Juni 2014

Thomas Cerny: «Krebs kann auch eine Chance sein.»

Mit 37 000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Krebs längst zur Volkskrankheit geworden. Der Onkologe Thomas Cerny erklärt, was man dagegen tun kann, wo politischer Handlungsbedarf besteht und welche Behandlungen Zukunft haben.

Cerny frontal

Helsana: Herr Cerny, was essen Sie, um das Krebsrisiko niedrig zu halten? Ernährung soll ja eine gewisse Rolle spielen.

Thomas Cerny: Auf meinem Pult liegt jeden Tag ein Apfel, manchmal sind es auch zwei. Obst und Gemüse sind Teil meines täglichen Speiseplans. Was es für mich im Endeffekt bringt, weiss ich nicht, denn ich esse auch noch andere Dinge und schätze ab und zu ein gutes Glas Rotwein. Aber grosse Studien über lange Zeiträume legen nahe, dass eine kalorien-, fett- und fleischarme Ernährung, die regelmässig Fisch enthält, einen gewissen Nutzen für die Krebsprävention bringt.

In den USA steht auch Zucker als möglicher Risikofaktor am Pranger.

Das ist er sicher. Diabetiker haben deutlich häufiger Krebs als Nicht-Diabetiker.

Wir wissen, dass Rauchen und zu viel Sonne schädlich sind. Dennoch gibt es in der Schweiz doppelt so viele Krebskranke wie 1990. Bei Lungenkrebs liegt die Schweiz in Europa weit vorn, bei Hauttumoren steht sie sogar an erster Stelle. Sind wir zu sorglos?

Das hat weniger mit dem Lebensstil zu tun. Jetzt leben viel mehr Menschen in der Schweiz als noch 1990. Auch sind die Babyboomer, also die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, in ihren 60ern und 50ern. Generell werden die Leute heute dank des medizinischen Fortschritts sehr alt. Als die AHV 1948 eingeführt wurde, betrug das durchschnittliche Lebensalter 66 Jahre. Heute liegt es bei Männern bei über 80 und bei Frauen bei über 84 Jahren. Und Krebs ist eine altersbezogene Krankheit. Ab 50 steigt die Rate der Tumorerkrankungen deutlich an und flacht erst ab 85 Jahren wieder ab. All das führt dazu, dass wir mehr Fälle haben.

Aber warum führt die Schweiz beim Hautkrebs? Das muss doch einen Grund haben?

Die Schweiz ist hoch gelegen. Bern etwa befindet sich 540 Meter über dem Meeresspiegel und Zürich 400 Meter. Dann verbringen wir unsere Freizeit noch gern in den Bergen. Je höher hinauf man geht, umso mehr ist man schädlicher UV-Strahlung ausgesetzt. Es ist daher sehr wichtig, sich zu schützen, selbst wenn man nur im Garten arbeitet. Da gibt es noch Verbesserungsbedarf. In der Generation der Kinder, die ohne Sonnenschutz gar nicht mehr draussen spielen, wird die Hautkrebsrate abnehmen. Das geht nur langsam über Jahrzehnte vonstatten. Anders ist es beim Tabak. Hört man auf zu rauchen, tritt die positive Wirkung schon nach Wochen ein. Aber leider gibt es eine enorm starke Tabaklobby. Die effektivste Massnahme gegen Lungenkrebs wäre, den Preis pro Päckchen drastisch zu erhöhen. In Australien, wo die Raucherrate sehr tief ist, zahlt man für eine Schachtel Zigaretten im Schnitt 15 Franken, aber hier schreit man schon, wenn das Päckli über 8 Franken kostet.

Sie haben gesagt, dass das Krebsrisiko ab 50 ansteigt. Kann man auch als älterer Mensch noch etwas tun, um es zu senken?

