November 2014

Starke Teams

Immer mehr junge Ärzte wählen eine Anstellung in einer Gemeinschaftspraxis. Dort können sie sich ganz aufs Arztsein konzentrieren, sich im Team austauschen und beraten – oder Neues ausprobieren. So wie Marc Jungi, leitender Arzt der Sanacare Bern: Sein Ärzteteam bezieht Praxisassistentinnen in die Betreuung von chronisch Kranken mit ein. Und hat damit grossen Erfolg.

Sanacare

Sprechstunde von halb acht bis zwölf Uhr, Mittagspause bis eins, von ein bis zwei Uhr Teamsitzung, danach nochmals Sprechstunde bis halb fünf Uhr, anschliessend ein Vorstellungsgespräch mit einem potenziellen neuen Arztkollegen und auf dem Nachhauseweg noch ein Hausbesuch bei einer Patientin: Im Leben von Marc Jungi ist das ein ganz normaler Tag. Seine Agenda ist immer gestossen voll.

Der 48-jährige Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH, praktiziert als einer von zwölf Hausärzten in der Gruppenpraxis Sanacare in Bern. In der Funktion des leitenden Arztes trägt er dort zusammen mit einem Kollegen zudem die Verantwortung für alles Administrative wie das Personalwesen, das Budget und die Einsatzplanung. Und schliesslich ist Marc Jungi auch noch Mitglied der Geschäftsleitung der Sanacare AG, der Mutter der inzwischen schweizweit 13 Sanacare-Praxen. Dass er heute so viel Führungsverantwortung trägt, hat sich ergeben. «Mein Interesse für diese Belange habe ich hier in der Gruppenpraxis entdeckt», sagt Marc Jungi. Dass er hier und nicht in einer Einzelpraxis praktiziert,ist aber alles andere als Zufall: Mit anderen seines Fachs unter einem Dach zu arbeiten, eine Zweitmeinung im eigenen Haus zu haben, die teure Infrastruktur gemeinsam zu nutzen, sich auszutauschen, herauszufordern, aber auch zu entlasten, schien Marc Jungi der richtige Weg. Und zwar bereits 1999. Die Idee der Gemeinschaftspraxis war damals noch neu und Jungi einer der Ersten, die sich darauf eingelassen haben.

15 Jahre später zieht das Modell immer mehr junge Ärzte an. «Hier können sie sich ganz aufs Medizinische konzentrieren, finden eine moderne Infrastruktur vor, können im Team arbeiten und auch Teilzeit», sagt Jungi. Auch immer mehr Patienten wählen eine Gruppenpraxis, und zwar nicht nur solche mit einem Managed-Care-Modell, sondern zunehmend auch konventionell Versicherte: In der Sanacare-Patientenkartei machen sie bereits knapp einen Drittel aus. Das grosse Plus einer Gemeinschaftspraxis für Patienten: eine umfassende Grundversorgung unter einem Dach.

Diese zu gewährleisten, gehört zu den Herausforderungen für Marc Jungi und sein Team. Ein möglichst guter Mix an Fachwissen innerhalb der Praxis ist entscheidend. Dank verschiedener Fähigkeitsausweise der zwölf angestellten Ärzte verfügt Sanacare Bern über ein entsprechend breites Angebot: Es reicht von der gynäkologischen Grundversorgung über Psychosomatik, Pädiatrie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Röntgen bis zum diagnostischen Ultraschall. Marc Jungi, der die Fähigkeitsausweise für Sport- und manuelle Medizin erworben hat, kann jederzeit auf dieses Wissen zurückgreifen, seine Diagnosen mit einem Kollegen besprechen und eine Zweitmeinung einholen. Patienten, die medizinischen Beistand brauchen, der über die Grundversorgung hinausgeht, leiten Jungi und die anderen Hausärzte der Sanacare Bern an die jeweiligen Spezialisten weiter. Die viel zitierte Interdisziplinarität gehört zum Selbstverständnis dieser Hausärzte.

Die Hausarztmedizin weiterentwickeln

Ein weiteres grosses Plus der Gemeinschaftspraxis sieht Marc Jungi in der Möglichkeit, die Hausarztmedizin weiterzuentwickeln. Ganz der Pionier, steht Jungi auch hier an vorderster Front. Das Thema: «Zwei Drittel der Hausärzte sind älter als 55», sagt Jungi, «und werden in den nächsten zehn Jahren aufhören.» Der schrumpfenden Zahl von Hausärzten steht ein wachsender Bedarf nach ärztlicher Betreuung gegenüber. Nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung: Die Menschen werden immer älter, und je älter die Menschen sind, desto häufiger leiden sie unter chronischen Krankheiten und brauchen viel Betreuung. Marc Jungi und sein Team haben in der Sanacare Bern das Konzept namens Chronic Care Management (CCM) als Pilotprojekt lanciert. Die Idee: Geschulte medizinische Praxisassistentinnen unterstützen den Hausarzt bei der Behandlung von chronisch Kranken. Etwa wenn es darum geht, Diabetiker im Umgang mit ihrer Krankheit zu beraten, ihr Selbstmanagement zu fördern oder auch gewisse medizinische Notwendigkeiten anstelle des Arztes zu erledigen. «Der Arzt erhält dadurch zusätzliche Kapazität», sagt Marc Jungi. Er hat das Modell in den letzten zwölf Monaten erprobt. Das Feedback der Patienten war «super», sagt er, «bis auf ein paar einzelne sind alle auch im zweiten Zyklus des Pilotprojekts dabei.» Die Resonanz der involvierten Praxisassistentinnen war ebenfalls durchwegs positiv. «Für sie ergeben sich durch diese neuen Aufgaben neue Perspektiven in ihrem Beruf», sagt Jungi. Damit tut sich im Bereich der Hausarztmedizin ein neues Feld auf, das der Interprofessionalität.

Innerhalb der Sanacare macht CCM nun Schule; das Programm wird 2014 auf weitere der 13 Praxen erweitert. Bis auch andere Hausärzte darauf einschwenken, dürfte aber noch viel Zeit vergehen: Es gilt, die Ausbildung der Praxisassistentinnen zu Coachs zu gestalten und Taxpunkte zu definieren für die Leistung, die sie dannzumal erbringen. Dass Marc Jungi das CCM-Projekt überhaupt hat starten können, verdankt er unter anderem Helsana, die dieses Engagement mitträgt, finanziell und ideell.

Text: Iris Kuhn-Spogat