Juni 2016

Niemand vermutete einen Herzinfarkt

Stechende Schmerzen in der Brust, die in Kiefer und Kopf ausstrahlten. Letizia Rampinelli (65) hätte nie gedacht, dass sich so ein Herzinfarkt ankündigt – und dies über Jahre. Ein Erfahrungsbericht.

Frauenherzen schlagen anders
Die Zürcherin Letizia Rampinelli dachte bei ihren jahrelangen Beschwerden nie an einen Herzinfarkt.

«Zum ersten Mal verspürte ich die Symptome mit vierundzwanzig Jahren. Sehr jung, frisch geschieden und alleinerziehende Mutter zweier Buben im Alter von drei und sechs Jahren. Es war ein stechender, wellenartiger Schmerz in der Brust, der in Kiefer- und Kopfbereich ausstrahlte. So plötzlich wie der Schmerz kam, war er wieder weg. Ich schob es auf die Belastung, welcher ich gerade ausgesetzt war. Deshalb machte ich mir keine weiteren Gedanken. Einen Arztbesuch empfand ich als unnötig. Im Laufe der Jahre tauchte der Schmerz immer wieder auf. Er hielt manchmal bis zu zehn Minuten an. Ich hatte es phasenweise. Vor allem dann, wenn ich einer enormen Belastung ausgesetzt war, zum Beispiel beim Tod einer mir nahestehenden Person. Somit war für mich klar, der Schmerz hängt mit der psychischen Verfassung zusammen. Ich dachte mir nicht viel dabei.

Von früh bis spät durchgeplant

Ich war immer berufstätig. Als Erstausbildung absolvierte ich die Hotelfachschule. Ich arbeitete später in der Mode- und dann in der Kosmetikbranche. Anschliessend war ich siebzehn Jahre, davon zehn Jahre als Bereichsleiterin, für eine grosse Parfümeriekette tätig. Mein Beruf war vielseitig und anspruchsvoll, ich führte zeitweise bis zu hundertzwanzig Frauen. Reisen gehörte zu meinem Arbeitsalltag. Ich arbeitete sehr gerne, obwohl es oft anstrengend war.

Um meine Kinder kümmerte ich mich stets alleine. Das funktionierte nur, weil ich alles im Voraus genau plante und organisierte. Immer abends besprach ich gemeinsam mit meinen Söhnen den nächsten Tag. Sie lernten rasch, selbstständig zu sein. Meine Stunden waren von frühmorgens bis spätabends durchgeplant. Trotzdem fühlte ich mich nie gestresst. Zeit für Sport war nicht vorhanden, ich hatte damals auch kein Bedürfnis danach. Ich fühlte mich fit. Wenn ich Freizeit hatte, genoss ich diese mit meinen Kindern oder Freunden.

Plötzlich kamen Schweissausbrüche

Meine Arbeit veränderte sich im Jahr 2003. Ich war für noch mehr Personal zuständig. Dann wurde mein Bereich aufgeteilt. Diese Veränderungen führten zu Problemen, ich fühlte mich zum ersten Mal gestresst. Die Schmerzen traten wieder vermehrt auf. Im Jahr 2008 gab ich die Führungsfunktion auf und ging. Fortan übernahm ich die Geschäftsführung des Ladens meines Sohnes. Hier war mein Arbeitsalltag anders. Im Laden war ich meist alleine und kümmerte mich um die Kunden. Als Geschäftsführerin trug ich auch hier eine Verantwortung, aber in einem geringeren Umfang als früher.

Eines Nachmittags im Laden, es war im November 2012, hatte ich plötzlich Schweissausbrüche – zuerst warm, dann kalt. Ich fühlte mich unwohl, kriegte nur schwer Luft. Der stechende Schmerz kam dazu, intensiv und beängstigend. Ich hoffte, es würde nicht lange anhalten. Nach Ladenschluss ging ich nach Hause. Mein Ehemann – ich hatte inzwischen wieder geheiratet – wartete mit dem Abendessen. Nach dem Essen und etwas Ruhe fühlte ich mich besser.

An den nächsten Tag erinnere ich mich genau. Plötzlich war der Schmerz wieder da. Unerträglich stark, ich dachte, ich sterbe. Mein Mann war bei mir, er rief den Notarzt. Noch in der Ambulanz erhielt ich Morphium. Verdacht auf Gürtelrose. Geholfen hatte das Schmerzmittel nicht. Der Bluttest später im Spital zeigte: Es war ein Herzinfarkt. Ich hatte Panik, verspürte Angst. Die Ärzte reagierten schnell: Notoperation, ein Stent. Ich hatte Glück, die Nähe zum Spital rettete mir vermutlich das Leben. Nach einer knappen Woche konnte ich nach Hause. Arbeit war für mich die beste Medizin. Das bestätigten auch meine Ärzte. Deshalb fing ich gleich wieder damit an. Die ambulante Rehabilitation gab mir zusätzlich Sicherheit, ich fühlte mich gut aufgehoben.

Zehn Kilo in drei Monaten

Dreimal wöchentlich mache ich seither Kraft- und Ausdauertraining. Meine Ernährung habe ich umgestellt. Innerhalb drei Monaten verlor ich zehn Kilogramm. Meine Werte sind stabil, ohne Medikamente. Nur der Cholesterinspiegel ist noch zu hoch. Heute lebe ich bewusster, geniesse intensiver. Seit Februar arbeite ich nicht mehr. Jetzt verbringe ich mehr Zeit mit meinen vier Enkeln, reise mit meinem Ehemann.

Jetzt fühle ich mich sehr gut. Treten heute Schmerzen auf, bin ich aufmerksamer als früher. Die Erinnerungen an den Tag, als ich meinen Infarkt hatte, begleiten mich stets. Meine Familie, Freunde und sogar mein Hausarzt waren damals schockiert. Niemand hätte bei meinen jahrelangen Symptomen an einen Herzinfarkt gedacht. Nicht einmal ich, obwohl meine Mutter mit 62 Jahren aufgrund eines Infarkts starb.»

Text: Carmen Schmidli