September 2015

Pro und Kontra Lungenkrebs-Screening

Da sind sich die Pneumologen einig: Lungenkrebs-Screening kann Leben retten – sofern die Untersuchung bei Risikopatienten rechtzeitig durchgeführt wird. Der Nutzen des Früherkennungsprogramms ist dann gewährleistet, wenn es kontrolliert erfolgt und nachweislich die Sterblichkeit senkt. Doch wer soll für diese Untersuchung aufkommen? Hier gehen die Meinungen auseinander: Facharzt Karl Klingler vom Lungenzentrum Hirslanden erhofft sich eine Kostenbeteiligung von den Krankenversicherern, während Professor Malcolm Kohler, Chefarzt Pneumologie am Universitätsspital Zürich, für die volle Übernahme durch die Grundversicherung plädiert.

Lungenkrebs-Screening

Das spricht dafür

Malcom Kohler Prof. Dr. med. Malcolm Kohler, Universitätsspital Zürich

«In der Schweiz existiert bisher nur eine opportunistische Lungenkrebs-Früherkennung, beispielsweise bei Patienten, die sich wegen einer vermuteten anderen Erkrankung einer Computertomographie unterziehen. Chancen auf Heilung bestehen allerdings nur dann, wenn solche Zufallsbefunde in einem sehr frühen Krankheitsstadium erhoben werden.

Der Nutzen dieses Früherkennungsprogramms ist aus Sicht der Expertenkommission der fünf Schweizer Universitäten aber nur gewährleistet, wenn solche Lungenkrebs-Screenings kontrolliert und unter strengen Qualitätskriterien erfolgen. Deshalb ist es wichtig, dass die Einschlusskriterien der Zielgruppe, wie sie im amerikanischen National Lung Screening Trial definiert wurden, strikte eingehalten werden und die Aufklärung der teilnehmenden Personen über den potenziellen Nutzen und Schaden gewährleistet ist. Nur so kann der in der Studie festgestellte Überlebensvorteil auch in die klinische Praxis übertragen werden.

Noch aber fehlt in der Schweiz ein nationales Screening-Programm und ein damit verbundenes Register, in dem Tests und Behandlungen systematisch erfasst werden. Ebenfalls gilt es einheitliche Standards für den Umgang mit tiefdosierter Computertomographie (LDCT) zu erarbeiten. Deshalb sollten praktizierende Ärzte oder Spitalärzte zum gegenwärtigen Zeitpunkt darauf verzichten, Patienten für ein Lungenkrebs-Screening zu überweisen oder ein solches LDCT-Screening selbst anzubieten.

Erst die Schaffung eines nationalen Registers ermöglicht wertvolle Erkenntnisse zu Implementierung, Qualität und Kosteneffizienz von Lungenkrebs-Screenings. Um diese essenziellen Qualitätskriterien und Standards einführen zu können, spricht sich die Expertengruppe für die Beantragung einer Kostenübernahme eines Lungenkrebs-Screenings durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung aus. Screenings müssen der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehen – unabhängig vom Versicherungsstatus.»

Das spricht dagegen

Karl Klingler Dr. med. Karl Klingler, Lungenzentrum Hirslanden Zürich

«Steht die Feuerwehr vor dem brennenden Haus, fragt sie nicht, wer den Einsatz bezahlt – sie geht ins Haus, rettet die Menschen und löscht den Brand. So hält man es vernünftigerweise mit jeder Lebensrettung. Täglich erhalten in der Schweiz fast zehn Menschen die Diagnose Lungenkrebs, 3500 im Jahr.

Die meisten davon sterben an diesem Krebs, weil man ihn zu spät entdeckt. Das müsste nicht sein, würde man den Menschen mit dem grössten Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken – zum Beispiel bestimmten Rauchern –, die einfache Untersuchung anbieten, die sie zu retten vermag. Genau das tut die Stiftung für Lungendiagnostik mit ihrem Früherkennungsprogramm: Sie nutzt die von niemandem bestrittenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und das einzige internationale Register – das Lungenzentrum Hirslanden in Zürich hat dazu beigetragen –, das in den letzten zwanzig Jahren aufgebaut worden ist, und bietet Menschen mit hohem Lungenkrebsrisiko eine tiefdosierte Computertomographie an. Damit erfüllt sie zum einen die strengen Qualitätskriterien, die in Programmen dieser Art notwendig sind, zum anderen erliegt sie nicht der schweizerischen Untugend, für alles und jedes eine eigene Lösung zu fordern, die nicht besser, sondern nur teurer ist. Selbstverständlich ist es wünschenswert, dass alle betroffenen Personen diese wichtige Untersuchung auf Kosten der Krankenkasse erhalten. Doch das heisst nicht, dass man nun noch weiter warten und Menschenleben aufs Spiel setzen soll, bis die Lungenkrebsfrüherkennung eine obligatorische Krankenkassenleistung ist. Im Interesse der Patienten ist vielmehr, was die Stiftung für Lungendiagnostik tut: mit Privatinitiative ein Früherkennungsprogramm aufbauen – und zwar zu tragbaren Kosten. Wenn Betroffene die Untersuchung vorerst aus der eigenen Tasche berappen, kostet sie das nicht mehr als ein paar Packungen Zigaretten. Das ist wohl kaum zu viel für ein gerettetes Menschenleben.»

Kommentar von Wolfram Strüwe, Leiter Gesundheitspolitik

«Was wollen die Raucher? Erinnern Sie sich an den Godard-Film <Ausser Atem>? Jean-Paul Belmondo hat da in fast jeder Szene eine Zigarette im Mund. Rauchen gehörte in den 50er- und 60er-Jahren zum gesellschaftlichen Leben. Das hat sich radikal gewandelt. Rauchen gilt heute als verpönt. Alle, selbst die Raucher, wissen, dass Qualmen lebensgefährlich ist, gerade über einen längeren Zeitraum hinweg. Dennoch rauchen viele weiter. Was bringt da ein Programm zur Früherkennung von Lungenkrebs?

Es kann viel bringen, wie die obenstehende Diskussion zeigt. Aber bevor über die Vergütung gesprochen wird, sollte geklärt sein, wie sich Raucher (und Exraucher) überhaupt motivieren lassen, an einem solchen Programm teilzunehmen. Zunächst ist da die Aufklärung. Aber selbst, wenn diese gelingt, heisst das noch lange nicht, dass die Betroffenen an solchen Screenings teilnehmen. Auch wenn es noch so vernünftig sein mag: Gerade beim Rauchen wird häufig nach dem Motto <Lieber nicht wissen!> verfahren. Hier sind besondere Anstrengungen gefragt.

Die Frage, ob diese Leistung eine Pflichtleistung ist, die aus der sozialen Grundversicherung zu vergüten ist, oder wie bisher die Zusatzversicherung dafür aufkommt, scheint sekundär. Aus der Grundversicherung darf sie jedenfalls erst dann vergütet werden, wenn die gesetzlich vorgeschriebenen Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfüllt sind. Hohe Qualitätsstandards sind da eingeschlossen. Diese Abklärung braucht aber offensichtlich einen langen Atem.»