November 2015

«Für viele sind wir die erste Anlaufstelle»

Durch das Aufkommen von Versandapotheken und die Verbreitung von Apotheken-Ketten steigt der Druck auf traditionelle Apotheken. Roman Schmid, Inhaber der Bellevue Apotheke im Herzen Zürichs, sieht darin mehr Chance denn Gefahr und hat sein Geschäftsmodell angepasst. Ein Blick hinter die Kulissen einer modernen Apotheke.

Apothekeninhaber gross

Roman Schmid, Inhaber der Bellevue Apotheke

«Kennst du deine Körperveranlagung? Progenom-Gentest» stand im Sommer 2015 in grossen Lettern auf die Schaufensterscheibe der Bellevue Apotheke geschrieben. Manch ein Passant verlangsamte den Schritt, einige blieben sogar stehen, um mehr zu erfahren. Aber mehr gab es nicht: Keine Infos, keine Produkte, nur ein Riesenposter mit dem TV-Testbild darauf.

Schaufenster wie dieses haben bei der Bellevue Apotheke Tradition. Aufmerksamkeit erhaschen, Neugier wecken, anregen und ab und an auch aufregen sind Teil des Geschäftsmodells: «Heute müssen wir uns bedeutend mehr einfallen lassen als noch vor 30 Jahren», sagt Roman Schmid, Inhaber der über 100-jährigen Zürcher Apotheke. «Zudem möchte ich den Leuten, die hier jeden Tag in grosser Zahl vorbeigehen, etwas bieten.»

Die Markenzeichen

Die grosse Zahl: «Wir bedienen im Schnitt 1000 Kunden pro Tag», sagt Schmid. Wir, das ist sein Team aus 58 Apothekern, Pharmaassistentinnen, Lernenden. Auch das eine grosse Zahl in Anbetracht des verhältnismässig kleinen Ladenlokals. Schmid erklärt sie damit, dass er seine Apotheke als 24-Stunden-Betrieb führt und zwar an 365 Tagen im Jahr. Zudem würden die Kunden einen speditiven Service erwarten. Sie strömen nicht gleichmässig ins Geschäft, sondern stossweise. Schmid hat daher einen ausgefeilten Einsatzplan entwickelt: In Spitzenzeiten, etwa über Mittag, ist viel Personal präsent, ab Mitternacht ist nur noch gerade ein Apotheker oder eine Apothekerin im Dienst. «In der Nacht läuft meistens nicht viel», erklärt Schmid, «das Geschäft rentiert in der Zeit auch nicht.» Dass er dennoch am Nachtdienst festhält, hat einen einfachen Grund: «Das ist eines unserer Markenzeichen.»

Das andere Markenzeichen der Bellevue Apotheke ist das grosse Angebot an Komplementärmedizin. «Da waren wir schon immer stark», sagt Schmid. «Stark» bezieht er nicht nur auf das Angebot, das von Bachblüten über Homöopathie, Spagyrik bis Phytopharmaka und Schüssler-Salze alles umfasst, sondern auch auf das Know-how, das er da zu bieten hat. «Der Bereich stellt hohe Anforderungen an das Personal», sagt der Apotheker, «und ich investiere viel in die Ausbildung unserer Mitarbeiter.»

Herausforderndes Umfeld

Dass sich unabhängige Apotheken mit Produkten und Know-how ausserhalb der klassischen Medizin ein Standbein aufbauen, ist gemäss Schmid unumgänglich. Zum einen, weil durch das Aufkommen der Versandapotheken und der Verbreitung von Apotheken-Ketten der Wettbewerb schärfer geworden ist. Zum andern, weil die Margen auch in dieser Branche unter Druck sind. Das Stichwort hierzu heisst Generika. Diese kosten 40 bis 60 Prozent weniger als das Original, und die Apotheken verdienen entsprechend weniger daran. Und das bei gleichbleibendem Aufwand für Lagerung, Registrierung sowie Verkauf.

Gegen den Margenschwund ist kein Kraut gewachsen, ergo müssen sich die Apotheker etwas einfallen lassen, um nicht vom Markt verdrängt zu werden. «Allein mit den Verschreibungen der Ärzte kommt man schon lange nicht mehr über die Runden», sagt Schmid.

