November 2014

«Mit Kunst erreicht man jeden Menschen»

Kunsttherapie ist eine relativ junge Disziplin. Über künstlerische Medien finden Patienten einen Weg, sich auszudrücken. Das kann das Selbstvertrauen stärken und die Heilung fördern. Als Drama und Sprachtherapeut behandelt Dietrich von Bonin unter anderem Schlafstörungen, Traumata oder Magenprobleme.

Kunsttherapie

Dietrich von Bonin bei einer Dialog- und Führungsübung. Die Stäbe werden locker gehalten, sollen aber nicht zu Boden fallen. Dabei achten beide auch auf die Atmung.

Die Wände sind in hellem Rosa gestrichen, die Vorhänge sind türkis, der Holzboden ist frisch geölt. In der Ecke steht ein Pult, ein Sitzball dient als Stuhl – sonst ist das Zimmer von Dietrich von Bonin leer. «Ich brauche Raum für meine Klienten», sagt er. Sind seine Patienten bei ihm, stehen sie oder sind in Bewegung. Als Kunsttherapeut arbeitet von Bonin in einer Gemeinschaftspraxis in Bern. Er behandelt Patienten mit Schlaf- und Angststörungen, Burn-out oder Magenproblemen. Oder er hilft, Traumata zu bewältigen. So begleitet er etwa Menschen, die erfahren haben, dass sie an Krebs erkrankt sind. «Mit Kunst erreicht man jeden Menschen.»

Die Kunsttherapie hat sich sowohl in Kliniken wie auch in Privatpraxen etabliert. Zu dieser Therapie gehören Bewegungs- und Tanz-, Drama- und Sprach-, Gestaltungs- und Mal- sowie die Musiktherapie – und die intermediale Therapie, die alle Ausdrucksmittel verwendet. Dietrich von Bonin arbeitet als Drama- und Sprachtherapeut. «Eine Spezialität innerhalb der Kunsttherapie», sagt der dynamische 56-Jährige. Er hat eine Ausbildung zum Schauspieler absolviert, bevor er sich zum Kunsttherapeuten weiterbildete. Es sei die Faszination gewesen, Kunst mit Wissenschaft zu verbinden, die ihn schliesslich zu seinem heutigen Beruf gebracht habe. Dietrich von Bonin forscht seit 15 Jahren zu den Wirkungen der Kunsttherapie an der Universität Bern und ist Leiter der Prüfung zum eidgenössischen Diplom als Kunsttherapeut für alle Fachrichtungen.

In der Therapie konzentriert sich Dietrich von Bonin auf die Atmung, die Stimme, die Gestik und die Sprache seines Klienten – oft arbeitet er mit Gedichten, wie etwa seinem Lieblingsgedicht «Unendlich» von Rose Ausländer, «oder einfach mit Konsonanten – wie beispielsweise K-L-S-F-M». Zu Beginn spreche er mit dem Patienten nur einen Laut, dann zwei und baue dann die ganze Reihe auf. So lernten Patienten, ihren Atem bewusst einzusetzen.

Einer Sachbearbeiterin etwa, die an Herzrhythmusstörungen litt, haben rhythmisch gesprochene Verse geholfen, weil sich die neu erlernte Atemtechnik positiv auf ihre Herzprobleme ausgewirkt habe. Kunsttherapeuten geht es darum, dass die Patienten lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, und nicht weiter das Gefühl haben, dem Schicksal ausgeliefert zu sein. «Eine solche Erkenntnis wirkt sich auf den Verlauf einer Krankheit aus», sagt von Bonin. Dies bestätigt ein ehemaliger Klient, der an schweren Lungenproblemen litt. «Die täglichen Übungen mit der Sprache wurden mir zum Bedürfnis», erinnert er sich. Damit bekam er seine Atemnot und die damit verbundene Hyperventilation in den Griff.

Text: Sibylle Stillhart