Juni 2015

Daheim im Heim

Wer im Alter nicht mehr selber für sich sorgen kann, findet in einem Altersheim Betreuung rund um die Uhr. Wie gestaltet sich der Heimalltag für Pflegende und Bewohner? Der Besuch im Alterszentrum Lanzeln in Stäfa zeigt: Der Mensch mit seiner persönlichen Lebensgeschichte steht immer im Mittelpunkt.

Senso Einleitung Juni 2015

Pflege rund um die Uhr

Für jeden der vier Wohnbereiche im Alterszentrum Lanzeln ist ein rund zehnköpfiges Pflegeteam verantwortlich. Sie helfen beim Aufstehen, beim Pflegen, beim Essen, bei allem, was nötig ist. Pflegeassistent Adrian Costa hilft einer Bewohnerin mit Multiple Sklerose vom Stuhl auf den Liegesessel. «Die Arbeit mit alten Menschen finde ich interessant – mich beeindrucken ihre so individuellen Lebensgeschichten», sagt Costa. 122 Seniorinnen und Senioren leben im Lanzeln, wovon über die Hälfte an Demenz leidet. «Wenn möglich wohnen Menschen mit verschiedenen Krankheitsbildern Tür an Tür. Das aktiviert beidseitig die Ressourcen», sagt Zentrumsleiterin Marie-Louise Sarraj.

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Selbstständigkeit fördern

Das morgendliche Pflegeprogramm gehört zum täglichen Ritual: Körperhygiene, anziehen, Bett richten, medizinische Versorgung und Kontrollen. Die Bewohner werden in ihrer Selbstständigkeit und entsprechend ihrer Tagesform gefördert und unterstützt. Herr B. hat sich heute früh selber rasiert, Pflegefachfrau Christina Gräf kümmert sich um den Feinschliff. Ihr Credo: Noch vorhandene Fähigkeiten betonen, statt das Gefühl von Defiziten zu vermitteln.

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Musikalisches Gedächtnis

Menschen mit Demenz können sich oft kaum mehr auf ein Gespräch einlassen. Sie leben in ihrer eigenen Gedankenwelt. Die Sprache der Musik hingegen funktioniert bei den meisten noch erstaunlich gut. Beim Singen blühen einige der Bewohner richtig auf. Namen, Raum und Zeit gehen laut Pflegefachfrau Monika Töpperwien vergessen, Liedtexte nicht. Auf einigen Stockwerken steht ein Klavier. Frau F. lässt sich nicht zweimal bitten: Ihre Finger schlagen flink und gezielt, beschwingte Tanzmusik sprudelt aus ihr heraus. Nur das Repertoire wird allmählich kleiner.

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Mahlzeiten als Treff- und Mittelpunkt

Bewohnerin Frau Raggenbass kommt oft als Erste ins Restaurant und schöpft am Buffet ihren Salat. Wie immer richtet sie auch den Teller für ihren «Schützling» am Nebentisch, der das überhaupt nicht gerne mache. Das Essen ist laut Chef de Service Yvonne Berti zentral. Man trifft sich, tauscht sich aus oder geniesst schweigend. Jeder nach seinem Gusto. Auch was die Menüwahl betrifft, klassisch oder vegetarisch, bei Bedarf Diät- oder Schonkost. Der Renner ist laut Köchin Julia Hohenstein Züri-Geschnetzeltes. Am Geburtstag sei freie Wahl. «Einfach kein Chateaubriand, wie kürzlich gewünscht.»

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Individuelle Betreuung

Demente Menschen brauchen viel Feingefühl. Wie geht es der Person heute? Was täte ihr gut? Ist sie müde und braucht eher Ruhe statt Aktivität? Da Frau B. wie viele demente Menschen täglich etliche Kilometer zurücklegt, bietet ihr Pflegeassistentin Nicole Keller ein Kamillenfussbad an. Das scheint zu gefallen: Frau B. kichert und turnt mit den Füssen wie ein kleines Mädchen. Ein Tag ohne Lachen ist für Nicole Keller ein schlechter Tag: «Gemeinsames Lachen bringt den Betagten oft mehr als ein Gespräch.»

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Spiritualität erleben

Die wöchentlichen Gottesdienste sind gut besucht. «Spätestens am Lebensende stellt sich jeder Mensch die Sinnfrage», sagt der reformierte Pfarrer Christian Frei. Einmal im Monat leitet er eine spezielle Feier für Demenzkranke. Sie sind nicht mehr auf der geistigen, sondern nur noch auf der emotionalen Ebene ansprechbar. Durch Lieder, Körperberührungen, Düfte, Bilder – alles, was die Sinne anregt. Heute sind es frische Tulpen, «die ein Stück Erinnerung schenken». Auch Abschied gehört dazu. Für jede verstorbene Person brennt im Haus eine Erinnerungskerze.

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Text: Daniela Schori