März

Null Bock auf Sport

Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig. Das sieht man spätestens im Erwachsenenalter, wenn Rückenleiden, Herz-Kreislauf-Probleme oder Stoff- wechselstörungen auftreten. Damit ist Bewegungsmangel laut Kinderarzt Urs Eiholzer fataler als Übergewicht.

Beitrag 5 klein

Spätestens bei der Einschulung lernen Kinder neben Lesen und Schreiben eine neue Disziplin: still sitzen. Mit dem Schulbeginn startet eine «Sitzkarriere». Jugendliche sitzen im Schnitt neun Stunden am Tag, wie die europäische Helena-Studie (Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adole- scence, helenastudy.com) herausfand. Auch in der Freizeit beweisen Kinder und Jugendliche Sitzleder – sie beschäftigen sich stundenlang mit Fernsehen, Computerspielen und Social Media. Jedes fünfte Schulkind ist gemäss BMI-Monitoring von Gesundheits­förderung Schweiz übergewichtig oder fett­leibig. Damit erhöht sich ihr Risiko, auch als Erwachsene übergewichtig zu sein.

«Auch wer schlank ist, aber sich zu wenig bewegt, ist gefährdet», sagt Kinderarzt Urs Eiholzer, Professor an der Universität Zürich und Spezialist für Bewegungsmedizin und Stoffwechsel- störungen. Bewegungsmangel führt zu Haltungsschäden, Gelenk- und Rückenproblemen, erhöhten Blutfettwerten, Bluthochdruck und Diabetes. Wieso trotzdem diese Bewegungsunlust? «Kräfte zu schonen entspricht unserem genetischen Programm. Nur so konnte der Mensch die wieder- kehrenden Hungersnöte überleben», sagt Eiholzer. Doch heute sind zu ausgeprägte Fettreserven überflüssig. Zudem hat sich der Lebensstil gewandelt; viel Technik, wenig Muskelkraft. Der Körper verkümmert, wenn er nicht bewegt wird.

Schlüssel liegt in der Kindheit

Kleinkinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Sie nutzen jede Gelegenheit zum Klettern, Hüpfen, Springen. So eignen sie sich spielerisch komplexe koordinative Fähigkeiten an – Grundlage für eine gesunde Entwicklung. Auch Wahrnehmung, Sprache, Emotion und Sozialverhalten werden positiv beeinflusst. In der Pubertät verblasse der kindliche Spieltrieb, «über diese Regulation weiss die Wissenschaft noch zu wenig». Es brauche in dieser Phase neue Motivatoren, etwa Sportvereine, sagt Evelyne Dürr, Bewegungswissenschaftlerin und Fachspezialistin für Gesundheitsmanagement bei Helsana: «Teenager wollen mit Gleichaltrigen Spass haben.»

Die sportliche Prägung geschieht vorher. Wer in der frühen Kindheit keine Bewegungskompetenz aufbaut, holt diese laut Eiholzer später nur noch bedingt auf. «Raus in den Wald, ab auf den Spielplatz!», lautet sein Aufruf. «Bei Kindern bis zur Pubertät macht Bewegung Lust auf noch mehr Bewegung.» Das beweisen die Forschungsarbeiten am Pädiatrisch-Endokrinologischen Zentrum Zürich PEZZ, das Eiholzer leitet. Krafttraining hat sich als sehr effizient erwiesen: Die Kraft der Mädchen und Buben steigerte sich signifikant dank einer Trainingsstunde pro Woche. Die Knaben waren zudem auch ausserhalb des Trainings zehn Prozent aktiver, was dem Energieaufwand von
45 Kilometer Velofahren in der Woche entspricht.

«Sport und Bewegung beeinflussen auch die Hirnleistung», sagt Dürr, «Forschungen zeigen, wie sich Bewegung in der Schule positiv auf Konzentration und Gedächtnis auswirken. Die Schüler verändern zudem ihr Freizeitverhalten und bewegen sich mehr.» Es brauche wenig Anreiz, um Kinder zu begeistern: «Ein simpler Gummitwist reicht, und sie legen los.» Wichtig sind Freiraum und Vorbilder. «Viele Schulen setzen diese Erkenntnisse bereits um, bieten bewegtes Lernen und bewegte Pausen an. Der Familienalltag ist ebenso wichtig.» Kinder kopieren ihre Eltern. Wer seine Freizeit lieber in der Stube statt in der Natur verbringt, nimmt den Kindern die Möglichkeit, vielfältige Bewegungsformen und Materialien zu entdecken. «Eltern sehen manchmal zu viele Gefahren – doch gerade wer sich zu wenig austoben kann, wird verletzungsanfällig», sagt Eiholzer. «Sport soll Freude bereiten», betont Dürr. «Eine ungezwungene polysportive Kindheit legt den Boden dafür.»

Text: Daniela Schori