März

«Die Diagnose war ein Schock»

Vor einem Jahr erhielt David Wechsler die Diagnose Diabetes Typ 2. Der Basler stellte daraufhin seine Ernährung um und baute Sport in den Tagesablauf ein. Heute geht es ihm bestens. Der 50-jährige Chemietechniker erzählt, wie er die Krankheit in den Griff bekam.

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«Heute liegt auf meinem Teller nur noch ein Häuflein Tagliatelle. Grosszügig ist dagegen die Portion Gemüse, die ich dazu esse.» David Wechsler beim Einkaufen am Basler Stadtmarkt.

«Als bei mir im März 2014 Diabetes Typ 2 festgestellt wurde, fiel ich aus allen Wolken. Die Ursache für den Anstieg meiner Zuckerwerte ist nicht ganz klar. Ich wog zu viel, ja, aber in meinem Umfeld gibt es viel dickere Leute. Bei ihnen wirken sich die vielen Kilos nicht auf die Zuckerwerte aus. Dazu bin ich jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit gefahren, war sogar Mitglied im firmeneigenen Fitnessclub. Waren es hauptsächlich die Süssigkeiten? Bis zum Ausbruch der Krankheit habe ich mir abends Schokolade oder Glace gegönnt. Ich bezweifle es. Stattdessen vermute ich als Auslöser Stress,
den ich letztes Jahr in meinem privaten Umfeld hatte. Zusammen mit dem Übergewicht und der Ernährung brachte er das Fass wohl zum Überlaufen.

Die Diagnose war ein Schock. Ich dachte an Fussamputationen und Erblindung: an die Folgen, die sich einstellen können, wenn der Diabetes über längere Zeit nicht erkannt oder nicht richtig eingestellt ist. Da ich bereits kurzsichtig bin, befürchtete ich vor allem Augenschäden.

Meinem Hausarzt verdanke ich, dass ich umfassend über die Krankheit informiert wurde. Er schickte mich gleich zur Diabetesgesellschaft der Region Basel. Deren Berater erklärten mir alles Wichtige. So erfuhr ich auch, dass man selbst sehr viel tun kann, um trotz Krankheit gut zu leben. Ich würde allen Betroffenen empfehlen, ebenfalls die regionale Diabetesgesellschaft zu kontaktieren. Von Internetrecherchen rate ich ab: Die Informationsflut verwirrt nur.

Nach der Beratung konnte ich manches Klischee ad acta legen, etwa, dass man sich total einschränken muss. Mir als Geniesser wäre das sehr schwer gefallen. Eine der wichtigsten Regeln für Typ-2-Diabetiker lautet: konsequent ausgewogen essen. Ich liebe Teigwaren und gönne sie mir nach wie vor. Heute aber liegt auf meinem Teller nur ein Häuflein Tagliatelle. Grosszügig ist dagegen die Portion Gemüse, die ich stets zu den Nudeln esse. Wenn ich mittags Kartoffeln zu mir nehme, gibt es abends keine Kohlehydrate mehr. Bei Lebensmitteln achte ich penibel auf den Zuckergehalt. Manchmal bin ich erschrocken über die Menge, die darin enthalten ist, etwa in Säften und Frucht- joghurts. Meist weiss man das gar nicht. Wichtig ist, diese versteckten Zuckerfallen zu finden und vom Speisezettel zu streichen. Dann kann man sich bewusst und guten Gewissens ab und zu auch etwas Schokolade gönnen.

Die Beratungsgespräche führten mir vor Augen, dass ich immer viel zu schnell gegessen und deshalb grössere Portionen verputzt habe als notwendig. Das führte zu Übergewicht und dies wiederum fördert Diabetes. Heute weiss ich, dass der Sättigungsgrad erst nach zwanzig Minuten eintritt, so lasse ich mir Zeit und bin schon nach kleineren Mengen satt.

