Juni 2015

«Pass auf dich auf, Tochter!»

Immer mehr Angehörige kümmern sich um ihre hilfs- und pflegebedürftigen Verwandten. Was aus Liebe beginnt, wird irgendwann zur grossen Belastung. Die Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello hat die Pflege innerhalb der Familie erforscht. Im Interview erklärt sie, weshalb das Thema so brisant ist.

Interview mit Frau Perrig-Chiello

Pasqualina Perrig-Chiello ist Psychologieprofessorin am Institut für Psychologie der Universität Bern. Sie leitet verschiedene Forschungsprojekte zu den einzelnen Lebensaltern.

Frau Perrig-Chiello, zusammen mit Ihrem Kollegen, dem Soziologen François Höpflinger, haben Sie eine grosse Studie zur Angehörigenpflege verfasst. Weshalb gerade dieses Thema?

Perrig-Chiello: Als ich über die Lebenszufriedenheit in der Lebensmitte forschte, stellte ich fest, dass sie sich da auf dem Tiefpunkt befindet. Zum einen wegen Problemen im Job, mit den Kindern, in der Beziehung –, zum andern aber auch ganz stark, weil man sich plötzlich um seine alten Eltern kümmern muss. Vor allem für die Frauen kann dies äusserst belastend werden. Dieser Tatsache wollte ich auf den Grund gehen.

Was ist mit den Söhnen?

In der Deutschschweiz sind bloss ein Drittel der pflegenden Angehörigen Männer, davon die Hälfte Söhne. In der Romandie sind es gar nur zwanzig Prozent, im Tessin zehn. Söhne pflegen übrigens eher aus Verpflichtung, Töchter aus Liebe. Beide aber auch aus finanziellen Gründen – etwa, damit sie das Haus der Eltern nicht verkaufen müssen.

Und welche Bedeutung kommt den pflegenden Partnern zu?

Je älter die Eltern sind, desto eher sind es die Kinder, die einspringen. Die Partner sind dann oft selber hilfsbedürftig.

In der Schweiz pflegen rund 220 000 Menschen ihre Verwandten – jene, die lediglich Hilfe leisten mit Einkaufen, Kochen oder Putzen, nicht eingeschlossen. Diese hohe Zahl erstaunt.

Solidarität in der Familie wird hierzulande tatsächlich noch grossgeschrieben; man hilft einander. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen, die zu Hause leben, werden von ihren Verwandten betreut. Doch Angehörige können nur gut pflegen, weil die ambulante Pflege wie Spitex, Pro Senectute oder das Rote Kreuz mithelfen. Die Schweiz hat eines der besten ambulanten Pflegesysteme in Europa, auch dank unseres Wohlstands.

Trotz dieser Hilfe stossen pflegende Angehörige irgendwann an ihre Grenzen.

Absolut. Vor allem Frauen, die berufstätig sind. Ein Drittel reduziert deswegen die Arbeitszeit und 16 Prozent hängen ihren Job ganz an den Nagel. Das hat massive Auswirkungen, nicht nur für sie persönlich, sondern auch für unsere Wirtschaft.

Den Job aufgeben geht aber nur, wenn man einen Partner hat, der verdient.

Voilà. Viele sind ja heute geschieden – und die Scheidungsrate steigt. Diese Frauen brauchen ihren Job.

Wie kommen Töchter und Söhne überhaupt dazu, ihre Eltern über lange Zeit zu pflegen?

Viele schlittern einfach hinein. Zuerst hilft man nur: organisiert ein Taxi, übernimmt Besorgungen, macht die Steuererklärung … Dann kommt langsam die Pflege dazu. Viele sehen sich übrigens gar nicht als pflegende Angehörige. Sie sagen: «Ich helfe meiner Mutter doch nur.»

Das ist doch ein schöner Zug.

Ja, einerseits ist das eine Stärke, andererseits schwächt das die Frauen unendlich. Zuerst machen sie es aus Liebe, sagen «das ist doch selbstverständlich», und plötzlich merken sie: Es hängt an. Auch wenn Töchter weniger intensiv pflegen als pflegende Partner, geht es ihnen gesundheitlich schlechter.

Wie zeigt sich das?

Zum Beispiel in häufigeren Arztbesuchen und im Medikamentenkonsum: Er ist bei ihnen signifikant höher als bei der durchschnittlichen Bevölkerung. Das zeigt, dass pflegende Töchter in der Regel «hidden patients» sind, versteckte Patienten.

Was können sie tun, um diese Falle zu umgehen?

