März

«Es ist wichtig, klar zu kommunizieren»

Helsana bietet Arbeitgebern Führungsschulungen für den richtigen Umgang mit psychisch angeschlagenen Mitarbeitenden. Die Psychologin Sybille Imbach vom Gesundheitsmanagement Helsana erklärt, weshalb das so wichtig ist.

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Sybille Imbach, Fachspezialistin Gesundheitsmanagement Helsana, Prävention und Gesundheitsförderung für Unternehmenskunden

Frau Imbach, warum bietet Helsana Arbeitgebern Führungsschulungen zum Thema psychische Gesundheit?

Sybille Imbach: Wir wissen, dass bei psychischen Erkrankungen die Früherkennung sehr wichtig ist. Je länger man zuwartet mit einer Therapie, desto grösser ist das Risiko einer Chronifizierung. Darum ist es unser Anliegen, dass der Arbeitgeber möglichst früh feststellt – wenn möglich schon am Arbeitsplatz –, wenn bei einem Mitarbeitenden etwas nicht stimmt. Er sollte auch konsequent sein und Grenzen setzen. Das kann sich für den Arbeitnehmer positiv auswirken: Er wird animiert, konkret etwas gegen sein Leiden zu unternehmen. So bietet sich die Möglichkeit, gemeinsam den Arbeitsplatz zu sichern.

Und was hat der Arbeitgeber davon?

Für den Arbeitgeber ist es aus wirtschaftlichen Gründen wichtig – und für Helsana ebenfalls, denn die psychischen Erkrankungen kommen uns sehr teuer zu stehen: Im Krankentaggeld-Bereich ist es der Bereich, der die höchsten Kosten verursacht, mehr als Erkrankungen des Bewegungsapparats. Es dauert länger, bis psychische Erkrankungen geheilt werden, und das Risiko für einen Rückfall ist grösser.

Ist es denn nicht die Privatsache des Arbeitnehmers, wenn er psychische Probleme hat? Was geht das den Arbeitgeber an?

Absenzen sind nicht nur Sache des Arbeitnehmers. Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht und eine soziale Verantwortung: Er muss auf die Gesundheit seiner Mitarbeitenden achten. Ausserdem vertritt eine Führungskraft das wirtschaftliche Interesse der Firma. Das heisst auch, die Arbeits- fähigkeit aufrechtzuerhalten.

Wie weiss der Chef, wie er reagieren muss und wann?

Viele Führungskräfte sind überfordert, wenn sie das Gespräch mit einem Arbeitnehmer suchen sollen, der psychisch angeschlagen ist. Genau hier setzen unsere Führungsschulungen an. Wir zeigen etwa, wie man Auffälligkeiten erkennt, zum Beispiel bei häufigen Konflikten. Es gibt ganz unterschiedliche Typen: Die einen ziehen sich bei Problemen zurück, andere werden aufbrausend oder angriffig. Und es gibt unterschiedliche Stufen: Sie reichen von schlechter Stimmung bis hin zu einer ernst zu nehmenden psychischen Krankheit.

Muss der Arbeitgeber seine Mitarbeitenden nun diagnostizieren können?

Nein. Diagnosen gehen den Arbeitgeber nichts an. Er sollte hingegen das Gespräch suchen, wenn er ein schlechtes Bauchgefühl hat. Das kann anfänglich auch informell sein, indem er etwa dem Mitarbeitenden sagt, dass er sich Sorgen um ihn macht. Der Arbeitgeber kann den Mitarbeitenden auch dazu motivieren, dass er sich bei ernsteren Problemen in eine Beratung begibt.

Psychisch angeschlagene Mitarbeitende sind manchmal sehr empfindlich – wie findet man als Arbeitgeber den richtigen Ton?

Man muss seine Erwartungen klar kommunizieren, Grenzen setzen und allenfalls auch mitteilen, was für das Unternehmen tragbar ist und was nicht. Führungskräfte zögern oft, das Thema auf den Tisch zu bringen. Dadurch geschieht aber leider nichts, und die Krankheit kann sich so verschlim- mern. Es kann sehr lange dauern, bis Betroffene Hilfe suchen. Das tun sie erst, wenn der Leidensdruck extrem hoch ist. Diesen Prozess kann eine Führungskraft beschleunigen, indem sie auffällige Verhaltensweisen so früh wie möglich anspricht.

Gibt es heute mehr psychische Erkrankungen als früher?

Das lässt sich nicht genau sagen. Es werden heute tatsächlich mehr Diagnosen gestellt, man weiss aber nicht wirklich, womit das zusammenhängt. Der Umgang mit dem Thema hat sich sicherlich verändert. Heute lässt man sich eher professionell helfen, auch weil Betroffene nicht mehr so stigmatisiert sind wie früher und weil man darauf sensibilisiert ist. Damit steigt unweigerlich die Zahl derer, die eine Therapie beanspruchen.

Interview: Daniela Diener