Sport spielt neben der Ernährung eine weitere grosse Rolle, um den Diabetes im Griff zu behalten. Allein schon, weil Bewegung die Blutzuckerwerte senkt. Allerdings führt nur Regelmässigkeit zum Erfolg. Ich bringe jeden Tag meinen Herz-Kreislauf dreissig Minuten lang auf Touren. Schwimmen und Trainings im Fitnesscenter sind fester Bestandteil der Woche. Darüber hinaus nutze ich im Alltag jede Gelegenheit, um zu Fuss zu gehen. Ein Schrittmesser zeigt mir meine Leistungen an. Legte ich früher 4000 Schritte pro Tag zurück, sind es heute 10 000. Man muss als Diabetiker in Sachen Bewegung nicht alles umstellen. Auch Kleinigkeiten summieren sich.

Es fiel mir nicht schwer, meine Ernährung zu ändern und Sport konsequent in meinen Tagesablauf einzubauen. Zum einen bin ich ein rationaler Typ und weiss, dass es mir auf diese Weise besser geht. Zum anderen will ich unbedingt Schäden an Augen und Gefässen vermeiden. Mit 50 Jahren habe ich schliesslich noch viel vor im Leben. Das motiviert mich. Auch die Erfahrung einer Bekannten spornt mich an. Sie erkrankte vor zehn Jahren an Diabetes Typ 2. Leider veränderte sie ihren Lebensstil kaum und muss heute Insulin spritzen. Das möchte ich auf jeden Fall vermeiden.

Ich habe auch an meiner Work-Life-Balance gearbeitet. Mein Arbeitspensum ist sehr hoch, und ich habe mit Leuten aus verschiedenen Kontinenten zu tun. Das führte früher dazu, dass ich fast rund um die Uhr arbeitete. Ich ass während der Arbeit am Computer und schlief unregelmässig. Bei Diabetikern mit ihrem gestörten Stoffwechsel ist ein gewisser Rhythmus aber besonders wichtig. Also habe ich gelernt, runterzufahren.

Erste Erfolge sind da. Seit der Diagnose vor rund einem Jahr habe ich 16 Kilo verloren. Das kommt manchen vielleicht wenig vor, aber ich bin ein Typ, der die Dinge lieber langsam angeht. Nach einem zu euphorischen Start knickt man meist bald wieder ein. Mein Zielgewicht ist 95 Kilo. Gerade wenn männliche Patienten mit Diabetes Typ 2 an Bauchfett verlieren, kann das ihre Inselzellen animieren, wieder Insulin zu produzieren. Derzeit nehme ich eine Kombination von zweierlei Tabletten ein. Neulich meinte mein Arzt, wenn es so weiterginge, könne ich vielleicht bald eine absetzen.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich weniger und ausgewogener essen: viel Gemüse, aber Kohlehydrate nur in Kleinstportionen. Sport wäre ein Muss. Gemäss gross angelegten Studien aus Finnland und den USA liessen sich mit einem aktiven Lebensstil und gesunder Ernährung mehr als die Hälfte der Diabetes-Typ-2-Erkrankungen hinauszögern oder sogar vermeiden.

Wenn ich sehe, was viele junge Leute heute essen – nur Hamburger oder Schnipo, begleitet von Süssgetränken . . . Oh je! Kein Wunder, tritt Diabetes Typ 2 heute schon bei 25-Jährigen auf. In der Schweiz leiden bereits Hunderttausende an der Zuckerkrankheit, davon neunzig Prozent an Typ 2. Um den Diabetes einzudämmen, wäre es sinnvoll, bereits in den Schulen über gesunde Ernährung und die Wichtigkeit von Bewegung zu informieren. In den Familien sollten Eltern mit gutem Beispiel vorangehen. Meine 13-jährige Tochter tut sich auch mit Grünzeug schwer, ich sage ihr aber immer wieder, dass sie nicht nur von Spaghetti leben kann. Wenn sie mich besucht, sind Rüebli oder Blumenkohl Teil der Mahlzeit. Mit diesen Gemüsesorten kann sie sich noch knapp anfreunden. Das ist zumindest ein Anfang.»

Text: Juliane Lutz