November 2015

Die Hygienepolizei im Spital

Patientinnen und Patienten, die im Spital bakterielle Infektionen erleiden und resistent sind gegen Antibiotikatherapien, sind ein wiederkehrendes Thema in den Medien. Dr. Marco Rossi, Chefarzt für Infektiologie und Spitalhygiene am Luzerner Kantonsspital, erklärt, weshalb es den Spitälern trotz grosser Anstrengungen nicht gelingen wird, Spitalinfektionen ganz auszumerzen.

Dr. Rossi Gross

Dr. Marco Rossi, Chefarzt für Infektiologie und Spitalhygiene am Luzerner Kantonsspital

Helsana: Ist die Annahme richtig, dass bei Spitalinfektionen immer mehr gegen Antibiotika resistente Bakterien im Spiel sind?

Marco Rossi: Das Problem der Antibiotikaresistenz wird tatsächlich grösser. Aber bei den Spitalinfektionen – den sogenannten Noso-Infektionen – spielt es keine entscheidende Rolle. Die meisten Infektionen werden durch Keime ausgelöst, die der Patient schon trägt, wenn er zu uns kommt. Und diese haben meist das in unserer Bevölkerung übliche Resistenzmuster.

Trotzdem: Das Thema Antibiotikaresistenz beschäftigt die Öffentlichkeit. Gehen die Humanmedizin sowie die Tiermedizin und Tierzucht zu grosszügig mit Antibiotika um?

Siebzig Prozent aller Antibiotika werden in der Landwirtschaft und in der Tiermedizin eingesetzt. Das begünstigt indirekt auch die Resistenz beim Menschen. So tragen etwa immer mehr Menschen im Darm resistente Keime. Der Bundesrat hat deshalb die Strategie Antibiotikaresistenz initiiert. Neben dem Bundesamt für Gesundheit beteiligen sich auch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sowie jenes für Landwirtschaft an dieser Strategie. Es ist wichtig, dass alle mitmachen, weil man das Problem nur koordiniert angehen kann. Die Bauernlobby hat sich bisher erfolgreich gegen ein Monitoring des Antibiotikaeinsatzes in der Landwirtschaft gewehrt. Aber auch das wird kommen müssen. Man wird zwar die Antibiotikaresistenz nicht mehr rückbilden können, aber immerhin könnten wir den Anstieg verzögern.

Was unternehmen Sie im Spital gegen resistente Bakterien?

Wir schulen die Leute punkto Antibiotikaeinsatz: möglichst kurz, gezielt, und nur so breit wie nötig. Eine akute Bronchitis zum Beispiel soll nicht mit Antibiotika bekämpft werden, denn sie ist in 97 Prozent der Fälle durch Viren bedingt. Auch eine Harnwegsinfektion ohne Beschwerden erfordert keine Therapie. Jeder Einsatz von Antibiotika zerstört die gesunde Bakterienflora des Körpers, und ohne Not sollen wir diese Flora nicht stören. Es gibt zum Beispiel eine Darminfektion, die nur eintritt, wenn gewisse Antibiotika verwendet werden. Hier verursacht das Antibiotikum, das eine Infektion bekämpfen soll, also eine andere.

Wie muss man sich die Aufgaben eines Chefarztes für Infektiologie und Spitalhygiene an einem grossen Spital vorstellen?

Als Infektiologe berate ich mit meinem Team die Ärzte bei der Behandlung von Patienten mit Infektionen. Als Spitalhygieniker befasse ich mich mit dem System Spital: Mein Team und ich beobachten Abläufe, Prozesse und Verhaltensweisen und fordern Korrekturen, wo diese notwendig sind.

Also eine Art Hygienepolizei?

Mitunter schon.

Da machen Sie sich nicht nur Freunde.

Ich verdiene meinen Lohn unter anderem dafür, dass ich aufsässig bin. Es liegt in meiner Verantwortung, das Team richtig einzusetzen, damit wir Probleme frühzeitig erkennen. In diesem Sinn sind wir auch eine Art Frühwarnsystem.

Schweizweit infizieren sich jährlich 70 000 Menschen im Spital; 2000 von ihnen sterben gemäss Bundesamt für Gesundheit. Welches sind die hauptsächlichen Infektionen?

Blaseninfektionen bei Patienten mit Blasenkatheter, Wundinfektionen nach Operationen, Infektionen wegen eines Gefässkatheters, Lungenentzündungen bei künstlicher Beatmung, Darminfektionen als Folge einer Antibiotikatherapie. Im Kinderspital sind es vor allem virale Magendarm- und Atemwegsinfektionen, da die Kinder auch im Spital spielen und dadurch engen Kontakt miteinander haben.

Politiker und Journalisten fragen, wieso Sie diese Infektionen nicht unter Kontrolle haben.

Die Grenzen des Machbaren haben sich in der Medizin sehr stark verschoben. Heute werden auch betagte und schwer kranke Patienten operiert, die man früher nicht mehr operiert hätte. Die Narkose- und Operationstechnik wie auch die Intensivmedizin haben sich deutlich verbessert. Wir behandeln Leukämiepatienten mit aggressiven Therapien, unter denen sie wochenlang ohne funktionierendes Immunsystem leben. Wenn wir die Barrieren der natürlichen Abwehr durchbrechen, sind Infektionen nicht zu umgehen.

Gehen die Infektionen trotz Bemühungen der Spitäler deshalb nicht zurück?

Einige Infektionen sind unter unseren Massnahmen zurückgegangen, andere sind konstant geblieben. Wir verbessern zwar unser System laufend, wir standardisieren Abläufe und Verhaltensweisen, aber Patienten bleiben sehr anfällig, weil sie immer älter und die Krankheitsbilder immer komplexer werden.

Können sich Patienten selber gegen die Infektionsgefahr im Spital schützen?

Wenn der Patient einen Monat vor der Operation mit Rauchen aufhört, verringert sich das Risiko. Übergewicht ist ebenfalls ein mindestens theoretisch beeinflussbarer Risikofaktor. Aber sonst kann er nicht viel unternehmen.

Wie beeinflusst denn das Rauchen die Anfälligkeit für Infektionen?

Rauchen erhöht das Risiko einer Wundinfektion nach einer Operation. Die schlechtere Durchblutung des Gewebes vermindert beim Raucher die Abwehr. Ein rechtzeitiger Raucherstopp kann diesen Nachteil aufheben.

Und was hat das Übergewicht mit Spitalinfektionen zu tun?

Bei massivem Übergewicht wirkt sich die schlechtere Stoffwechsellage ungünstig auf die Abwehrkräfte aus. Mit Stoffwechsellage ist die Steuerung der Blutzucker- und Blutfettwerte gemeint. Ein massiv übergewichtiger Mensch braucht viel mehr Aufwand, um seine Blutzuckerwerte im Normbereich halten zu können. Bei Verlust dieser Kontrolle steigen die Zuckerwerte, was über die Beeinträchtigung der Abwehrzellen zu erhöhtem Infektionsrisiko führt.

Können auch Spitalbesucher dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu senken?

In der Grippesaison fordern wir Besucher auf, die Hände zu desinfizieren und bei Erkältungssymptomen eine Maske zu tragen. Ansonsten spielen Besucher bei Noso-Infektionen keine Rolle.

Interview: Artur K. Vogel