November 2015

Preisüberwacher Stefan Meierhans im Interview

Insbesondere die Preise für Generika sind in der Schweiz viel zu teuer. Dieser Ansicht ist der Preisüberwacher. Schuld daran seien falsche Anreize bei der Reglementierung. Damit die Preise sinken, braucht es ein Festbetragssystem, sagt Stefan Meierhans im Interview.

Helsana: Herr Meierhans, warum bezahlen wir Schweizer für ein Medikament bis zu drei Mal mehr als unsere Nachbarn in Deutschland oder Frankreich?

Stefan Meierhans: Tatsächlich sind die Preise für Medikamente, insbesondere jene für Generika, bei uns zum Teil viel teurer als im Ausland. Unser Gesundheitsmarkt ist stark reguliert. Die vielen Vorschriften sind zwar auch im Sinne der Patienten. Gleichzeitig enthalten sie aber Fehlanreize und Fehlregulierungen.

Das müssen Sie uns näher erklären.

Der Gesundheitsmarkt ist ein Anbietermarkt. Das heisst: Die Mediziner und die Industrie verfügen über einen grossen Wissensvorsprung in praktisch allen Bereichen. Ein Beispiel: Wenn Ihnen Ihr Arzt sagt, Sie benötigen ein bestimmtes Medikament, damit es Ihnen besser geht, dann glauben Sie ihm. Sie selbst können die Wirkung ja nicht beurteilen. Und genau deswegen funktioniert der Wettbewerb nicht richtig. Es mangelt zudem an Transparenz bezüglich Qualität und Kosten und leider haben wir bei der Preisfestsetzung schlechte Karten in der Hand.

Inwiefern?

Unsere Reglementierung ist nicht mehr zeitgemäss und bietet falsche Anreize. Deshalb kosten einzelne Medikamente in der Schweiz zum Teil ein Vielfaches vom Preis im benachbarten Ausland.

Welches sind die falschen Anreize?

Der Innovationszuschlag zum Beispiel gehört abgeschafft. Neue und bessere Medikamente verdrängen die alten automatisch, da muss man diesen nicht noch einen Preiszuschlag gewähren. Ausserdem sollte jedes Medikament grundsätzlich nur für 2 bis 3 Jahre provisorisch auf die Arzneimittelliste genommen werden – in dieser Zeit muss es sich sowohl in der Wirksamkeit als auch in der Wirtschaftlichkeit bewähren. Zu den falschen Anreizen zählen zweifellos auch die Margen, die anfallen, bis ein Medikament vom Hersteller zum Patienten gelangt – sie sind eindeutig zu hoch.

Was stört Sie daran?

Die zu hohen Prozent-Margen beinhalten den Anreiz für Apotheken und selbstdispensierende Ärzte, zu teure Medikamente zu verschreiben. Natürlich sollen Ärzte und Apotheker den Anreiz haben, möglichst günstig einzukaufen und gegen Rabatte ist auch nichts einzuwenden. Doch diese Preisvorteile sollten in irgend einer Form an die Versicherten weiter gegeben werden.

Muss denn der Staat die Medikamentenpreise überhaupt festsetzen?

Ja, weil die obligatorische Krankenversicherung, die eben auch verordnete Arzneien übernimmt, eine Sozialversicherung ist. Wir alle bezahlen solidarisch dafür und können nicht einfach aussteigen. Es besteht ein Zwang für diese Versicherung. Der Staat aber sollte mit stabilen Medikamenten-Preisen sicherstellen, dass das System nicht missbraucht und überstrapaziert wird und auch in Zukunft bezahlbar bleibt. Er muss schliesslich das beste Ergebnis zum bestmöglichen Preis garantieren.

Welchen Einfluss auf die Preise haben Sie als Preisüberwacher?

Wenn das Bundesamt für Gesundheit bei den Medikamenten die Preise festlegt, muss es mich informieren. Ich kann dann meine Empfehlung dazu abgeben. Laut Gesetz habe ich ein verschärftes Empfehlungsrecht. Sind wir nicht gleicher Meinung, was vorkommt, muss das Bundesamt für Gesundheit dies öffentlich begründen. Es würde aber zu weit führen, wenn ich bei jedem einzelnen Medikament angehört würde und eine Empfehlung abgeben würde. Die Preisüberwachungsbehörde beschränkt sich deshalb darauf, bei grundsätzlichen Systemfragen wie der Preisbildung oder der Nutzenbewertung von Medikamenten ihre Empfehlung abzugeben und so auf die Spielregeln einzuwirken. Diese werden dann bei jedem Medikament gleichermassen angewandt.

Sie fordern entschieden, dass Generika günstiger werden. Was läuft falsch?

