Forschung alleine macht noch lange nicht gesund

Alice Fiorentzis, null

Die Schweiz liegt punkto Innovation weltweit an der Spitze. Doch damit allein lässt sich der Podestplatz nicht verteidigen. Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung von Helsana erfahren am Beispiel des Uniklinikums in Heidelberg, wie zentral Kooperationen für ein leistungsfähiges und fortschrittliches Gesundheitssystem sind.

Strategie / Forschung

Am Tumorboard im Uniklinikum Heidelberg besprechen Ärzte den Krankheitsverlauf und erarbeiten einen individuellen Therapievorschlag. Bild: Philipp Benjamin

Die meisten nichtübertragbaren Krankheiten, wie zum Beispiel Diabetes, sind trotz der enormen Fortschritte in der modernen Medizin bis heute noch nicht heilbar. Sie gelten daher als chronisch und müssen oft ein Leben lang behandelt werden. In einer Zeit begrenzter Ressourcen rückt dieser Bereich auch für Krankenversicherer verstärkt in den Fokus – nicht zuletzt deshalb, weil die Anzahl chronisch kranker Personen sowie der Anteil älterer Leute und die Lebenserwartung steigen.

Somit stellt sich eine berechtigte Frage: Wie lange ist Innovation finanziell tragbar, wenn immer mehr Menschen über einen immer längeren Zeitraum davon betroffen sind? Für Helsana ist klar: Wir verzichten nicht auf Innovation. Unsere Versicherten sollen Zugang zu den neuesten Technologien haben und von den aktuellsten Behandlungsmethoden profitieren. Diese sollen sich aber lohnen. Für den Patienten – ohne Einbussen in der Lebensqualität. Für das System – ohne Hypothek für die zukünftigen Generationen.

Die Schweiz bietet hervorragende Voraussetzungen für Innovation und belegt dabei im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz. Damit wir auch in Zukunft ganz vorne mitmischen können, müssen wir wissen, was Innovation von morgen bedeutet. Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung von Helsana haben sich auf die Suche gemacht und sind am Uniklinikum Heidelberg und am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) fündig geworden – dort, wo zwei Nobelpreisträger erkoren wurden und ein neuartiges Verständnis von Medizin gelebt wird.

Ein Chefarzt für mehrere Spitäler

Das Uniklinikum Heidelberg ist der wichtigste Versorger der Rhein-Neckar-Region. Siebzig Prozent der Heidelberger Bevölkerung und vierzig Prozent aus dem umliegenden Einzugsgebiet lassen sich hier behandeln. Der Neckar trennt die Stadt vom Uniklinikum. Die Institute und Kliniken auf dem Gesundheitscampus sind kreisförmig angelegt und unterirdisch miteinander verbunden. Die Wege sollen für Patienten und Personal möglichst kurz sein. Der Patient steht mittendrin. Die durch umsichtiges Management erzielten Gewinne werden zugunsten des Patienten reinvestiert, zum Beispiel in den Bau neuer oder den Ausbau bestehender Institute. Künftig will man grössere Kreise ziehen und Flachdächer aufstocken. Das medizinische Konzept in Heidelberg lautet: Maximalversorgung am Universitätsklinikum, Standardeingriffe aus der Grundversorgung in den regionalen Spitälern. Die Chefärzte sind zeitgleich für mehrere Spitäler zuständig. So lassen sich Umsetzungs- und Kommunikationswege verkürzen.

Massgeschneiderte Behandlung für Krebspatienten

Eine grosse Bedeutung kommt in Heidelberg der Onkologie zu. Das Uniklinikum arbeitet in diesem Bereich eng mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) zusammen. Mit seinen 3500 Mitarbeitenden forscht das DKFZ besonders intensiv im Bereich der personalisierten Onkologie.

«Heute erzielen wir trotz gezielterer Therapien immer noch zu grosse Ergebnisunterschiede bei Krebsbehandlungen bei namentlich gleichen Tumoren», sagt Prof. Dr. Dr. h.c. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKFZ. Das gehe auf Kosten von Ressourcen und wertvollen Lebensjahren des Patienten. Erkenntnisse aus der Genetik lassen den Schluss zu, dass die Krebsdiagnose individueller und die Behandlung zwangsläufig massgeschneidert werden muss. Denn: Wenn einmal genetisch entschlüsselt, ist jeder Tumor einzigartig.

Der Tenor in Heidelberg ist klar: Forschung allein bringt dem Patienten nicht viel. Insbesondere in der Onkologie, wo die Behandlung unter Zeitdruck steht, möchte man schnell handeln. Deshalb setzt Heidelberg auf Translation – die neuesten Forschungserkenntnisse sollen möglichst rasch an das Patientenbett gebracht werden.

Auf das Tempo kommt es an

Translation erfolgt in Heidelberg in zwei Schritten. Die erste Translation startete mit der Gründung des Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Diese gemeinsame Einrichtung vom Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Universitätsklinikum Heidelberg ist die erste Anlaufstelle für alle Heidelberger Krebspatienten und ermöglicht vielen Betroffenen, an klinischen Studien teilzunehmen. Das NCT pflegt einen interdisziplinären Ansatz – jeder Patient wird von verschiedensten medizinischen Fachärzten gemeinsam besprochen und so die bestmögliche Therapie erarbeitet. Der Campus macht es möglich.

