September 2015

Bewegung und Ernährung in der Familie

In kaum einem Land sind die Menschen so gesund wie in der Schweiz. Und doch ist es für viele schwierig, richtig zu essen und sich genug zu bewegen. Warum nur? Drei Familien erzählen, wie sie leben und womit sie kämpfen.

Die Delgados, die Schmeltzers und die Stalders – drei Schweizer Familien, von denen wir wissen wollten, wie sie sich ein gesundes Leben vorstellen. Und was sie dafür tun. Vor allem aber: was besser laufen könnte. Sie wohnen keine zwei Autostunden voneinander entfernt und haben trotzdem völlig andere Ideen vom idealen Umgang mit dem Körper. In einem Punkt sind sich aber alle einig: Gesund leben ist manchmal ganz schön schwer.

Familie Delegado

Familie Delgado: Als Jonathan (27) zu Morena (31) nach Buchs (ZH) zog, nahm der Surflehrer aus Panama zehn Kilo zu. Und die Reiseberaterin hörte mit Tiefkühlpizza auf, als der kleine Liam (1,5) auf die Welt kam. Gesundheitsbewusstsein, sagen sie heute, ist eine Frage des Alters und der Kultur.

Es ist halb sieben Uhr, Buchs (ZH) leuchtet in der Abendsonne. Jonathan und Morena Delgado sind mit 27 und 31 Jahren eigentlich noch zu jung, um jeden Abend wie Rentner diesen Feldern entlang zu spazieren. Am liebsten reiten die Surfer die Wellen dieser Welt. Doch als Liam (1,5) auf die Welt kam, änderte sich vieles.

Früher hätten sie um diese Zeit tellerweise Spätzli und Fleisch gegessen. Zumindest Jonathan, der in Shorts und Cap immer noch aussieht wie der Surflehrer, der er in seiner Heimat Panama war. Angekommen in der Schweiz, futterte er, als würde er nach wie vor zehn Stunden pro Tag im Wasser stehen; Reis, Bohnen, viel Fleisch und das schon zum Frühstück. Und die schwangere Morena schob abends gerne Fertigpizza in den Ofen.

«Ich war frustriert», sagt Jonathan und streicht sich über den Waschbrettbauch, an dem vor nicht allzu langer Zeit noch zehn Extrakilos wabbelten. Während Morena beim Stillen automatisch abnahm, machte er sich Sorgen um seinen «Body» und seine Gesundheit: Die Angst vor einer Krankheit stecke tief in ihm drin. Sein Grossvater trank und starb früh an Krebs. Und auch Morena wollte nach Liams Geburt gesünder leben, «nur wusste ich nicht, wie».

Das Management von Körper und Wohlbefinden ist eine komplizierte Sache geworden, sagt Marianne Honegger, Gesundheitsexpertin beim Schulärztlichen Dienst in Zürich. Im modernen Leben bewegen wir uns immer weniger und ersetzen traditionelle Mahlzeiten mit Fast Food. Wir fahren in Autos durch die Gegend und verschlingen unterwegs ein Sandwich oder eine Pizza, Hauptsache, es geht schnell.

Wer fit sein will, muss also etwas tun: sich informieren, planen und vor allem aus einem riesigen Angebot wählen. Fleisch ja oder nein? Joggen oder Yoga? Klassische Medizin oder Homöopathie? Der richtige Lebensstil ist fast schon eine Glaubensfrage, beeinflusst von Alter, Job, Bildung, Umfeld und Lebensumständen – wie bei den Delgados.

Wenig Brot und einmal pro Tag Süsses

Inzwischen haben beide ihr Idealgewicht erreicht. Wie aber schafften sie, womit sich viele so schwertun? Ohne Ernährungsberatung oder Spezialdiäten, sondern ganz einfach: mit viel Bewegung und ausgewogenem Essen. Er spielt Fussball und macht jeden Abend Liegestützen, sie geht joggen und ins Yoga. Weggelassen wird, was Ernährungsexpertin Marianne Honegger nur in Massen empfiehlt: Süssgetränke, Fertigmahlzeiten, sieben Tage die Woche Fleisch. Dafür essen sie viel «Vögelifutter», wie Jonathan es nennt, Müesli, Salat, Gemüse, mittags warm, abends kleinere Portionen, wenig Brot und einmal pro Tag Süsses, das darf schon sein.

