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Ambulante Behandlungen und die Kehrseite der Medaille

Guido Klaus

Immer mehr ambulante anstatt stationäre Eingriffe. Was gut ist fürs Gesamtsystem, entlastet den Prämienzahler nicht, solange ambulante und stationäre Leistungen ungleich finanziert werden.

Der medizinische Fortschritt ermöglicht es, dass immer mehr Behandlungen ambulant durchgeführt werden können, die früher stationär gemacht werden mussten. Das spart fürs Gesamtsystem Kosten ein. Die Kosten ambulanter Behandlungen in Spitälern und in der ärztlichen Versorgung steigen jedoch überdurchschnittlich an, wie der Ausgabenreport von Helsana zeigt: Die Kosten im Bereich Arzt ambulant sind zwischen 2008 und 2015 um 37 Prozent angestiegen, jene im Bereich Spital ambulant gar um 52 Prozent (siehe Tabelle).

Ein Teil der Kostensteigerung ist auf die Zunahme der Tarmed-Taxpunkte pro Patient zurückzuführen, es werden also mehr ärztliche Tätigkeiten verrichtet und verrechnet. Schweizweit sind die Taxpunkte pro Patient gemäss Helsana-Report Ausgabenentwicklung in der Gesundheitsversorgung 2016 im Spital von 2012 auf 2015 um 7 Prozent, bei den Grundversorgern um 10 Prozent und bei den Spezialisten um 14 Prozent angestiegen.

Politische Massnahmen zur Eindämmung wie der Ärzte-Zulassungsstopp scheinen nicht sonderlich wirksam zu sein. Im spitalambulanten Bereich existieren sie nicht einmal. Der kürzlich durch den Bundesrat beschlossene Eingriff in den ambulanten Tarif Tarmed soll zu einer Entlastung von mehreren Hundert Millionen Franken führen, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass der Tarmed dringend grundsätzlich reformiert werden sollte. Die Tarifpartner sind also gefordert.

Nur mit einer einheitlichen Finanzierung kommt «ambulant vor stationär» beim Prämienzahler an

«Ambulant vor stationär» bringt also höhere ambulante Kosten, aber fürs Gesamtsystem Einsparungen, da ambulante Behandlungen verglichen mit ihrem stationären Pendant in der Regel deutlich günstiger sind. Doch die Einsparungen kommen im gegenwärtigen Finanzierungsregime nicht beim Prämienzahler an. Denn während im stationären Bereich 55 Prozent der jeweilige Kanton übernimmt und 45 Prozent der Prämienzahler, geht die ambulante Behandlung zum 100 Prozent zulasten des Prämienzahlers. Die Lösung ist offensichtlich: Damit auch der Prämienzahler von der Verlagerung von stationär nach ambulant profitiert, braucht es eine einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen – nach einem festen Schlüssel der Kostenbeteiligung durch Kantone und Versicherer. Nur so profitiert der Prämienzahler von der Verlagerung von stationär nach ambulant – durch tiefere Versicherungsprämien und ein effizienteres System, indem ein wichtiger Fehlanreiz endlich behoben würde..

Der Bundesrat setzte ein wichtiges Zeichen

Nun hat der Bundesrat eingegriffen. Denn obwohl sich die Tarifpartner einig waren, dass der Tarmed revidiert werden muss, wurde in jahrelangen Verhandlungen keine Einigung erzielt. Der bundesrätliche Verordnungsentwurf, welcher im Frühjahr 2017 in die Vernehmlassung geschickt wurde, sah eine Anpassung der Tarifstruktur vor, der zu Einsparungen von rund 700 Millionen Franken führen sollte. Nach Berücksichtigung der teilweise nachvollziehbaren und berechtigten Kritik seitens der Ärzte und Spitäler geht die nun definitive Verordnung von immerhin noch 470 Millionen Franken aus. Das entspricht zwar nicht vollständig den Vorstellungen der Mitglieder von curafutura, welche über ihren Verband sachlich begründete Einsparungen im Umfang von jährlich 600 Millionen geltend machten. Aber auch die knappe halbe Milliarde Franken ist substanziell, entspricht dies doch immerhin rund 1,5 Prämienprozenten. Auch wenn davon auszugehen ist, dass es zu Kompensationen durch Ärzte und Spitäler kommen wird, ist das Signal klar: Einigen sich die Tarifpartner nicht auf eine Revision, handelt der Bundesrat. Der Eingriff soll aufrütteln.

An der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung ändert der Eingriff des Bundesrates freilich nichts. Weder wird, wie von nicht wenigen Spezialisten schwarzmalerisch behauptet, die Qualität der Gesundheitsversorgung darunter leiden noch der Zugang zu medizinischen Leistungen in irgendeiner Weise eingeschränkt.

Nun braucht es dringend eine Gesamtrevision

Der beschlossene Tarifeingriff behebt einige Fehltarifierungen sowie Doppelvergütungen und berücksichtigt die technologische Entwicklung ein Stück weit. Es bleibt zu hoffen, dass er die Tarifpartner zur Raison bringt und die Revisionsarbeiten des veralteten Tarmeds bald wieder aufgenommen werden. Denn es bedarf weiterer Massnahmen, um die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen zu dämpfen und die Finanzierung des Systems nachhaltig sicherzustellen.

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