März 2016

Freiwilligenarbeit im Spital

Sie sind hier nicht mehr wegzudenken: Die Freiwilligen, die dem Berner Inselspital Zeit und Engagement zur Verfügung stellen. Sie tun es gratis, aber nicht umsonst. Wir haben drei Insel-Freiwillige getroffen.

Betreuerin mit Baby

Susanne Kocher, Freiwillige im Inselspital Bern

Schon von Weitem ist sie zu erkennen in ihrer bordeauxroten Spitalbluse: Susanne Kocher. Sie steht im Korridor der Kinderklinik. In den Armen wiegt sie den vier Wochen alten Nico* und wärmt seine Füsschen. Sie tut es hier draussen, damit Anna*, Nicos Zimmergspänli, nicht gestört wird. Das zwei Wochen alte Mädchen ist endlich eingeschlafen, wohlig Susanne_Kocher eingemummelt in eine Wippe, die von der Decke hängt. Nico ist krank, Anna ist krank. Was den beiden fehlt, weiss Susanne Kocher nicht. Was sie brauchen, aber sehr wohl: «Nähe, Trost, Ablenkung und manchmal ein Liedchen oder eine frische Windel», sagt sie. Ihre Anwesenheit ist wertvoll: Babys kommen zur Ruhe, die oft aufs Äusserste geforderten Eltern können eine kurze Auszeit nehmen und das Pflegepersonal der Abteilung kann sich ganz auf die medizinischen Bedürfnisse seiner kleinen Patienten konzentrieren.

Susanne Kocher ist jeden Freitagmorgen auf der Station. Unentgeltlich. Die 55-Jährige, im Hauptberuf Psychotherapeutin, ist eine von 150 Freiwilligen, die der «Insel», wie die rund 7700 Mitarbeitenden ihr Spital nennen, das zurückgeben, was beim steigenden Kostendruck und straffen Tagesprogramm im Spitalbetrieb gern verloren geht: Zuwendung, Geduld, Zeit zum Plaudern, Zuhören, Vorlesen, Begleiten. Im Berner Inselspital sind sie unverzichtbar geworden. «Ein Wegfall der Freiwilligen wäre eine grosse Qualitätseinbusse», sagt Holger Baumann, Vorsitzender der Geschäftsleitung. «Wie sich das auf den Ruf unseres Spitals auswirken würde, male ich mir lieber nicht aus.»

In der Insel sind Freiwillige an den unterschiedlichsten Orten im Einsatz: Artisten der Stiftung Theodora füllen am Mittwochnachmittag die drei Stockwerke der Kinderstation mit Lachen (siehe Box). Gleichentags rollen Freiwillige der Insel den mobilen Kiosk durch die langen Gänge, andere betreuen den Kinderhort für Besucher oder sind in einer eigens dafür eingerichteten Cafeteria für sterbenskranke Patienten und deren Angehörige da. Vier Freiwillige helfen täglich bei der Patientenaufnahme aus und sorgen dafür, dass Neuankömmlinge ihren Eintritt bei der Insel nicht als Abfertigung erleben, Grossbetrieb hin oder her.

Konfibrot streichen für Handverletzte

Freiwillige sind auch auf den Bettenstationen der Insel eine wertvolle Stütze. Auf einer arbeitet Bruno Gamma jeden Freitagmorgen, und das, seit er sich vor drei Jahren frühpensionieren liess. Der 65-Jährige kümmert sich auf der Station für plastische Chirurgie um Neueintretende, führt sie in ihre Zimmer, hilft beim Auspacken. Frisch Operierten bringt er das Frühstück, Handverletzten streicht er das Konfibrot. «Einen Moment bitte», unterbricht er sein Erzählen und eilt einem älteren Herrn entgegen, der gerade in den Gang tritt, «machen Sie’s gut, das Rezept für die Apotheke hab ich in Bruno Gamma die Aussentasche des Koffers gesteckt.» Ein herzlicher Händedruck, dann ist Bruno Gamma wieder zurück: «Der Kontakt mit den Menschen gefällt mir enorm.» Er ist für sie da, mit Handreichungen, offenem Ohr und aufmunternden Worten. Jetzt zieht er aus der Hosentasche ein gefaltetes A4-Blatt. Darauf hat er die Namen der Patienten auf seiner Abteilung notiert. Bevor er ein Zimmer betritt, schaut er nach, wer wo liegt, «mir ist es wichtig, die Menschen mit ihrem Namen anzusprechen».

Freiwillige wie Bruno Gamma und Susanne Kocher übernehmen im Inselspital keinerlei pflegerische Aufgaben, brauchen daher auch keine entsprechenden Kenntnisse. Sie sind in erster Linie da, um den Spitalbetrieb – menschlich – zu bereichern. Einzig ein halbtägiger Spitalhygienekurs ist Pflicht für alle neuen Teammitglieder. Sie zu rekrutieren, zu koordinieren und zu führen ist der Job von Christa Bont, Gruppenleiterin Freiwillige. Damit besetzt die ausgebildete Arbeitsagogin eine Schlüsselfunktion: Nicht auszumalen, was es für den Ruf des Spitals bedeuten würde, entstünde durch Freiwillige Leid statt Freude, Schaden statt Nutzen. «Ein Mensch muss hierher passen», antwortet Christa Bont auf die Frage, worauf sie bei potenziellen Freiwilligen achtet, «Chemie und Motive müssen stimmen.» Susanne Kocher hatte sich gemeldet, nachdem sie vor einigen Monaten nach Bern gezogen war. Sie liebt Kinder, ihre eigenen sind ausgeflogen. Und sie weiss aus Erfahrung, was Eltern von hospitalisierten Kindern durchmachen – und wie gut es tut, unterstützt zu werden. Bruno Gamma seinerseits hat sich schon immer für Medizin interessiert: «Ich habe unzählige Fachbücher gelesen, meine Frau war Krankenschwester», erzählt er. «Zudem habe ich Menschen sehr gern, und ich habe Zeit.» Mara Wirth schliesslich kam zur Insel mit dem Wunsch, etwas «Altruistisches» zu machen. «Ich habe immer gearbeitet», sagt die 22-jährige Jurastudentin, «für Ferien, fürs Shopping, fürs Studium. Und immer ging es um Geld.» Seit diesem Sommer managt sie, neben ihren bezahlten Jobs, als Freiwillige die computergestützten Patientenein- und -austritte in der Abteilung für Herz- und Gefässkrankheiten.

Wohlbefinden und eine Prise Stolz

Mara Wirth, Susanne Kocher und Bruno Gamma verdienen zwar nichts, aber leer gehen sie trotzdem nicht aus, im Gegenteil: «Win-Win» nennt Bruno Gamma sein Engagement. Als «sehr schön und befriedigend» bezeichnet Susanne Kocher ihre Einsätze. Und Mara Wirth sagt: «Mir ist hier extrem wohl, ich mag den Job, die Leute, einfach alles.» Sie stellt sich vor, dass sie, wenn sie dereinst auf ihr Leben zurückblickt, ein wenig stolz darauf sein wird, «schon als junge Frau nicht nur an mich gedacht zu haben».

Text: Iris Kuhn-Spogat

*Namen geändert