Juni 2016

Pro und Kontra Brustkrebs-Screening

Brustkrebs ist in der Schweiz die häufigste Krebserkrankung bei Frauen und führt jährlich zu über 1400 Todesfällen. Eine Möglichkeit, Tumore frühzeitig zu erkennen, ist die Mammografie. Ob allerdings der Tumor bösartig ist oder nicht, zeigt diese Untersuchung nicht und ist deshalb umstritten. Während SP-Regierungsrätin Heidi Hanselmann diese Vorsorge als sinnvoll und wichtig erachtet, ist Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut dagegen. Eine Mammografie verunsichere die Patientinnen mehr, als dass sie Leben rette.

Das spricht dafür

Heidi Hanselmann Heidi Hanselmann, Regierungsrätin SP, Kanton St. Gallen

«Das Brustkrebs-Früherkennungs-Programm ‹donna› für Frauen von 50 bis 69 Jahren wurde im Kanton St. Gallen 2010 flächendeckend eingeführt. Es basiert auf Freiwilligkeit und erfüllt strenge Qualitätsrichtlinien. So werden die Mammografien von speziell geschultem Fachpersonal mit streng kontrollierten, modernsten Geräten durchgeführt. Jede Mammografie-Aufnahme wird von mindestens zwei Ärztinnen oder Ärzten begutachtet. Diese müssen den Nachweis erbringen, dass sie mindestens 3000 Aufnahmen pro Jahr beurteilen. Die Qualität und Wirksamkeit des Programms wird regelmässig überprüft.

Das Angebot ist für alle Frauen aus sämtlichen Schichten zugänglich und freiwillig. Zusammen mit der Einladung erhalten alle Frauen Informationen zu Chancen und Risiken der Untersuchungen. 2014 wurden mehr als 26 000 Frauen zur Untersuchung eingeladen. Die Teilnahme ist erfreulich gut und auch die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen sind sehr positiv. Mehr als 99 Prozent der befragten Frauen waren mit Empfang, Aufklärung und Beantwortung ihrer Fragen zufrieden. Bei Teilnahme am Programm übernimmt die Grundversicherung die Kosten und die Teilnehmerinnen müssen keine Franchise bezahlen.

Wird kein solches Programm angeboten, erhalten Frauen beispielsweise auf Hinweis ihrer Ärztin beziehungsweise ihres Arztes oder weil sie den Nutzen erkennen, eine Mammografie. Diese Art wird opportunistisches Screening genannt. Die Aufnahmen werden nicht in einem qualitätsgeprüften Programm organisiert und bewertet. Die Kosten für dieses Screening müssen die Frauen selber tragen, sodass häufiger besser gestellte und gut informierte Frauen davon Gebrauch machen.

Ich setze mich daher für ein Brustkrebs-Früherkennungs-Programm in unserem Kanton ein, um die Qualität und die Chancengleichheit zum Zugang dieser Vorsorgeuntersuchung für alle Frauen in unserem Kanton zu gewährleisten.»

Das spricht dagegen

Gerd Gigerenzer Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

«Mammografie-Screening rettet Leben – so wird behauptet. Wissenschaftliche Studien mit über 500 000 Frauen bestätigen dies jedoch nicht. Dennoch drängt man Frauen zur Teilnahme und verteilt rosa Schleifchen, statt transparent aufzuklären.

Screening reduziert die brustkrebsspezifische Sterblichkeit binnen zehn Jahren von 5 auf 4 je 1000 Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren. Beworben wird dies als 20- bis 30-prozentige Reduktion. Dass sich dadurch nichts an der Krebssterblichkeit insgesamt – also sämtliche Krebsarten einschliesslich Brustkrebs – ändert, erfährt hingegen kaum eine Frau. So viel zum Nutzen.

Und zum Schaden? Von je 1000 Frauen ohne Brustkrebs werden etwa 100 durch Fehlalarme und Biopsien in Angst versetzt. Bei 2 bis 10 von 1000 Frauen wird die Brust teilweise oder ganz entfernt, es werden oft toxische Chemotherapien durchgeführt, obgleich diese Frauen nicht progressiven Brustkrebs haben, der nie ihre Gesundheit beeinträchtigt hätte. Diesen Nutzen und Schaden kennen viele Ärzte nicht. Daher ist es wichtig, dass sich jede Frau informiert und selbst entscheiden kann. Wir geben Milliarden für Brustkrebsfrüherkennung aus, obgleich es keinen Nachweis gibt, dass Leben gerettet werden, aber vielen Frauen gesundheitlich geschadet wird. Wäre ich Politiker, würde ich diese Milliarden so investieren, dass tatsächlich Leben gerettet werden können: die Patientensicherheit in Spitälern verbessern und die Schulen revolutionieren, um jungen Menschen Gesundheitskompetenz zu vermitteln.»

Kommentar Helsana

CEO Schmutz Daniel H. Schmutz, CEO Helsana

«Es ist tief in uns drin: ‹Vorsorgen ist sinnvoll.› Möglichst von der Wiege bis zur Bahre. Dies gilt auf den ersten Blick auch für medizinische Untersuchungen: Je früher ein Krebsgeschwür entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen.

Aber es lohnt sich ein zweiter Blick: Spätestens, wenn Studien und Expertenmeinungen auftauchen, die den Nutzen solcher Früherkennungsuntersuchungen infrage stellen, sollte man sich genauer mit dem Thema befassen. Es braucht Mut, für sich selbst zu entscheiden; diese Entscheide sollten nicht leichtfertig gefällt werden.

Brustkrebs-Screening ist umstritten. Studien zeigen, dass die Nachteile die Vorteile überwiegen. Zu diesem Schluss gelangt Professor Gerd Gigerenzer in seinem Kommentar, das Swiss Medical Board in seinem Bericht vom Dezember 2013 ebenso. Trotzdem fördern einige Kantone Screeningprogramme mit Steuergeldern. Als führender Krankenversicherer der Schweiz übernehmen wir Verantwortung und zeigen die Faktenlage auf. Wir wollen Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz fördern. Es geht hier nicht um den Leistungskatalog in der Grundversicherung; jede Frau soll selbst entscheiden. Ein solcher Entscheid soll aber möglichst im Wissen aller Vor- und Nachteile gefällt werden. Wir engagieren uns für eine objektive Information unserer Kundinnen bezüglich Brustkrebs-Screening. Weitere Themen werden folgen.»