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Das Schweizer Krankenversicherungsgesetz

Daliah Kremer/Alice Fiorentzis

Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) erhitzt seit über 20 Jahren die Gemüter. Was sind die positiven Seiten des KVG? Welche Probleme gibt es?

Kaum ein Thema macht mehr Schlagzeilen: Ganze 23 000 Mal berichteten 200 verschiedene Medien im Jahr 2015 über das Gesundheitswesen. Auch an der Urne stehen Anliegen rund um die Gesundheit regelmässig auf dem Programm. 13 Initiativen sind seit Einführung des KVG zur Abstimmung gekommen. Dies entspricht 20 Prozent aller Initiativ-Abstimmungen. Weder Steuern, Einwanderungspolitik, AHV noch Energiethemen erhitzen die Gemüter der Schweizerinnen und Schweizer stärker.

Ineffizienzen belasten das System

Zwei Ziele wurden seit Lancierung des KVG erreicht: die erfolgreiche Einführung des Solidaritätssystems sowie eine hochstehende Gesundheitsversorgung. Gescheitert ist hingegen die Kostendämpfung. Die jährlichen Ausgaben sind in der Grundversicherung von anfänglich 13,4 auf mittlerweile über 31 Milliarden Franken gestiegen. Die Frage, weshalb unser Gesundheitssystem so viel kostet, ist nicht einfach zu beantworten. Der medizinische Fortschritt, der Wohlstand, die Alterung der Gesellschaft, der Föderalismus, sie alle treiben die Kosten in die Höhe.

Viel Luft im System

Was den Wohlstand betrifft, so lässt sich in verschiedenen Ländern beobachten, dass wirtschaftliches Wachstum mit steigenden Gesundheitskosten einhergeht. Auch das immer höhere Alter treibt die Kosten in die Höhe: Multimorbidität – das heisst, mehrere Krankheiten gleichzeitig bei einer Person – und chronische Krankheiten nehmen zu. Und dies kostet. Allerdings ist sich die Wissenschaft nicht einig, wie stark diese Faktoren die Kosten jeweils real beeinflussen. Ebenfalls trägt der Föderalismus zur Ineffizienz bei: 26 Kantone – 26 Gesundheitssysteme. Dass jeder Kanton darauf bedacht ist, seine Autonomie auch in Bezug auf das Gesundheitswesen zu behalten, ist nachvollziehbar. Dieses System aufrechtzuerhalten, hat aber auch seinen Preis.

Reformieren in kleinen Schritten

Sinnvolle Lösungen liegen für diese Problemfelder aber nach wie vor nicht auf dem Tisch. Das nicht erreichte KVG-Ziel wird uns in die nächsten 20 Jahre Schweizer Gesundheitswesen begleiten. Fest steht: Das KVG wird dieses Problem nicht lösen können. Es ist ein Finanzierungsgesetz und kein Gesundheitsgesetz. Das kann nur ein Dialog. Der Schlüssel für Reformen in der Schweiz sind erfolgreiche Projekte auf kantonaler Ebene. Sie bieten die Möglichkeit, über die Kantonsgrenze hinaus zu wirken und schweizweit Schule zu machen.

Das KVG – eine Schweizer Erfolgsstory?

Das Buch «Das KVG – eine Schweizer Erfolgsstory?» beleuchtet 20 Jahre Krankenversicherungsgesetz in der Schweiz. 20 Experten ziehen Bilanz und unterziehen es einer kritischen Würdigung. Herausgeber des Buches ist Thomas D. Szucs. Er ist Professor und Direktor des Instituts für Pharmazeutische Medizin an der Universität Basel, Schweiz, und seit 2010 Verwaltungsratspräsident der Helsana-Gruppe.

Erschienen im Orell Füssli Verlag, ISBN 978-3-280-05620-2

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