März 2016

«Nasip, komm! Reina geht es ganz schlecht!»

Als Nasip und Edona Emra aus Reinach (BL) zum ersten Mal mit ihrem Baby in die Heimat Kosovo reisten, wussten sie noch nicht, dass diese Ferien zu einem Albtraum werden würden. Nach einer Odyssee durch Notaufnahmen und stationäre Abteilungen zweier Spitäler kam schliesslich die Erlösung. Vater Nasip über die Zeit des Bangens und Hoffens.

Emra Familie gross
Nasip Emra aus Reinach (BL) mit seiner wieder genesenen Reina

«Als Reina im letzten Mai zur Welt kam, waren unsere Verwandten in der Heimat total neugierig auf die Kleine, besonders die beiden Grossmütter. Wir wollten aber mit dem Baby nicht gleich in der heissen Sommerzeit reisen, also warteten wir bis September. Wir reisten nach Prizren, dem Heimatort meiner Frau. Zuerst lief alles tipptopp. Doch nach zwei Wochen bekam die Kleine plötzlich 39 Grad Fieber, wimmerte nur noch und erbrach sich. Es stresste mich total, vielleicht auch, weil Reina unser erstes Kind ist. Wir gingen sofort mit ihr ins regionale Kinderspital. Nachdem die Ärzte sie untersucht hatten, steckten sie ihr eine Infusion und sagten, sie müsse zwei, drei Tage bleiben. Meine Frau, ihre Mutter und ich übernachteten im Spital, wir wollten bei ihr sein. Manchmal betrachtete ich die Kleine und sah, wie sie immer wieder fest die Augen zudrückte. Ich merkte, dass es ihr nicht gut ging. Das tat mir weh. Ich betrachtete das schöne Kind und bekam Angst. «Was, wenn wir sie verlieren?», dachte ich. Dieser Gedanke kehrte ständig wieder.

Nach drei Tagen lächelte die Kleine zum ersten Mal wieder. Ich freute mich: «Endlich geht’s bergauf!» Die Ärzte sagten uns, die Infusion würde gut wirken. Ich ging nach Hause, um endlich wiedermal auszuschlafen und zu duschen. Doch plötzlich klingelte das Telefon. Es war meine Frau. «Nasip», rief sie in heller Aufregung, «komm sofort – Reina geht es ganz schlecht!». Ich glaubte, ich sei in einem bösen Traum. «Das darf nicht wahr sein», dachte ich, «vorher gings ihr doch noch so gut, was nur ist passiert?» Ich war verzweifelt. Im Spital sagte uns eine Anästhesistin, dass sie die Kleine in die Uniklinik von Pristina, der Hauptstadt, verlegen müssten, weil es da eine bessere Infrastruktur und bessere Medikamente gäbe. Das Fieber stieg weiter, und die Kleine erbrach sich erneut.

Nach zwei, drei Tagen in Pristina sprachen die Ärzte erstmals vom Verdacht auf Meningitis. Hirnhautentzündung ist für Kinder etwas sehr Gefährliches. Das wusste ich, weil das Kind meiner Cousine einst daran erkrankt war und seither blind ist. Ich bekam Panik und rief die Notrufnummer von Helsana an. Die Frau am Telefon war sehr nett und gut zu mir. Sie erkundigte sich nach unserem Kind und machte mir Hoffnung. Sie sagte: «Herr Emra, es ist alles bestens. Wir kümmern uns um Sie. Wir organisieren einen Rücktransport in die Schweiz. Morgen melden wir uns wieder.» Ich dachte: «Eine neue Welt! Ein neues Leben! Was für ein Glück für unser Kind!» Und: «Wieso nur habe ich nicht schon vorher Helsana telefoniert – schon in Prizren?!».

Nie hätte ich gedacht, dass man uns so schnell helfen würde. Ich hatte nur immer gedacht: «Das gute Kind, das schöne Kind – es ist verloren». Am nächsten Tag rief mich die liebe Frau von Helsana wieder an. Sie sagte: «Morgen, Samstag, zwölf Uhr mittags sind wir in Pristina. Wir kommen Sie um halb zwei im Spital holen.» Und so war es auch. Alles klappte. Alles. Auf die Sekunde genau, wie eine Schweizer Uhr.

Als die Schweizer Ärztin und ihre Assistenzärztin ins Spitalzimmer traten, riefen sie erstaunt: «Wer sind all diese Leute?» – «Das sind meine Schwestern und Brüder», antwortete ich, «und meine Mutter, meine Schwiegermutter, meine Onkel und Tanten». Ja, alle waren sie gekommen. In unserem Land ist das normal: Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher krank ist, kommt die ganze Familie. Wir leiden alle mit. Wir können zwar nicht helfen, aber wir wollen bei ihnen sein. Bald darauf fuhren wir im Rettungswagen zum Flughafen, wo uns der Ambulanzjet erwartete. «Ihr Kind ist noch klein, deshalb dürfen Sie mit in den Jet», hiess es. Zurück in der Schweiz brachte man Reina direkt ins Unispital Basel, wo es ihr rasch besser ging.

Nach einer Woche, an einem Freitag, durften wir sie wieder nach Hause nehmen. Oder war es ein Samstag? Ich weiss es nicht mehr, ich war so gestresst.

Heute ist Reina wieder gesund. Gott sei Dank! Ich bin so glücklich.»

Aufgezeichnet von Daniela Diener