Sich regelmässig bewegen und zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Ich rate meinen Bekannten, ab 50 eine Dickdarmspiegelung machen zu lassen und nach jeweils zehn Jahren zu wiederholen. Wer das nicht will, dem empfehle ich Tests beim Hausarzt, bei denen nach Blut im Dickdarm gesucht wird. Frauen zwischen 50 und 70 Jahren sollten alle zwei Jahre zur Mammografie gehen. Inzwischen wird sogar diskutiert, sie bis zum 75. Lebensjahr zu machen. Diese Untersuchungen tragen dazu bei, dass die Sterblichkeit bei den häufigen Krebsarten zurückgeht.

Sind Sie mit der Krebsfrüherkennung in der Schweiz zufrieden?

Wir haben das Problem, dass wir nicht ein, sondern 26 Gesundheitssysteme haben, die sich zum Teil sehr unterscheiden. Früherkennung und Prävention kann man aber nur national gut machen. Und die Schweiz ist ein Land, in dem man sich möglichst nicht vom Staat dreinreden lassen will. Deshalb wurde 2013 auch das Präventionsgesetz abgelehnt. Mir scheint, dass die Krankenkassenprämien noch finanzierbar sind. Erst in dem Moment, wo sie wirklich anfangen, sehr weh zu tun, werden wir uns fragen, warum wir eigentlich so blöd sind, schwere Krankheiten, die man verhindern könnte, entstehen zu lassen, um sie danach für viele Millionen Franken zu behandeln.

Je nachdem, in welchem Kanton ich wohne, habe ich also bessere Überlebenschancen bei Krebs?

Als Frau haben Sie in der Romandie aufgrund des flächendeckenden Mammografie-Screenings ein geringeres Risiko, an Brustkrebs zu sterben, als in Deutschschweizer Kantonen. In Genf oder Lausanne werden im Durchschnitt vier bis fünf Millimeter kleinere Tumoren entdeckt als beispielsweise in Zürich oder Luzern. Aber es gibt auch Unterschiede im Verhalten der Leute.

Thomas Cerny

Wie meinen Sie das?

In manchen ländlichen Regionen der Schweiz lassen sich die Leute häufiger zu spät untersuchen. Im Sarganserland im Kanton St. Gallen etwa werden Brusttumoren meist in fortgeschritteneren Stadien entdeckt als in der Stadt St. Gallen. Die Frauen melden sich später, wenn sie etwas spüren, gehen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen, aber es gibt in der Gegend auch weniger Ärzte. Das bringt hier Nachteile.

Bei der Prävention könnten Gentests helfen, da bei Krebserkrankungen Veränderungen an Genen stets eine Rolle spielen. Werden sie bald für alle Standard sein?

Das denke ich nicht. Im Moment gibt es keinen Gentest, den ich generell empfehlen würde. Entweder ist das Resultat zu unsicher oder man erhält Aussagen, die heikel sind. Was fängt jemand mit der Prognose an, dass er eine siebenprozentige Chance hat, frühzeitig an Alzheimer zu erkranken? Das würde nur irritieren. Manche haben sich aufgrund von Gentest-Ergebnissen schon umgebracht. Natürlich ist bei bestimmten vermeidbaren oder beeinflussbaren Erkrankungen, die deutlich gehäuft in der Familie vorkommen, ein zuverlässiger Gentest eine Option. Aber selbst dann will der Schritt gut überlegt sein.

Wird Krebs festgestellt, gibt es wenigstens die erfreuliche Nachricht, dass heute jeder Zweite geheilt wird.

Je nachdem, ob es sich um Brustkrebs, Leukämie oder einen Hirntumor handelt, tun sich ganz verschiedene Welten auf. Krebs ist nicht eine Krankheit, sondern der Oberbegriff für mehr als 200 verschiedene Erkrankungen. Deshalb muss man Aussagen über Krebs stets differenziert betrachten, auch wenn heute generell mehr als die Hälfte aller Betroffenen geheilt werden kann.

Aber es hat sich doch viel getan in den letzten Jahrzehnten.