Dass die Delgados ihre Gewohnheiten geändert haben, ist laut Honegger besonders für Liam wichtig. «Eltern müssen Rahmenbedingungen setzen.» In ihrem Alltag beobachte sie jedoch, dass häufig Kinder die Menüs bestimmen und nur Klassiker wie Pizza oder Pasta essen, während die gestressten Eltern Streit vermeiden wollen. Das ist natürlich kontraproduktiv. Jetzt sind schon 2,5 Millionen der Schweizer Bevölkerung zu dick, fast jedes fünfte Kind, Tendenz steigend.

Familie Delegado

Familie Schmeltzer: Fitness ist für Dagmar (42) und Andy (45) aus Gachnang (TG) alles. Muskeln sind doch schön, oder? Dafür tun sie mal zu viel, mal zu wenig. Zurzeit will der Versicherungsmann sieben Kilo abnehmen und die Sekretärin auf ihren Körper hören. Nur ihre Dara (7) kennt solche Gedanken noch nicht.

Eltern machen vor, Kinder tun es ihnen nach. So war es auch bei Andy Schmeltzer, Vorsorgeberater, Vater, 45. Am Familiensonntag in der Badi Frauenfeld erzählt er, dass Rauchen für seine Eltern selbstverständlich war und er bis vor drei Jahren auch eine Schachtel pro Tag gepafft hat. Der 45-Jährige mit den dicken Muskeln scheint auch sonst ein Mensch der Extreme zu sein: zunehmen, abnehmen und wieder zunehmen. Momentan habe er gerade sieben Kilo zu viel, die berufsbegleitende Ausbildung, seufzt er. Zu wenig Zeit, zu viel Stress.

Das Szenario kennt auch Expertin Marianne Honegger nur zu gut. Oft gehe jedoch vergessen, wie viel im Alltag für die Bewegung getan werden kann. Wer mit dem Velo zur Arbeit fährt, Treppen steigt oder immer mal wieder vom Stuhl aufsteht, bewirkt schon viel. Schwieriger in den Griff zu kriegen ist hingegen, wenn man sich wie Andy in harten Zeiten mit Schokolade belohnt. Ein Fehler im Belohnungssystem sozusagen, der auch früh angelegt wird. Darum sollte man Kinder besser nicht mit Süssigkeiten belohnen.

Muskeln sind schön

Nur schwer kann man sich vorstellen, wie Andy sich als schmaler 25-Jähriger, 1,72 gross, 65 Kilo schwer, in wenigen Monaten ganz bewusst in einen 80-Kilo-Kasten verwandelte. Zum Frühstück ein Müesli, in der Kaffeepause ein Sandwich, am Mittag Spaghetti, zum Zvieri ein weiteres Sandwich, zum Abendessen Fleisch und «on Top» Shakes mit Proteinen und Kohlenhydraten. Dazu machte er bis vier Mal die Woche American Football und an den anderen Tagen Krafttraining – all das für seinen Sport.

«Das kann ja nicht gesund sein!», sagt seine Frau Dagmar und schüttelt ihren Blondschopf: Sie ist 42 und hat als Mutter eine sportlichere Figur als die meisten Mädchen hier im Schwimmbad. «Ein fitter Lifestyle – das ist schon wichtig», sagt die Sachbearbeiterin, die manchmal um fünf Uhr morgens in der Küche steht, um für die Familie ausgewogene 3-Komponenten-Mahlzeiten zu kochen, Proteine, Kohlenhydrate und Vitamine. Gehen die Schmeltzers nicht in die Wander- oder Veloferien, muss das Hotel mindestens einen Fitnessraum haben. An Sommersonntagen wie diesem laufen die Schmeltzers von ihrem Zuhause in Gachnang (TG) hierher, eine Stunde lang, während Tochter Dara (7) Velo fährt. Und in der Badi geht es dann erst so richtig los.

«Sport ist Fun», sagen die Schmeltzers, «Muskeln sehen gut aus und sind das Sinnbild für Gesundheit.» Natürlich gehe es schon auch um die Glückshormone, die dabei ausgeschüttet werden. Was aber, wenn der Körper auf einmal Nein sagt? Dagmar hat es erlebt, als sie mindestens drei Mal die Woche im Kraftraum war und zusätzlich mit Kraulschwimmen begann. «Mit 40 ist man halt nicht mehr voll im Saft», sagt sie mit Wehmut in der Stimme. Trotz Schmerzen in der Schulter trainierte sie weiter: chronische Entzündung, Operation, Schonzeit: «Jetzt lerne ich, auf meinen Körper zu hören.»