Mehr externe Hilfe in Anspruch nehmen. Angehörige müssen sich abgrenzen. Einige können das besser als andere. Unsere Studie hat gezeigt: Der Grad der Pflegebedürftigkeit spielt keine Rolle dafür, wie sehr sich helfende Angehörige belastet fühlen; es ist eine Frage der Organisation und der psychischen Verfassung. Auch sollten sie reden über ihre Situation, damit sie merken, dass sie nicht allein sind.

Was dürfen ältere Menschen, die Hilfe benötigen oder gar Pflege, überhaupt von ihren Angehörigen erwarten?

Erwarten sollten sie nichts – eher hoffen. Und sie sollten, soweit es ihnen möglich ist, selber aktiv werden.

Wie denn?

Indem sie etwa mit ihren Kindern besprechen, wie diese ihnen am besten helfen, zum Beispiel beim Organisieren professioneller Hilfe. Die meisten Söhne und Töchter machen das gerne und gut. Oder indem die Eltern offen sind für neue Technologien – etwa eine Uhr mit Notfalltaste tragen. Auch die Robotik macht enorme Fortschritte. Das heisst nun aber nicht, dass sich gleich alle eine Roboter-Robbe zum Kuscheln kaufen sollen!

Sie appellieren an die Eigenverantwortung der Eltern.

Richtig. Die Eigenverantwortung – das zeigen sämtliche Studien in der Altersforschung – ist die Voraussetzung für ein langes Leben mit guter Lebensqualität.

Wie können Ältere, die noch rüstig sind, ihre Lebensqualität selber verbessern?

Die richtige Ernährung ist das A und O. Auch sollten sie regelmässig aus dem Haus gehen – zum Beispiel in einen Rhythmik-Kurs. Sie sollten sich, soweit es die Bedingungen zulassen, selber organisieren. Viele Barrieren sind nur in unseren Köpfen.

Was, wenn die Eltern fremde Hilfe ablehnen? Wie reagiert man da am besten?

Man muss hartnäckig bleiben, aber nicht aufdringlich. Man muss ihnen sagen, dass sie sich nicht zu schämen brauchen, wenn sie Mahlzeiten kommen lassen oder eine Reinigungshilfe. Diese Scham ist typisch für die Deutschschweizer – die Westschweizer haben weniger Mühe damit.

Dass sich Eltern lieber von ihren Kindern umsorgen lassen, ist doch nur natürlich.

Man kann heute einfach nicht mehr erwarten, dass die Kinder ständig in der Nähe sind. Kinder sollen ihren Eltern helfen, aber sie müssen auch ihre Autonomie wahren.

Ist das nicht etwas egoistisch?

Oft haben pflegende Angehörige ein Breakdown, wenn die Mutter oder der Vater ins Pflegeheim muss oder stirbt. Nach der Entlastung werden sie häufig selber krank. Aus dem «hidden patient» wird ein richtiger Patient. Man muss den Helfenden vorher sagen: Pass auf dich auf!

Das ist leicht gesagt.

Es sind nicht nur die Angehörigen gefordert, sondern auch die Unternehmen und die Politik. Die Angehörigenpflege in der Schweiz gilt als private Angelegenheit, und die Gesellschaft erwartet, dass geholfen wird. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Hilfe sind enorm.

Welchen Beitrag können Unternehmen leisten?

Sie sollten flexibel auf Mitarbeitende eingehen, die einen Angehörigen über längere Zeit pflegen, etwa mit Extra-Ferien oder einer Anpassung der Arbeitszeit.

Bald kommen die Baby-Boomer ins Pensionsalter – dann wird das Problem der ambulanten Pflege akut.

Unsere Generation – auch ich gehöre zu den Baby-Boomern – hat keine Ausreden mehr. Wir wissen: Wir werden immer älter und wir haben immer weniger Nachkommen, die uns pflegen könnten. Die Rate der Demenzkranken steigt weiter an. Wir müssen die Familie neu definieren: Freundschaften werden immer wichtiger, Nachbarschaftshilfe, Senioren-für-Senioren etc. Auch braucht es neue Wohnformen fürs Alter. Es braucht ein Umdenken auf verschiedenen Ebenen.

Sind Sie optimistisch für die Zukunft?

Ja. Unsere Studie hat grosse Wellen geworfen. Sie ist unter anderem ein Instrument für die politische Planung. Im letzten Dezember gab der Bund eine Verlautbarung heraus, ein Commitment für die Unterstützung von pflegenden Angehörigen. Endlich, endlich! Früher, wenn man von den Belastungen dieser Angehörigen sprach, hiess es immer «na ja, Privatsache!». Jetzt können wir genau sagen, wo’s harzt.

Interview: Daniela Diener