März

«Raum für Sport zu schaffen, ist massgebend»

Ernährungscoaching kann auf dem Weg zur gesunden Ernährung hilfreich und sinnvoll sein. Doch worauf gilt es zu achten? Ernährungsberaterin Sonja Erni liefert Antworten im Interview.

Ernährungsberaterin Sonja Erni

Sonja Erni (38) ist diplomierte Ernährungsberaterin HF mit eigener Praxis in Burgdorf. Die dreifache Mutter war in der Konzipierung der Ernährungscoaching-App Oviva stark involviert.

Sonja Erni, warum sollte jemand einen Ernährungscoach engagieren?

Sonja Erni: Ernährungscoaching (EC) hilft, sich im immer dichteren «Ernährungsdschungel» zurechtzufinden. Denn die Orientierung ist zunehmend schwierig. Die Coaches geben wertvolle Ernährungstipps, die man in seinen Alltag integrieren kann. Diese positive Umstellung trägt schliesslich dazu bei, dass man sich wohler und fitter fühlt. Generell würde ich sagen, EC ist eine gute Grundlage für eine gesunde Lebensweise.

Wem empfehlen Sie Ernährungscoaching?

Ernährungscoaching eignet sich für alle, die ihr bisheriges, oft falsches Essverhalten ändern wollen. Diese Menschen sind bereit, ihren Lebensstil anzupassen, um in Zukunft gesünder zu leben. Bei EC geht es zwar nicht nur ums Abnehmen, für viele steht dieser Wunsch aber oft im Zentrum.

Sie waren stark in der Entwicklung der App Oviva, eines virtuellen Ernährungscoachs, involviert. Ist die Zielgruppe dieser App die gleiche wie beim «herkömmlichen» Ernährungscoaching?

Die App Oviva ist für Menschen bestimmt, deren Body-Mass-Index, kurz BMI, höher als 18 ist. Unsere Kundinnen und Kunden sollten auch älter als 18 Jahre sein. Anders als beim «herkömmlichen» Ernährungscoaching beraten wir mithilfe der App Oviva keine Kinder und Schwangere.

Wie funktioniert die App?

Man fotografiert alles, was man isst und trinkt – Hauptmahlzeiten, Zwischenmahlzeiten, aber auch Snacks. Diese Bilder schickt man via App an seinen persönlichen Ernährungscoach. Man kann auch seine Aktivitäten und sein Gewicht in der App festhalten. Diese Daten dienen als Grundlage für das individuelle Coaching mithilfe der App.

Kann denn eine App das reale Coaching ersetzen?

Das virtuelle Coaching hat mehrere Vorteile: Es ist zeitlich und räumlich unabhängig und findet regelmässig statt. Dadurch hat der Coach einen präzisen Einblick in die Essgewohnheiten der Kunden. Lanciert haben wir Oviva im September 2014. Die Erkenntnisse seither zeigen, dass Kundinnen und Kunden dank der App mehr Eigenverantwortung übernehmen und sehr ehrlich sind. Dies sicherlich auch, weil sie ständig im Hinterkopf haben, ihr Essverhalten dokumentieren zu müssen. Das virtuelle Coaching ist aber nicht jedermanns Sache, so wird Oviva die persönliche Beratung sicher nie ganz ersetzen.

Ob virtuelles oder persönliches Coaching: Was braucht es für den Erfolg?

Sehr wichtig sind die starke Eigenmotivation und die absolute Bereitschaft, das eigene Verhalten ändern zu wollen. Menschen, die eine Ernährungsberatung beanspruchen, sollten auch offen und neugierig auf Neues sein und ehrlich mit dem Thema Essen umgehen. Und: Man hört es zwar nicht gerne, aber Raum für Sport zu schaffen, ist für den Erfolg massgebend. Schliesslich ist auch Ausdauer vonnöten – wobei der Coach die Kunden hierbei stark unterstützen kann.

Inwiefern?

Wenn ich merke, dass das Gewicht meiner Kunden stagniert oder dass Zwischenziele nicht erreicht werden, frage ich gezielt nach: «Was haben Sie verändert? Was machen Sie anders als bisher?» Nützlich ist, wenn man präzise aufschreibt, welchen Aktivitäten man nachgeht beziehungsweise welche Aktivitäten einem schwerer fallen als sonst. Stark motivierend kann es sein, wenn man zum Beispiel merkt, dass einem das Treppensteigen leichter fällt oder dass man in Zentimetern (und vielleicht nicht in Kilogramm) gemessen doch einige Pfündchen verloren hat.

Worauf sollte man bei der Auswahl des Coaches achten?

Zu ambitionierte Erfolgsversprechungen deuten oft auf unseriöse Angebote hin. Vorsicht ist geboten, wenn Anbieter eine 100-prozentige Erfolgsgarantie oder übertrieben schnelles Abnehmen versprechen. Man darf nicht vergessen: Eine Verhaltens- oder Lebensstilveränderung braucht Zeit. Zu schnelle Erfolge sind meistens nur von kurzer Dauer.

Interview: Szilvia Früh