Nur ein Systemwechsel bringt die Medikamentenpreise runter

Guido Klaus, 18.11.2015

Medikamente sind in der Schweiz oft viel teurer als im Ausland. Weshalb ist das so, und wie liesse sich das das ändern? Klar ist, ohne eine grundlegende Änderung des Medikamentenpreis-Systems geht es nicht. Ansetzen muss man bei allen involvierten Parteien: beim Hersteller, dem Arzt, dem Apotheker, sowie beim Bundesamt für Gesundheit.

Kosten

Konsumentinnen und Konsumenten fällt auf, dass Medikamente hierzulande einiges mehr kosten als im Ausland. Gleichzeitig fordert der Schweizer Preisüberwacher regelmässig günstigere Medikamente. Die hohen Medikamentenpreise sind somit ein mediales Dauerthema. Was viele nicht wissen: Bei den Medikamentenpreisen in der Schweiz handelt es sich um behördlich festgesetzte Preise. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) legt die Preise fest; sie sind Resultat eines klar strukturierten Zulassungsprozesses und einer relativ komplexen Regulierung, wobei am Schluss meistens eine Verhandlungslösung mit der betroffenen Pharmafirma zustande kommt. Denn ohne Einwilligung der beantragenden Firma kommt das Präparat gar nicht erst auf den Markt.

Zusammensetzung des Medikamentenpreises

Die Medikamentenkosten machen in der Grundversicherung schliesslich rund 20 Prozent der Gesamtkosten aus. Reformen könnten der Grundversicherung eine massgebliche Entlastung bringen.

Durchschnittliche Bruttokosten OKP

Tiefere Kosten dank Festbetragssystem für Generika

Der aktuellste Preisvergleich vom Februar 20151 zeigt, dass die Generikapreise in der Schweiz im Vergleich zu denjenigen in Vergleichsländern2 fast doppelt so hoch sind. Gleichzeitig fehlt es an deren konsequenter Verschreibung und somit weiterer Verbreitung im Markt.

Damit die Preise hierzulande sinken, braucht es dringend einen Systemwechsel, der im Bereich der patentabgelaufenen Medikamente den Wettbewerb unter den sich konkurrenzierenden Anbietern ankurbelt. Ein Festbetragssystem könnte dies erreichen. Der Preisüberwacher ist überzeugt, dass mit diesem Systemwechsel rund 400 Millionen Franken eingespart werden könnten. Im Ausland hat sich dieses System bereits bewährt. Und so funktioniert das Festbetragssystem: Im Rahmen einer Ausschreibung unterbieten sich die verschiedenen Hersteller austauschbarer Arzneimittel, und das BAG legt den jeweils günstigsten Preis als Festbetrag fest.

Wichtig ist, dass ein Systemwechsel zum Festbetragssystem mit einer Verschreibungspflicht für die Ärzte einhergeht. Diese müssten das jeweils günstigste Präparat verschreiben. Wo Ärzte Medikamente nur verschreiben und nicht selbst abgeben, sollten sie nur den Wirkstoff verordnen: Bezieht der Patient das Medikament mit dem verschriebenen Wirkstoff in der Apotheke, muss der Apotheker das günstigste abgeben. Das Festbetragssystem darf aber nicht dazu führen, dass Patientinnen und Patienten ständig zu dem momentan günstigsten Präparat wechseln müssen. Denn das neue System darf keine Verunsicherung der Patienten oder eine Verschlechterung der Medikamentensicherheit zur Folge haben. Der behandelnde Arzt soll weiterhin in begründeten Ausnahmesituationen ein bestimmtes Präparat verschreiben können, ohne dass der betroffene Patient eine Zuzahlung leisten muss.

Es braucht Anreize zur Verschreibung des günstigsten Medikaments

Im Zusammenhang mit der Verschreibung und Abgabe von Medikamenten stellt sich die Frage, inwiefern diejenigen, welche die Medikamente verschreiben und abgeben, an jenen mitverdienen. Auch finanzielle Anreize wie Rabatte und Rückerstattungen beim Einkauf von Arzneimitteln spielen da eine Rolle. Die Revision des Heilmittelgesetzes, das sich zurzeit im Parlament in der Differenzbereinigung befindet, soll dieses Problem lösen: Die gewährten Rabatte und Vergünstigungen sollen nicht verboten werden, wenn sie transparent ausgewiesen und mindestens teilweise an die Versicherten weitergegeben werden. Dies muss in den Verträgen mit den Versicherern geregelt sein.