Mikroskop

Abfüllen von Bachblüten im eigenen Labor. Dazu gehören zum Beispiel Notfalltropfen gegen Prüfungsangst.

Rezeptpflichtige Medikamente spielen in der Bellevue Apotheke noch knapp 40 Prozent des Umsatzes ein. «Der Rest ist sogenannter Handverkauf», sagt Schmid. Alternative Heilmittel spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Bellevue Apotheke ist aber auch bekannt für die Hausspezialitäten, die im eigenen Labor hergestellt werden, die Pelargonium-Pastillen gegen Erkältungskrankheiten etwa oder die Rosenwurz-Tropfen für mehr Gelassenheit und Energie. «Eine Nische, die ich pflege», sagt Schmid.

Der Bündner führt in seinem Sortiment insgesamt 15 000 Artikel in rund 100 000 Packungen. Ein anspruchsvolles logistisches Unterfangen: Die einen Arzneien müssen bei Raumtemperatur aufbewahrt werden, andere in der Kühle. Betäubungsmittel werden speziell gesichert gelagert, Teekräuter in einem absolut trockenen Raum, giftige Substanzen und explosive Chemikalien in einem feuersicheren. Für den Handel mit den gängigsten Medikamenten in Tablettenform hat Schmid einen hochmodernen Roboter angeschafft, der ein separates, verglastes Lagerabteil im Untergeschoss bewirtschaftet: Auf Eingabe im Computer an der Kasse liefert «Rowi» über ein ausgeklügeltes Transportsystem das gewünschte Mittel in Sekundenschnelle hoch in den Verkaufsladen. Wird es dann doch nicht verkauft, nimmt er die Packung zurück und spediert sie wieder an ihren Platz im Sous-Sol-Regal, entsprechende Registrierung inklusive.

IT und Hightech

Überhaupt spielt IT in der Bellevue Apotheke heute eine tragende Rolle. «Alles, vom Bestellwesen bis zum Service im Laden, muss schneller gehen», erklärt Schmid den Trend. An der Kundenfront setzt er auf ausreichend qualifiziertes Personal. Hinter den Kulissen auf Hightech und EDV. «Wir haben den Warenfluss komplett automatisiert», sagt der Unternehmer und lässt den Blick über die unzähligen Bildschirme schweifen, die sowohl im Laden als auch dahinter überall herumstehen. Dann erzählt er vom umständlichen und komplizierten Kärtchenverfahren, mit dem er bis vor noch nicht allzu langer Zeit seinen Nachschub bestellt hat. «Heute brauchen wir dafür nicht einmal mehr das Telefon», sagt er schmunzelnd.

Technologie hat in der Bellevue Apotheke vieles verändert, aber nicht das Grundsätzliche. «Für viele Menschen mit gesundheitlichen Anliegen sind und bleiben wir die erste Anlaufstelle», sagt Schmid. «Wir nehmen uns Zeit, beraten umsonst und ohne Voranmeldung.» Die direkte Ansprache, die Beratung von Mensch zu Mensch sind in seinem Geschäftsmodell denn auch absolut zentral – neue Technologien hin oder her: «Die Digitalisierung wird die Apotheken weiter verändern, aber nicht zum Verschwinden bringen», ist Schmid überzeugt. Gleiches gilt für die Sortimentsgestaltung und -pflege, «das nimmt einem kein Rechner ab, das ist und bleibt mein unternehmerisches Risiko.»

Beim Entscheid, ein neues Produkt ins Sortiment aufzunehmen, verlässt er sich für gewöhnlich auf seine Erfahrung, sein Wissen und sein Gespür. Und manchmal auch auf sein Team. So geschehen beim Progenom-Gentest, den er im Schaufenster gross promotet hat: «Etwa 20 Mitarbeiter haben den Test gemacht und für gut befunden», erzählt der Patron, «drum habe ich das Experiment gewagt.» Aus dem Schaufenster ist Progenom inzwischen verschwunden. Nun hat das Produkt sechs Monate Zeit, zum Verkaufserfolg zu werden. Eine Prognose? «Abwarten», sagt Schmid, «es ist und bleibt schwierig, den Erfolg vorauszusehen.»

Text: Iris Kuhn-Spogat