auf der Welt. Dazu trägt die Krankenversicherungsbranche massgeblich bei.

Verfolgt man Politik und Medien, kommen einem da Zweifel. Ein komplett neues Aufsichtsgesetz steht zur Debatte und parallel dazu wird sogar über die Verstaatlichung der Grundversicherung diskutiert. Ihr Kommentar?

Wir sind für eine starke Aufsicht. Wir befürworten klarere Regeln und mehr Transparenz für unsere Branche. Dazu braucht es kein neues Gesetz, das kann man auch im KVG regeln. Die Verstaatlichung unseres Systems wäre ein teures und riskantes Unterfangen, das kein einziges gesundheitspolitisches Problem löst. Eine staatliche Monopolkasse beraubt die Menschen der freien Wahl ihres Krankenversicherers. Herr und Frau Schweizer wollen aber aussuchen, bei wem sie sich und ihre Familie versichern. Das setzt unser Unternehmen unter Druck, doch darüber bin ich nicht unglücklich. Denn das motiviert uns, immer und immer wieder unser Bestes zu geben.

Es gibt Leistungserbringer, die sich daran stören, dass Krankenversicherer – auch bei den Kontrollen – ihr Bestes geben.

Leistungserbringer, die so denken, sind kurzsichtig. Denn mit staatlich organisierten Versicherern wären sie – wie auch die Versicherten – auf Gedeih und Verderb dem Monopolisten ausgeliefert. Es gäbe keine Partnerschaften mehr von Spitälern oder Ärztenetzwerken mit einem Krankenversicherer ihrer Wahl, weil die Versicherten gar nicht mehr wählen könnten. Die Verstaatlichung der Krankenversicherung wäre der erste Schritt zur Verstaatlichung des gesamten Gesundheitssystems. Ärzte würden zu Staatsangestellten mutieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Berufsstand im Ernst eine derartige Berufsperspektive verfolgen will.

Und wie engagiert sich die Helsana-Führung gegen die Initiative?

Wir bringen uns ein, wo das erwünscht und sinnvoll ist. Es ist wichtig, dass wir Krankenversicherer uns offen der Diskussion stellen. Insbesondere müssen wir den Leistungserbringern aufzeigen, was auch für sie mit der Verstaatlichung auf dem Spiel steht und dass letztlich die Versorgungsqualität unseres Gesundheitssystems tangiert ist. Das Wichtigste für Helsana ist aber, dass die Mitarbeitenden ihre Arbeit gegenüber den Kunden einwandfrei erledigen. Zufriedene Helsana-Kunden wollen keine Einheitskasse.

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