November 2014

Wenn Stress nach Hilfe ruft

Besonders belastende Erlebnisse können Menschen traumatisieren. Das Helsana-Angebot «Psychologische Soforthilfe» verhindert, dass sich daraus eine Belastungsstörung entwickelt. Mischa Oesch, Expertin für Traumabewältigung, unterstützt Betroffene am Telefon.

Psychologische Soforthilfe

Ein Zugunglück wie das Mitte August 2014 bei Tiefencastel kann bei Betroffenen ein Trauma auslösen. Manchmal zeigt sich das erst, lange nachdem die Rega ihren Rettungseinsatz beendet hat und die körperlichen Wunden verheilt sind.

Seit seinem Herzinfarkt war Herr B. von Angst geplagt. Er traute sich kaum aus dem Haus. «Der Mann geriet in Panik, sobald sich sein Puls veränderte», erzählt Psychologin Mischa Oesch, die Herrn B. eineinhalb Jahre nach dem Infarkt am Notfalltelefon betreute. «Ich erklärte ihm, dass seine Reaktion nicht ungewöhnlich sei. Ein plötzlich erlebter Kontrollverlust kann traumatisch sein.» Oesch bedauert, dass Menschen wie Herr B. so lange warten, ehe sie Hilfe holen. Dabei brauche es oft wenig, um die Situation zu entschärfen: «Es entlastet die Anrufer enorm, wenn sie nicht allein sind mit diesem Problem und dass sie jemand versteht.» Gerade Männer haben mehr Hemmungen anzurufen. Es falle ihnen oft schwerer, Gefühle zu benennen und zu reflektieren. «Stresssymptome sind jedoch normal nach einem schlimmen Ereignis. Das hat nichts mit Spinnerei zu tun», betont Oesch mit warmer Stimme. Man hört der Bernerin gerne zu. Weil ihr nonverbale Signale wie Mimik und Körperhaltung des Anrufers fehlen, muss sie ihm sehr gut zuhören und stimmliche Veränderungen deuten. «Für Betroffene ist ein Anruf oft einfacher als der Gang in die Praxis, der jedoch in der Folge meist sinnvoll ist.»

Soforthilfe gegen chromische Störungen

Hätte sich der Infarktpatient früher gemeldet, wäre es laut Oesch vermutlich nicht zur ausgeprägten Angststörung gekommen. «Für psychologische Hilfe ist es nie zu spät. Aber je früher nach dem Ereignis, desto geringer die Gefahr, dass eine ungünstige Entwicklung verpasst wird und sich allenfalls eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.» Diese kann entstehen, wenn die Person das Trauma – ausgelöst durch Gewalt, einen Unfall, eine Katastrophe, einen Todesfall oder eine Krankheitsdiagnose – nicht verarbeitet. In der Akutphase sind starke emotionale Schwankungen und Stresssymptome normal. Erst, wenn diese auch nach Wochen nicht verschwinden, drohen Erkrankungen wie Persönlichkeitsveränderungen, Gedächtnis- und Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Atemnot und Übelkeit. «Das ist zwar eher die Ausnahme, kann aber auch psychisch gefestigte Menschen treffen.»

Die Bewältigungsstrategien sind individuell. «Manchen Leuten helfen Gespräche, andere suchen die Ruhe in der Natur.» Sie staunt, wie belastbar Menschen sind. Wie der Lokführer, der schon drei Selbstmordfälle bewältigt hat und erst beim vierten an seine Grenzen gelangte. Wie findet Oesch heraus, was der Person guttut? «Ich muss wissen, wie sie lebt, was ihr in ähnlichen Situationen geholfen hat.» Selbstkompetenz zu aktivieren, sei wichtig. Wie bei der Brustkrebspatientin, die anrief. «Die Frau fühlte sich vom Arzt überrumpelt und hatte Angst.» Oesch bestärkte die Frau darin, mit ihrem Arzt zu reden. Sie besprachen das Vorgehen und vereinbarten einen Rückruf. «Eine Vertrauensperson zu haben, gab ihr Mut. Bei Bedarf hätte ich auch vermittelt.»

Härteres Arbeitsklima verursacht Leiden

Die Gründe für die Anrufe haben sich verändert. «Mehr familiäre Probleme, mehr Burnouts». Sie spürt ein härteres Arbeitsklima und höheren Druck. Häufig rufen die Partner von Betroffenen an. So die Ehefrau eines gestressten Managers: «Sie hielt alle Alltagssorgen von ihm fern. Die Kinder durften keinen Mucks machen. Doch damit verstärkte sie sein krankmachendes System.»

Nicht immer kann Oesch helfen. «Manchmal prallen alle Vorschläge ab. Besonders, wenn Anrufende erwarten, ich könne alle Probleme wegzaubern oder ich hätte ein Universalrezept.» So auch Trauernde, die hoffen, nach dem Anruf sei der Schmerz weg, obwohl eine Verarbeitungsphase normal ist. «Ich kann jedoch Orientierung schaffen, Ressourcen aufdecken, vermitteln – und wir können auch mal gemeinsam lachen.»

Text: Daniela Schori