März

Vom Baby-Boomer zum Pflegefall

Die Baby-Boomer, die in den 40er- bis 60er-Jahren für volle Säuglingszimmer in den Spitälern sorgten, werden bald unsere Pflegeheime überfüllen. So glauben viele. Doch dieser Schluss greift zu kurz.

Radio, Zeitungen und TV berichten laufend über den demografischen Wandel. Doch was bedeutet er genau? Die geburtenstarken Jahrgänge aus der Nachkriegszeit sind verantwortlich dafür, dass unsere Bevölkerungspyramide im wahrsten Sinne des Wortes Kopf steht. Der Soziologe und Altersforscher François Höpflinger von der Universität Zürich etwa spricht von einer doppelten Alterung: Einerseits werden wir immer älter, anderseits haben die Baby-Boomer wenig Kinder. Anzahl und Anteil alter Menschen werden deshalb rasch zunehmen. Wir müssen also in Zukunft mit einer steigenden Zahl Pflegebedürftiger rechnen. Während bei den 75- bis 79-jährigen Personen deutlich weniger als 10 Prozent pflegebedürftig sind, sind dies bei den 80- bis 84-jährigen bereits 13 Prozent und bei den 85-jährigen und älteren gut 34 Prozent. Bei den über 90-jährigen ist gar jeder Zweite auf ständige Pflege angewiesen. Im Klartext: Der Pflegebedürftige ist nicht mehr fähig, sich selbst an- und auszukleiden, zu Bett zu gehen oder das Bett zu verlassen, sich zu waschen oder sich innerhalb der eigenen vier Wände zu bewegen. Pflege wird also immer später und immer häufiger erst gegen Ende des Lebens beansprucht, dann aber besonders intensiv. Heute wünschen sich die meisten, möglichst lang daheimzubleiben. Nicht zuletzt, weil sie die Kosten eines «teuren Pflegeheims» scheuen. Der Trend verlagert sich somit von einer stationären hin zu einer ambulanten Pflege durch Spitex, Nachbarn, Freunde oder Familie. Die weitverbreitete Meinung, dass der Staat die Pflegekosten bezahlt, stimmt übrigens nur bedingt: Nichtpflichtleistungen, ob ambulant oder stationär, tragen die Pflegebedürftigen selber. Sie machen den Grossteil der Kosten aus. Die höchsten Kosten fallen im vierten Lebensalter an (generell nach achtzig, individuell jedoch verschieden), wenn gesundheitliche Beschwerden ein selbständiges Leben erschweren. Dies ist das Alter, das Höpflinger das «fragile» Alter nennt – und das immer mehr von uns erreichen.

Text: Daniela Diener

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Geschätzte Pflegequote im Alter

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