Enorm viel! Immer öfter gibt es Krebserkrankungen, die nicht mehr lebenslimitierend sind und sich zur chronischen Krankheit entwickeln. Viele Chemotherapien werden heute meist besser vertragen als früher und sind viel kürzer geworden. Oft genügen vier bis sechs Monate. Früher wusste man oft nicht, ob die Behandlung ein oder zwei Jahre dauern soll.

Worauf sollte man achten, wenn man sich in Behandlung begibt?

Wichtig ist, dass man in eine Klinik geht, in der Chirurgen, Anästhesisten, Onkologen, Radiotherapeuten, Pathologen und die postoperative Crew gut zusammen arbeiten. Die Spezialisten müssen die Patienten häufig sehen und mit den Fällen sehr vertraut sein. Am besten lässt man sich in speziellen Zentren an Uni- und Kantons spitälern oder in dafür ausreichend spezialisierten Privatspitälern behandeln, in denen jeder Fall von interdisziplinären Teams besprochen wird.

Wie findet man diese als Patient?

In der Schweiz gibt es Qualitäts zerti fikate für Brustzentren. Internationalen Standards entsprechend, müssen dort gewisse qualitätsrelevante Anforderungen erbracht werden. Weitere Zertifizierungen für Zentren, in denen speziell Darm- und Lungenkrebs behandelt werden, sind im Gespräch. Ich fände es gut, wenn sich künftig auch die Krankenversicherer mehr um Qualitätsaspekte kümmern und darauf achten würden, dass ihre Kunden optimal behandelt werden. Die Kassen verfügen über grosse, spezifische Datensätze und wissen, in welchen Spitälern besser oder eben weniger gut gearbeitet wird.

Sprechen wir über konkrete Behandlungen. 2013 hat das renommierte Wissenschaftsmagazin «Science» die Immuntherapie als Durchbruch des Jahres in der Krebstherapie gefeiert. Ist das die Zukunft?

Die Idee, dass das Immunsystem in der Lage ist, auch Tumorerkrankungen erfolgreich zu bekämpfen, existiert seit Jahrzehnten. Man hat lange erforscht, warum stets viele Immunzellen um Tumorzellen herum gruppiert sind, aber den Tumor nicht angreifen können. Jetzt hat man diese Mechanismen verstanden und Medikamente entwickelt. Sie werden bereits beim Melanom erfolgreich angewandt und bei weiteren Tumorerkrankungen getestet, etwa bei Lungen- und Nierenkrebs. Die Immuntherapie funktioniert grundsätzlich, ist aber noch eine sehr komplexe Angelegenheit, da dadurch auch andere Immunzellen aktiviert werden. Das führt zu Neben wirkungen und kann etwa unerwünschte Entzündungen auslösen.

Cerny Profil

Die personalisierte Medizin wird immer wichtiger. Die Kosten für Medikamente, die Tumoren zielgerichtet angreifen, stiegen laut Helsana-Medikamentenstatistik zwischen 2007 und 2012 um 187 Prozent. 2012 kostete eine Behandlung mit dem Brustkrebsarzneimittel Herceptin pro Person 28 590 Franken. Dadurch entstehen enorme finanzielle Belastungen für das Gesundheitswesen und damit für uns alle. Sind hier finanzieller Aufwand und Nutzen immer gerechtfertigt?

Ich arbeite jetzt 35 Jahre als Onkologe, und neue, bessere Medikamente waren immer teurer als die letztbesten Arzneimittel. Aber dass sie plötzlich zehn oder zwanzig Mal teurer sind als bisherige wirksame Medikamente, ist völlig neu. Das ist bei weitem nicht zu rechtfertigen durch die Aufwendungen und Risiken, die die Pharma firmen jeweils anführen. Die Preis gestaltung von innovativen Medikamenten ist unhaltbar geworden und die inter nationalen, meist von den USA diktierten Preisvorgaben geraten immer mehr unter Druck.

Was sollte punkto Preise getan werden?