Wie viel Sport ist gut und wie viel zu viel?

Marianne Honegger sagt: «Erwachsene sollten sich zweieinhalb Stunden pro Woche auf mittlerer Intensität bewegen oder eine Stunde und 15 Minuten auf hoher Intensität, zum Beispiel joggen, Tennis spielen oder langlaufen. Kinder hingegen brauchen mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag.» Ebenso wichtig sei für Heranwachsende, dass Eltern ihre Ideale immer wieder hinterfragen und überlegen, ab wann Ästhetik ungesund wird. Extreme Vorstellungen können sich übertragen und verhindern, dass Kinder ein lockeres Verhältnis zum Essen und zur Bewegung entwickeln. «Sie sollen nicht denken», sagt Honegger, «sondern auf den Körper hören.»

Familie Stalder

Familie Stalder: Alexandra (40) und Nick (41) wohnen mit ihren Kindern Simon (10), Jana (8), Samuel (6) und Noah (4) in Puppikon (TG). Als Bauernfamilie essen sie nur das Fleisch der eigenen Kühe und schwören auf bewährte Hausmittelchen und die Kraft der Natur. Einzig die Freizeit bleibt im Hofalltag nicht selten auf der Strecke.

Täglich sechs Kilometer Schulweg

Das tut jetzt auch Noah, mit vier Jahren der Jüngste der Bauernfamilie Stalder aus Puppikon (TG). Mittagessen gibt es erst in einer halben Stunde, genug Zeit also, um aufs Treppengeländer zu klettern und sich daran hochzuziehen. Einmal, zweimal, Noah will zeigen, was er kann. Er könnte fallen. Aber Mutter Alexandra zuckt mit den Schultern. «Kinder müssen ihre Grenzen weitgehend selber kennenlernen», sagt die 40-Jährige und lacht, «meine sind alle ein bisschen Harakiri.» Und Harakiri heisst, dass beim Herumtoben schon mal was passieren kann. Die Hysterie städtischer Eltern, die ihre Kinder wie Polizeihelikopter umkreisen, sucht man hier vergeblich.

Überhaupt scheint bei den Stalders alles natürlicher zu und her zu gehen: Simon (10), Jana (8) und Samuel (6) legen auf ihrem Schulweg täglich sechs Kilometer zurück, während die Eltern auf dem Hof mehr als genug Bewegung haben. Das Gemüse ist wenn möglich ungespritzt und das Fleisch stammt von den eigenen Kühen. Die Kinder essen wie selbstverständlich Salat. Fragt man sie, was sie nicht gern haben, zucken sie mit den Schultern. «Blutwurst vielleicht?» Und ob sie auch so gerne gamen wie die Kinder in der Stadt? «Wir gehen lieber in den Stall.»

Fast schon übernatürlich ist das Zeolith-Pulver, das sie aufgelöst im Wasser trinken: gemahlenes Vulkangestein. Die Stalders schwören darauf. Insbesondere Alexandra. «Es entgiftet und entlastet das System», sagt die Mutter, die gerne Medizin studiert hätte, es der Familie wegen aber nicht getan hat. Nick, ihr Mann, fügt an, dass mit Zeolith auch Kühe nach dem Kalbern schneller auf die Beine kommen.

Natürlich ist die Wirkung dieser Naturmedizin nicht wissenschaftlich erwiesen. Der Ernährungsexpertin Marianne Honegger sind aber auch keine Risiken bekannt. Sie betont jedoch, dass der Körper bei ausgewogener Ernährung keine Nahrungsergänzung benötigt. Gut findet sie hingegen, dass die Stalders bei kleineren Wehwehchen nicht gleich zu Chemie greifen. Bei Bauchweh gibt es Fencheltee, Kopfweh wird mit Pfefferminzöl statt Aspirin behandelt. Natur ist gut, solange sie nicht zum Dogma wird.

Als Nick, der 41-Jährige Landwirt, vor einem Jahr seine Kühe plötzlich nicht mehr halten konnte, reichten Hausmittel allein auch nicht mehr aus. Er wurde mit Pfortaderthrombose ins Spital eingeliefert. Seit dieser Zäsur wollen die Stalders noch gesünder leben. In ihrem Fall heisst das: mehr Freizeit. Ein Familiensonntag alle zwei Wochen, an dem sie nicht am neuen Haus bauen. «Aber man kann noch so viel tun», sagt Alexandra, «letztendlich ist Gesundheit ein Geschenk.»

Text: Carole Koch