«Wir müssen die Diskussion führen»

Daliah Kremer, 15.12.2015

Mit dem Arzneimittelreport schafft Helsana Transparenz im Bereich der Arzneimittelversorgung. Die schweizweit einzigartige Analyse, welche die Entwicklung von Verbrauch und Kosten im Schweizerischen Medikamentenmarkt aufzeigt, stösst in den Medien und bei Fachleuten auf reges Interesse. Dr. Oliver Reich, Leiter Gesundheitswissenschaften bei Helsana, erklärt im Interview, weshalb dieser Report notwendig ist und was sich Helsana davon verspricht.

Arzneimittelreport

Der Arzneimittelreport soll zu einem besseren Verständnis des schweizerischen Medikamentenmarkts und seiner mengen- und kostenmässigen Entwicklung in den letzten Jahren beitragen.

Kürzlich ist der Arzneimittelreport 2015 erschienen. Dieser Report wird bereits genauso engagiert diskutiert wie die letztjährige Ausgabe. Auch damals fand er sofort grossen Anklang beim Fachpublikum ebenso wie bei den Medien. Wie erklären Sie sich dieses Interesse?

Oliver Reich: Die Medikamentenkosten machen bis zu einem Viertel der Gesamtkosten innerhalb der obligatorischen Krankenpflegeversicherung aus. Dieser Bereich des Gesundheitssystems ist also sehr relevant, und die Kosten steigen von Jahr zu Jahr.

Und weshalb ist dies für Helsana ein Thema?

Diese ungesunde Entwicklung macht uns Sorgen. Bei Helsana setzen wir uns deshalb schon seit mehreren Jahren mit der Thematik der Medikamentenversorgung auseinander und analysieren unser Datenmaterial, das sich aus den Leistungsbezügen unserer Versicherten zusammensetzt. Mit dem Arzneimittelreport präsentieren wir diese Daten, zeigen zum Beispiel, welche Altersgruppe wie viel Medikamente pro Jahr bezieht oder sagen, welche Medikamentengruppen wie oft abgegeben werden.

Setzen sich auch andere Versicherer damit so auseinander wie Helsana?

Ausser uns macht es in dieser Art und Weise in der Schweiz niemand. Schon allein deshalb stösst der Report auf Interesse. Er bietet die nötige Transparenz im Bereich der Arzneimittelversorgung, stellt wichtige Fragen und regt so zur Diskussion an. Und genau das wollen wir erreichen.

Im November 2014 erschien der Helsana-Arzneimittelreport zum ersten Mal. Mit welchen Fragen oder Kommentaren wurde Helsana daraufhin konfrontiert?

Viele Medien interessierten sich für die regionalen Unterschiede. So zeigt sich, dass der Bezug von Medikamenten in der Westschweiz um einiges höher ist als in der Deutschschweiz. Auch Fragen rund um den Bezug von Schmerzmitteln oder Psychopharmaka kamen auf.

Wie wurde der Report aufgenommen?

Es kamen viele Reaktionen von Fachleuten und Anfragen von Medien. Die meisten waren positiv. Einzig der Verband der Pharmaindustrie äusserte sich damals – wie übrigens auch in diesem Jahr – sofort negativ. Wir hatten auch Kontakt zu verschiedenen Pharmafirmen. Diese begrüssten die Transparenz und die Darlegung der Daten. Und wenn ich mit Universitäten oder Kliniken spreche, höre ich oft, dass sie gerne mit unseren Zahlen arbeiten, denn es gäbe sonst nichts Vergleichbares, vor allem nicht in diesem Detaillierungsgrad.

Der Arzneimittelreport analysiert ausschliesslich Daten von Helsana. Wie repräsentativ sind da die Aussagen?

Helsana hat 1,2 Millionen Versicherte in der Grundversicherung, und dies schweizweit. Hier findet sich ein guter Mix zwischen Geschlechtern, Altersgruppen und Regionen. Das Datenmaterial ist somit ziemlich repräsentativ für die gesamte Bevölkerung. Um die kleineren demografischen Unterschiede zur Schweizer Bevölkerung auszugleichen und Schätzungen für die Gesamtbevölkerung basierend auf den Helsana-Daten zu ermöglichen, wurden alle Datensätze im Arzneimittelreport mit jahresspezifischen Hochrechnungsfaktoren des Bundesamts für Statistik kombiniert.

Die Daten stammen alle von Helsana. Erarbeitet wird der Report allerdings von einem externen Team, das die Daten analysiert und interpretiert und den Bericht danach schreibt. Weshalb ist das so?

Uns geht es dabei um die Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit. Wir wollen bewusst mit unabhängigen Partnern zusammenarbeiten, die sowohl in wissenschaftlicher als auch thematischer Hinsicht das nötige Rüstzeug mitbringen und den Schweizer Markt kennen. Mit dem Universitätsspital Basel (USB) und dem Institut für Pharmazeutische Medizin (ECPM) der Universität Basel haben wir diese Partner sowohl in gesundheitsökonomischer als auch in pharmakologischer Hinsicht gefunden.

Der Arzneimittelbericht zeigt unter anderem, welche Medikamente die höchsten Kosten verursachen. Welche sind das?

