September 2015

«Bitte nur nicht blind!»

Mami, muss ich jetzt wieder ins Spital? Keine übliche Frage für einen zwölfjährigen Jungen. Doch Mattia ist seit dem Unfall sensibel geworden. Selbst bei kleinen Verletzungen im Alltag macht er sich Sorgen wegen möglicher Folgen. Ein Pfeil raubte ihm nicht nur sein gesundes Auge, sondern auch sein Urvertrauen.

Ist Mattia jetzt blind?

Weinend stürmte Mattia an jenem Oktobersonntag ins Haus. «Sein linkes Auge sah einfach furchtbar aus», erzählt uns Mattias Mutter drei Jahre später. Susi Turrin hat noch nicht verdaut, was ihrem damals neunjährigen Sohn passiert ist. «Es tut mir extrem weh, wann ich an all die Torturen zurückdenke, die Mattia erdulden musste», sagt Turrin. «Alles wegen eines dummen Missgeschicks.»

Das dumme Missgeschick war ein Holzpfeil. Beim Spielen landete dieser mit voller Wucht in Mattias linkem Auge. «Es war blutunterlaufen, die Iris hing wie ein Lappen heraus und ich wusste sofort: Jetzt ist etwas Schlimmes passiert.» Turrin fuhr auf dem schnellsten Weg von Watt in die Augenklinik des Universitätsspitals Zürich. «Schmerzen hatte Mattia zum Glück keine. Er war gelassener als ich.» Die Notfallärztin meinte nach dem Untersuch, sie könnten die verletzte Iris mit einem kleinen Eingriff nähen. Doch mit der Operation ging das Trauma für die Turrins erst richtig los. Was machen die so lange? «Keiner informierte uns. Ich hielt diese Ungewissheit kaum aus», erzählt Turrin. Endlich eine Nachricht aus dem OP: «Sie finden die Linse nicht.» Das war alles, was sie sagten. Was bedeutet das genau? «Bitte nur nicht blind!», schoss es Susi Turrin durch den Kopf. Ihre Stimme bebt beim Erzählen. «Die Augen sind für mich einfach zu wertvoll!»

Nach drei langen Stunden kam Mattia in den Aufwachraum. Dann musste er zur Computertomographie, um einen allfälligen Pfeilsplitter im Schädel auszuschliessen. Negativ. «Jetzt wird alles gut», dachte sie sich.

Zwischen Angst und Hoffnung

Doch die Ärzte waren am nächsten Morgen anderer Meinung: «Erwarten Sie nicht zu viel. Wir müssen hoffen, dass die Netzhaut intakt bleibt.» Die kommenden Tage, Wochen und Monate waren die schlimmste Zeit ihres Lebens. «Ständig diese Angst, die Netzhaut löse sich.» Innerhalb eines halben Jahres folgten vier Notfalloperationen. Der Zweitklässler musste sich danach jeweils komplett schonen – nicht hüpfen, keine ruckartigen Kopfbewegungen, nur in Rückenlage schlafen, stündlich Augentropfen. «Ich musste Mattia quasi überwachen», so Turrin, «sogar in der Schule.»

Vor dem wöchentlichen Untersuch im Unispital graute es jeweils Mutter und Sohn. Mattia fürchtete sich vor einer weiteren Operation und unangenehmen Behandlungen. Noch heute, drei Jahre später, reagiert er panisch auf Berührungen am Auge. «Muss ich jetzt wieder ins Spital?», fragt er dann sofort, dasselbe bei anderen körperlichen Beschwerden. «Er hat das Urvertrauen in seine Gesundheit verloren», meint seine Mutter.

Hört auf zu starren!

Auch mit halber Sehkraft ist Mattia ein ganz normaler Zwölfjähriger, der sich nach der Schule mit anderen Jungs misst und Grenzen auslotet, sei es auf dem Downhill-Bike oder im Eishockey. Beim Downhill hat er eine Spezialbrille auf, seine «Skibrille», wie er sagt. Auch im Alltag schützt er sein gesundes Auge mit einer glasbruchsicheren Brille. «Die Brille ist mir unheimlich wichtig. Sie gibt mir Sicherheit», so Susi Turrin. Im Moment trägt sie Mattia freiwillig – vor allem wegen der neugierigen Blicke. Er hasst es, wenn er auf sein schwarzes Auge angesprochen wird. Mit der fehlenden räumlichen Wahrnehmung kann er hingegen gut umgehen. So setzt er beispielsweise den Flaschenhals auf dem Rand des Glases auf, um nicht ins Leere zu zielen. Wenn das Ketchup neben statt auf dem Tellerrand landet, sei das für Mattia normal. «Er bringt so etwas gar nicht mit dem blinden Auge in Verbindung.»

Trotz vieler Unterbrüche im Schulunterricht bestand Mattia damals die zweite Klasse. Glücklicherweise war ihm der Schulstoff nicht fremd, er befand sich im Wiederholungsjahr. «Wenigstens hier eine positive Fügung», so Turrin. Positiv war für die Familie auch das Geld aus der Kapitalversicherung PREVEA, welche sie vor Mattias Geburt abgeschlossen hatten. «Das würde ich jedem ans Herz legen, weil bei aller Vorsicht und Ermahnungen immer etwas passieren kann», betont Turrin. Dank des Geldes kann sich Mattia später eine spezielle Anschaffung oder Augenbehandlungen leisten, welche weder IV noch Unfallversicherung zahlen. Turrins hoffen auf die Forschung. «Vielleicht gibt es dereinst eine künstliche Netzhaut oder eine andere neuartige Operationschance. Dafür würde ich bis ans Ende der Welt reisen.»

Text: Daniela Schori