Die Politik muss weiter Druck ausüben. Mir scheint, dass man bei den Medikamentenpreisen die politische Schmerzgrenze noch nicht ganz erreicht hat. Auch sollte man kontrollierte Parallelimporte gerade für solche Arzneimittel erlauben.

Bei der Behandlung wünschen sich Patienten manchmal auch eine Zweitmeinung. Wann ist sie angebracht?

Sie ist angebracht, wenn Patienten unsicher sind, ob das, was die Ärzte vorschlagen, das Beste ist, oder wenn es an Vertrauen fehlt. Eine Zweitmeinung ist auch sinnvoll, wenn sehr grosse, aussergewöhnlich risikoreiche Operationen anstehen. In Zentren aber, wo die Spezialisten interdisziplinär zusammenarbeiten und gemeinsam Entscheidungen darüber treffen, welches nach dem aktuellen Stand der Medizin das beste Vorgehen ist, erübrigen sich Zweitmeinungen meist.

Therapien und Medikamente sind das eine. Welche Rolle spielt die mentale Einstellung, um Krebs besiegen oder mit ihm leben zu können?

Für die Lebensqualität ist es wichtig, dass sich Patienten aktiv einbringen und sich nicht nur passiv als Opfer wahrnehmen. Das hilft ihnen, den ganzen Behandlungsprozess aus Operation, Chemotherapie und Bestrahlung bestmöglich zu überstehen. So kommt es erfahrungsgemäss zu weniger Komplikationen, und man ist schneller wieder auf einem guten gesundheitlichen Niveau.

Dabei brauchen manche Unterstützung. Erhalten Patienten heute die psychische Betreuung, die sie brauchen?

An den Spitälern gibt es Psychoonkologen, aber das Angebot ist zum Teil noch bescheiden und wird erst wenig angenommen. Viele Betroffene glauben, dass sie stark genug sind, um alles alleine zu schaffen, und überschätzen dabei ihre Kräfte. Bei Krebs gibt es viel Unsicherheit, es kommt zu Phasen der Schwäche und der Depression. Partner und Familie können unmöglich immer alles abfangen. Aber jeder entscheidet selbst, ob er diese Unterstützung braucht oder nicht, und natürlich hat sie auch nicht jeder nötig.

Wie wichtig ist das Umfeld?

Es ist bekannt, dass Menschen, die ganz alleine sind, viele Krankheiten schlechter überleben. Das fängt schon bei einer Lungenentzündung an. Jemanden zu haben – das kann auch ein Haustier sein –, ist dagegen gut für die Prognose. Wie bedeutsam das Umfeld ist, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, aber in der Onkologie ist nicht nur der Einzelne, sondern das tragende System sehr wichtig.

Wenn es dann doch dem Ende zugeht – wie steht es um die Versorgung von Schwerstkrebskranken und Sterbenskranken in der Schweiz?

Die Palliativ-Onkologie und -Medizin hat sich in den letzten 20 Jahren in der Schweiz zunehmend entwickelt. Lausanne hat für die Romandie Pionierarbeit geleistet, und in St. Gallen konnten wir die Palliativ-Onkologie für die Deutschschweiz entwickeln. Hier haben wir heute ein ganzes Netzwerksystem für die Region. In grösseren Städten und in Onkologie-Abteilungen anderer Spitäler hat man begonnen, ähnliche Netzwerke aufzubauen. Aber es gibt noch Regionen in der Schweiz, die unterversorgt sind.

Zum Schluss: Kann Krebs trotz allem auch eine Chance sein?

Wer daran erkrankt, ist gezwungen, seine ganze Existenz neu zu überdenken. So eine Krankheit kann auch Mut machen, Dinge zu ändern, Entscheidungen zu treffen und Schwerpunkte zu setzen. Man sieht plötzlich, dass die Lebenszeit endlich ist. Auch habe ich Leute erlebt, die – obwohl sie nur noch eine kurze Lebenszeit hatten – enorm aufgeblüht sind und unglaubliche Dinge machten. Insofern kann Krebs auch eine Chance sein.

Interview: Juliane Lutz