Reich Seit Jahren sind dies Medikamente zur Krebs- und Immuntherapie, und zwar mit Abstand. Diese Arzneimittel sind sehr teuer, werden aber nur für eine kleine Anzahl Personen benötigt. Die Kosten pro Kopf sind somit immens. Auffällig ist, dass die Preise für Medikamente zur Krebstherapie stetig und sehr stark steigen. Grund dafür ist, dass in diesem Bereich regelmässig neue, teure Produkte auf den Markt kommen. Die zweite Medikamentengruppe, die hohe Kosten verursacht, ist diejenige der Schmerzmittel. Dafür ist nicht der Preis, sondern die Menge verantwortlich. Bedingt durch die demografische Entwicklung wird sich das wohl weiter nach oben entwickeln. Wir leben immer länger, und mit dem Alter kommen auch die Beschwerden.

Müssen wir einfach in Kauf nehmen, dass die Medikamentenkosten weiter steigen?

Es darf so nicht weitergehen. Was den Preisbildungsprozess betrifft, müsste man dringend über die Bücher. Wenn etwa in der Krebstherapie jede Innovation um ein Vielfaches teurer ist als bestehende Mittel, werden wir dies irgendwann nicht mehr finanzieren können. Die Folge davon wäre, dass nicht mehr alle Zugang zu den besten Medikamenten erhalten, denn es werden sich nicht mehr alle diese Medikamente leisten können. Eine Rationierung wäre die Folge. Dies wollen wir sicherlich nicht.

Wie könnte man denn diese Aufwärtsspirale bei den Kosten durchbrechen?

Momentan wird dem Kosten-Nutzen-Aspekt zu wenig Beachtung geschenkt. Oft wissen wir gar nicht, ob das neue innovative Präparat den gewünschten Fortschritt bringen wird. Tatsächlich bringen nur wenige neue Medikamente den grossen Mehrwert in der Therapie. Doch diese teuren Medikamente sind auf dem Markt und werden auch verschrieben. Eine weitere Frage ist: Weshalb müssen Innovationen automatisch teurer sein als das bestehende Produkt? Müsste nicht umgekehrt das bestehende Präparat günstiger werden, weil es an Wert verliert? In anderen Bereichen kommen Innovationen auf den Markt und verdrängen die alten Produkte. Diese alten müssen in der Folge mit dem Preis runter, um konkurrenzfähig zu bleiben. So spielt in der Regel der Markt. Solche Mechanismen könnten auch für Medikamente Gültigkeit haben. Zumindest sollte man hierüber diskutieren können.

Welche Parteien müssen da in die Pflicht genommen werden?

Die Pharmaindustrie genauso wie der Bund und die Politik. Der freie und rasche Zugang zu Arzneimitteln, unabhängig von Einkommen oder anderen Kriterien, ist ein wichtiger Grundpfeiler unseres Systems. Wir müssen zudem die gesellschaftliche Diskussion führen und die Frage stellen: Was ist uns wie viel Wert im Bereich der Arzneimittel? Wir müssten unsere Zulassungsmechanismen hinterfragen. Weshalb nicht neuen Medikamenten zunächst einen auf zwei Jahre befristeten Zugang gewähren und beobachten, ob der propagierte Nutzen wirklich eintrifft? Ist das Ergebnis negativ, müsste der Preis massiv sinken oder das Medikament gestrichen werden. Heute sind teilweise immer noch Medikamente auf der Spezialitätenliste – und werden verschrieben –, die keine Evidenz haben. Als Beispiel hierzu erwähnen wir just im diesjährigen Arzneimittelreport Chondroitinsulfat. Solche Medikamente verursachen nur Kosten und könnten ersatzlos gestrichen werden.

Und wie sieht es mit Generika aus? Damit lassen sich die Kosten doch senken?

Das stimmt. Allerdings liegt der Generika-Anteil in der Schweiz bei geringen 15 Prozent. Bei den OECD-Ländern liegt der Generika-Anteil im Schnitt bei 50 Prozent. In Deutschland und England liegt er gar bei 80 Prozent. Hier haben wir also noch viel Potenzial.

Die Autoren

Fabienne Biétry, Dr. Nadine Schur, Dr. Alena Pfeil, PD Dr. Matthias Schwenglenks und Prof. Dr. Christoph Meier vom Universitätsspital Basel (USB) sowie vom Institut für Pharmazeutische Medizin (ECPM) der Universität Basel haben den Arzneimittelreport verfasst. Sie haben in naturwissenschaftlichen Fächern, Pharmazie sowie Soziologie und Politikwissenschaft abgeschlossen und Praxiserfahrung im Gesundheitsbereich erlangt. Pascal Egger, Programmierer an der Universität Basel unterstützte die Autoren. PD Dr. med. Balthasar Hug und Prof. Dr. med. Niklaus Friedrich, Leitende Ärzte des Universitätsspitals Basel, haben Beiträge für den Arzneimittelreport verfasst. Dr. Oliver Reich, Leiter Abteilung Gesundheitswissenschaften, sowie Gesundheitsökonom Mathias Früh begleiteten den Report seitens Helsana.

Der Helsana Arzneimittelreport 2015

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