Leider nutzen wir in der Schweiz noch immer zu wenig Generika. Und jene, die wir kaufen, sind viel zu teuer. Für die umsatzstärksten Generika bezahlen wir bis zu fünf Mal mehr als die Holländer! In Deutschland ist bereits jedes dritte Medikament ein Generikum. In der Schweiz liegt dieser Anteil lediglich bei 17 Prozent. Das hängt erstens mit der generikafeindlichen Preisregulierung im patentfreien Bereich zusammen, indem Generikahersteller jeweils alle Packungsgrössen des wirkstoffgleichen patentabgelaufenen Originals anbieten müssen. Zudem sind sie mit der wettbewerbshinderlichen Abstandsregel konfrontiert, die dazu führt, dass die Generikapreise 10-60 Prozent unter den Preisen der zugehörigen Originale zu liegen kommen. Zweitens müssen die Krankenversicherer ein teures patentabgelaufenes Original auch dann (abzüglich Selbstbehalt) bezahlen, wenn ein viel preiswerteres Generikum existiert. Schliesslich gibt es Fehlanreize im Vertrieb: Apotheker werden bis heute noch prozentual zum Verkaufspreis entschädigt. Ein Beispiel: Bei einem Ladenpreis von 100 Franken erhält ein Apotheker für das verkaufte Medikament 12 Prozent Marge. Kostet das Generikum noch 50 Franken, erhält der Apotheker nur noch 6 Franken Marge. Kein ökonomisch rechnender Mensch verzichtet freiwillig auf die Hälfte seines Erlöses!

Wie lautet Ihr Rezept gegen diesen Missstand?

Die Patienten sollen optimal versorgt werden. Dazu benötigen wir ein System, das berechenbar, voraussehbar und fair ist. Das kann man erreichen, indem man zunächst einmal den Markt spielen lässt. Die Unternehmen sollen selber entscheiden dürfen, zu welchem Preis sie ihre Medikamente anbieten möchten. Allerdings sollte nur der Preis eines günstigen Produktes von der Krankenkasse vollumfänglich vergütet werden. Wenn der Patient ausdrücklich das teurere Originalpräparat verlangt, muss er die Preisdifferenz selber berappen – es sei denn, dass ein Umstieg auf das wirkstoffgleiche Generikum aus medizinischen Gründen nicht vertretbar ist.

Im Ausland hat sich dieses Festbetragssystem bereits bewährt.

Insbesondere im Bereich der abgelaufenen Patente hat es dazu geführt, dass sich die Preise der Hersteller rund um diesen vergüteten Betrag eingependelt haben. Diese wollen schliesslich ihren Absatz sichern und senken darum die Preise für Generika. Wir haben ausgerechnet, dass wir in der Schweiz mit einem Festbetragssystem rund 400 Millionen Franken pro Jahr einsparen könnten. Das entspricht etwa 1,5 Prozent des Prämienvolumens.

Laufen wir so nicht Gefahr, der Billigmedizin Tür und Tor zu öffnen, wie der Vorwurf der Pharmaindustrie lautet?

Nein, wir können das Festbetragssystem sinnvoll auf die Schweiz adaptieren, da ja alle verkäuflichen Medikamente von der Swissmedic zugelassen sind, was eine hohe Qualität garantiert. Wir wollen im Gegensatz zu anderen Ländern, die das Festbetragssystem kennen, nicht, dass die Preise alle paar Wochen ändern und so die betroffenen Patientinnen und Patienten das Medikament oft wechseln müssen. Wir stellen uns vor, dass die Preise lediglich vier- bis sechsmal pro Jahr angepasst werden.

Welchen Einfluss hätte das Festbetragssystem auf Patienten, die aus medizinischen Gründen auf das Originalpräparat angewiesen sind?

Keinen. Aber, es braucht ein Umdenken. Auch bei den Leistungserbringern. Gerade chronisch kranke Patienten könnten von Beginn an mit Generika behandelt werden. Da liegen grosse Ersparnisse drin.

Sie kritisieren auch die hohen Hürden bei der Zulassung von Medikamenten.

In der Schweiz leisten wir uns den Luxus einer eigenen Zulassungsstelle, weil das unsere Pharmaindustrie so wünscht und sich damit eine schnellere Zulassung für einheimische Produkte erhofft! Das kann ich nur bedingt nachvollziehen, ich frage mich, ob wir das wirklich brauchen, es gäbe auch Alternativen.

Zum Beispiel?

Für im Ausland entwickelte Medikamente gelten in den USA zum Beispiel verkürzte Zulassungswege. Und in der EU gibt es Behörden, die Medikamente sogar länderspezifisch zulassen. Mit diesen könnten wir besser zusammenarbeiten. Das käme uns viel billiger. Unsere Zulassungspraxis ist so hürdenreich, dass sie zu einer Marktabschottung führt und die Preise in die Höhe treibt. Deshalb fordere ich eine Angleichung an die europäische Zulassungspraxis. Schliesslich kennt Europa ähnlich hohe Qualitätsstandards wie die Schweiz.

Interview: Guido Klaus, Andrea Hohendahl