In der zweiten Translation geht es darum, die erfolgreichen klinischen Ergebnisse in die Praxis zu übertragen. Prof. Dr. Walter E. Haefeli, klinischer Pharmakologe vom Universitätsklinikum Heidelberg, zeigt, wie viel in der Praxis schief gehen kann. Studien belegen, dass lediglich 3 Prozent der Eltern ihren Kindern die verordnete Medikation korrekt verabreichen. Überdosierungen, Kontraindikationen, Dokumentationsfehler sind leider an der Tagesordnung. Was nützt also Forschung, wenn sie nicht korrekt angewendet wird? Ein elektronisches Instrument namens AiD Klinik verschafft hier Abhilfe und vereinfacht für Patienten und Ärzte den Umgang mit Medikation. Insgesamt reduziert das System die Komplikationsrate um 50 Prozent.

In Heidelberg ist Geschwindigkeit ein zentrales Thema, das sich nicht nur an den unterirdischen Gängen und an den spitalübergreifenden Chefarztpositionen bemerkbar macht. Laut Prof. Wiestler liegt es auf der Hand, dass man Szucs und Schmutz gemeinsam schneller unterwegs ist als alleine. Deshalb sind Kooperationen in Heidelberg nicht mehr wegzudenken. Sie beschleunigen die Innovationskette um ein Vielfaches. «Kooperationen werden zunehmen, weil heute kein Partner die komplexe Innovationskette in der Medizin alleine stemmen kann», fügt Prof. Wiestler an. Das DKFZ sieht es aber durchaus realistisch: Innovationen sind teuer. Studien müssten so geplant werden, dass die geprüften Behandlungen in nicht allzu ferner Zukunft erstattbar seien. Deshalb sei es wichtig, Krankenversicherer bereits am Anfang der Innovationskette einzubinden.

Starre Führungsstrukturen aufbrechen und Zugang sichern

Wenn es darum geht, Innovationsprozesse in der Schweiz zu beschleunigen, sieht Prof. Dr. med. Thomas Szucs, Verwaltungsratspräsident von Helsana, ein zentrales Governance-Problem. Inspiriert vom Führungsverständnis in Heidelberg glaubt er, dass viele Schweizer Forschungszentren sich davor scheuten, öffentlich-private Partnerschaften einzugehen. Dafür verantwortlich macht er die Befürchtung der Institute, ihre akademische Unabhängigkeit ablegen zu müssen. Ein Blick nach Basel, dem Pharma-Standort schlechthin, genüge, um zu erkennen, dass das Potenzial längst nicht ausgeschöpft ist.

Wie Daniel H. Schmutz, CEO von Helsana, betont, zeichne sich das Schweizer Gesundheitssystem vor allem durch den Gruppenbild weltweit besten Zugang zur medizinischen Versorgung aus. Es gehe in erster Linie darum, diesen zu wahren. «In Sachen Innovation fehlt es der Schweiz an Mut, grosse Würfe zu machen», so Schmutz. Grössere Veränderungen seien schwierig zu realisieren. Das hätte damit zu tun, dass unser System dezentral aufgebaut ist und sich vieles im Lokalen abspielt. Dies habe durchaus seine positiven Seiten, führe aber bei kantonsübergreifenden Themen zu einem Rückstand gegenüber anderen Gesundheitssystemen. Für Krankenversicherer sei es wichtig, Fehlanreize zu verringern. Nur so könne man den Patienten ins Zentrum rücken. Und nur so liesse sich der gemeinsame Nenner aller Akteure finden. «Mit unserer neuen Strategie haben wir die Voraussetzungen dafür geschaffen und werden in Zukunft viel mehr durch die Brille des Versicherten blicken.»

Innovation im Wandel

Forschung alleine wird der Schweiz den Spitzenplatz nicht mehr für lange Zeit sichern. Während früher Innovation mit pharmazeutischen Erneuerungen gleichgesetzt wurde, ist morgen derjenige innovativ, der die Umsetzung beherrscht. Das Beispiel Heidelberg zeigt, dass nicht die Grösse, sondern die kurzen Wege und die durchdachten Prozesse langfristig die Existenz des Klinikums im Sinne der Patienten garantieren. Partnerschaften gelten dafür als Basis. Daraus folgt, dass Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Akteuren des Gesundheitswesens mehr Chancen denn Hindernisse bedeuten.

Wegbereitende Forschung

Prof. Dr. med. Dr. h.c mult. Harald zur Hausen, Nobelpreisträger und Wegbereiter der Gebärmutterhalskrebsimpfung, erinnert Prof Dr med Thomas Szucs uns daran, dass zwar die Mortalität von Krebs in den letzten Jahren durch neue Therapiemöglichkeiten abgenommen hat, die Fälle von Krebs aber weiter steigen. Auch in der Prävention ist seitens der Forschung mit grösseren Innovationen zu rechnen.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Harald zur Hausen, Träger des Nobelpreises für Medizin (rechts), im Gespräch mit Prof. Dr. med. Thomas D. Szucs, VR-Präsident von Helsana. Bild: Alice Fiorentzis, Helsana

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