März 2016

Wertvoller als jede Goldmedaille

In 20 000 Sportvereinen in der Schweiz leisten mehr als 300 000 freiwillige Helfer einen unbezahlbaren Dienst für das ganze Land. Der Schwimmclub Romanshorn steht beispielhaft für den grossen Gemeinschaftssinn der Vereine. All seine 120 Mitglieder legen sich ehrenamtlich ins Zeug. Unter ihnen Antoinette Gerber und Susanne Brühlmann.

Schwimmbecken
Antoinette Gerber, ehrenamtliche Trainerin im Schwimmclub Romanshorn (TG)

Sie könnten den Samstag auch in Ruhe zu Hause verbringen. Aber für Susanne Brühlmann (48) und Antoinette Gerber (50) vom Schwimmclub Romanshorn (SCR) ist das keine Option. «Wir sind doch hier daheim!», erklären beide. Schwimmtrainerin Gerber investiert viel Herzblut und 26 Wochenenden im Jahr in ihre Top-Nachwuchsschwimmer der «Sharks Elite», die sie fit macht für nationale und internationale Wettkämpfe. Die Vereinspräsidentin Brühlmann ist an diesem Samstag wegen eines Wettkampfs ebenfalls in die clubeigene Schwimmhalle in Münsterlingen gekommen. Jeden Tag leistet sie etwa zwei Freiwilligenstunden, «eher mehr, aber ich schreibe das nie auf».

Wie die beiden Frauen führen etwa 300 000 Ehrenamtliche in über 20 000 Sportvereinen in der Schweiz kein Buch über ihren Arbeitseinsatz. Dabei sind ihre Leistungen Gold wert – auch für die Gesellschaft. Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung treibt Sport in einem Verein, tut also etwas für die Gesundheit und macht sich gleichzeitig stark für die Gemeinschaft: Einer für alle, alle für einen.

Dass es im Vereinsleben nicht nur um das eigene Hobby geht, steht beim Schwimmclub Romanshorn in den Statuten. Neben dem Leistungssport will man «den Jugendlichen eine sinnvolle und befriedigende Freizeitbeschäftigung bieten». Jedes der über 120 Mitglieder – knapp die Hälfte ist unter 18 Jahre alt – weiss, dass es nicht damit getan ist, einfach seinen Vereinsbeitrag zu zahlen. Vom Vorstand über den Wettkampfrichter bis zum Buschauffeur, der die Junioren zu den Wettbewerben fährt – alle legen sich ehrenamtlich ins Zeug, auch die Eltern.

Die ganze Familie macht mit

Und sie alle schaffen viel. Immerhin erhält der Club finanzielle Unterstützung von den umliegenden Gemeinden, vom kantonalen Sportamt, von Sponsoren. «Aber keine Förderung vom Staat», betont Trainerin Gerber. Dabei profitiere die Allgemeinheit von ihrer Schwimmhalle, deren Betrieb in diesem Winterhalbjahr 150 000 Franken kostete. Um über die Runden zu kommen, vermietet sie der Club anderen Wassersportvereinen, für Aquafitkurse und an die Schwimmschule. Montags und freitags steht das Bad jedermann offen fürs freie Schwimmen.

Trotzdem ist dies kein Märchen purer Selbstaufopferung. Ein Ehrenamt muss man sich heutzutage leisten können. Brühlmann bekommt einen Drittel ihrer Vollzeitstelle als Präsidentin bezahlt und arbeitet daneben zu 50 Prozent als Physiotherapeutin. Trainerin Gerber ist zusätzlich die Geschäftsstellenleiterin des Clubs und erhält dafür ein 30-Prozent-Salär. Aber, und das ist für sie zentral: «Die Trainer-Jobs werden unentgeltlich geleistet, auch auf Elitestufe.» Umso wichtiger ist für die freiwillig tätigen Vereinsmitglieder, dass die Familie mitzieht. Antoinette Gerbers Mann, ein Architekt, ist Vizepräsident und ebenfalls Trainer beim SCR. Präsidentin Brühlmann fühlt sich dem Club auch durch ihren 15-jährigen Sohn Lorenz verbunden, der bei den Sharks trainiert. Ihre sechsjährige Tochter Linda kommt zu den Trainings und Wettkämpfen mit und wächst so in die Vereinsfamilie hinein.

Nachwuchsprobleme, wie sie viele andere Vereine kennen, hat der über 100-jährige SCR nicht. Nach der Sportkarriere kommen die meisten der jungen Schwimmer als ehrenamtliche Trainer zurück. Gerber ist sich sicher, dass dies auch dem Vorbild der Ehrenamtlichen zu verdanken ist. Das präge. Automatisch übernehmen schon die jungen Schwimmer Aufgaben innerhalb ihrer Gruppe und erleben so, dass man als Einzelner zwar viel, aber nur zusammen mit anderen wirklich Grosses leisten kann.

Text: Christiane Binder