Die heutige Margenordnung – die ebenfalls vom BAG fixiert wird – setzt einen Anreiz, tendenziell teurere Medikamente zu verschreiben. Versicherer und Ärzte- sowie Apotheker-organisationen sind sich dieser fraglichen Anreizmechanismen bewusst und fordern deshalb seit Langem eine Änderung: Die Margen sollten in jedem Vertriebskanal zwischen den Tarifpartnern verhandelt werden können. Mit diesem neuen Ansatz wäre es besser möglich, gute Beratungsleistungen zu honorieren und die Qualität der Medikamentensicherheit zu erhöhen.

Preise regelmässiger überprüfen

Das BAG ist gemäss gesetzlichem Auftrag verpflichtet, die Medikamentenpreise regelmässig zu überprüfen und anzupassen. Dies geschieht momentan nur alle drei Jahre. Im Sinne der Gewährleistung von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit muss die regelmässige Evaluation der Medikamente komplett neu konzipiert werden. Dies sollte folgendermassen aussehen:

  • Bei der erstmaligen Neuaufnahme eines Medikamentes liegen in der Regel noch keine umfassenden Daten aus der konkreten Versorgung vor. Ob die von der Zulassungsinhaberin vorgelegten wissenschaftlichen Studien auch dem medizin-therapeutischen Alltag standhalten, kann erst viel später beurteilt werden. Deshalb sollte jedes neue Medikament grundsätzlich nur provisorisch in den Grundleistungskatalog aufgenommen werden. Nach zwei bis drei Jahren muss dann eine seriöse Überprüfung stattfinden; erst dann sollte ein Arzneimittel definitiv aufgenommen werden, vorausgesetzt, die Aufnahmekriterien sind zweifelsfrei erfüllt.
  • Definitiv aufgenommene Arzneimittel sind nach einem vereinfachten Verfahren jedes Jahr einer Preisüberprüfung zu unterziehen. Nur so kann im System der staatlich fixierten Preise die Dynamik im Markt konsequent abgebildet werden.
  • Heute gewährt das BAG Firmen einen Innovationszuschlag von bis zu 80 Prozent. Diesen erhalten sie, wenn sie ein neues Medikament auf den Markt bringen, das einen grossen therapeutischen Fortschritt verspricht. Dieser Innovationszuschlag muss grundsätzlich hinterfragt werden, denn er treibt die Medikamentenpreise in die Höhe. Bei der Preisfestsetzung sollten deshalb nicht nur die Kosten zwischen der neuen und der bisherigen Standardtherapie verglichen werden. Vielmehr müssten auch Kosten und Nutzen im Hinblick auf die finanziellen Auswirkungen auf das Gesundheitssystem berücksichtigt werden.

Beschwerderecht für Versicherer notwendig

Aktuell haben ausschliesslich die pharmazeutischen Firmen ein Antrags- und Beschwerderecht. Sie können ein Gesuch um Aufnahme eines neuen Arzneimittels in die Spezialitätenliste stellen, können aber auch Beschwerde gegen Verfügungen des BAG führen, sollten sie mit einem Entscheid des BAG nicht einverstanden sein. Zum Beispiel im Falle einer Ablehnung, falls der beantragte Preis nicht gutgeheissen wird, oder bei einer verfügten Preisänderung im Rahmen der ordentlichen Preisüberprüfung. Weder die Versicherten noch die Versicherer haben ein entsprechendes Rechtsmittel in der Hand, um allenfalls gegen zu hoch angesetzte Medikamentenpreise vorgehen zu können. Helsana fordert deshalb ein Beschwerderecht auch für die Versicherer.

  1. IMS Pricing Insight, MAT Nov. 2014, Preise Schweiz und Referenzländer von Nov. 2014, RX Produkte exkl. Patentgeschützte Produkte
  2. Folgende Länder werden im Länderkorb der Schweiz berücksichtigt: Deutschland, Dänemark, Frankreich, Holland, Österreich, Belgien, Schweden, England und Finnland.

* Leiter Ökonomie & Politik bei der Helsana-Gruppe

Weitere Beiträge rund um die Medikamentenpreise

  • Wieso sind unsere Medikamente nur so teuer? Wie stelle ich als Konsument sicher, dass ich ein kostengünstiges Medikament beziehe? Antworten dazu im Helsana-Kundenmagazin Senso vom November 2015.
  • «Für die umsatzstärksten Generika bezahlen wir bis zu fünf Mal mehr als die Holländer», sagt Preisüberwacher Stefan Meierhans im Interview.

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