Juni 2014

Auf der sicheren Seite

Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen im deutschen Heidelberg gilt als eine der weltweit führenden Kliniken in der Behandlung von Krebs. Helsana- Kunden erhalten hier eine Zweitmeinung von einem interdisziplinären Team.

Onkologiezentrum Heidelberg

Vereinte Expertise: Im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen diskutieren verschiedene Fachärzte, welche Therapie für den Patienten am geeignetsten ist.

«Bei uns werden die Patienten nicht von Abteilung zu Abteilung geschickt», sagt Professor Dirk Jäger. Genau das Gegenteil ist der Fall: «Die verschiedenen Fachärzte kommen zusammen und besprechen gemeinsam, welche Therapie für den Patienten am besten geeignet ist.» Dirk Jäger ist Direktor der Medizinischen Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) im deutschen Heidelberg. Weil jede Krebserkrankung anders ist – und sich selbst einzelne Zellen in einem bösartigen Geschwür unterscheiden –, reagieren Betroffene unterschiedlich auf dieselbe Therapie. Wenn man so wolle, habe jeder Patient einen eigenen Tumor, erklärt der Onkologe. Eine präzise Analyse sei umso wichtiger.

Rasch behandelt

Von der Expertise des Heidelberger Fachgremiums profitieren neu auch Helsana-Kunden mit der Zusatzversicherung Primeo. Für einen Schweizer Patienten, nennen wir ihn Peter Rutishauser, könnte die Beratung in Heidelberg so aussehen: Am Kantonsspital nahe seines Wohnorts haben die Onkologen einen Dickdarmtumor diagnostiziert. Ein Schock für ihn und seine Familie. Um eine Zweitmeinung einzuholen, wendet sich Rutishauser an Helsana, die den Kontakt zum NCT herstellt. Ein Case Manager in Heidelberg bespricht mit dem Patienten die nächsten Schritte.

Als Erstes schickt Rutishauser in Absprache mit den behandelnden Ärzten des Kantonsspitals die Krankenakte nach Heidelberg. Seinem Dossier mit dem Befund und MRI-Aufnahmen entnimmt hier ein Onkologe die wichtigsten Fakten. Gemeinsam mit einer Case Managerin bietet er die Spezialisten zur Besprechung auf. «Innerhalb von zwei Wochen wird der Fall im Tumorboard besprochen», sagt Heike Wachow, eine der Case Managerinnen. Die 54-Jährige war schon dabei, als in Heidelberg das erste interdisziplinäre Board stattfand. «Wir wollten neue Wege gehen und die Behandlungspfade effizienter gestalten.» Heute seien die Sitzungen mit verschiedenen Fachärzten Standard – jedes Jahr würden über 5000 Fälle diskutiert.

Neuester Forschungsstand

In Rutishausers Fall nimmt am Board auch ein Leberchirurg teil, weil sich bereits Ableger in der Leber eingenistet haben. Er kann beurteilen, ob es möglich ist, die Metastasen chirurgisch zu entfernen, ohne die Leberfunktion zu beinträchtigen. Ein Radiologe ist ebenfalls dabei: Er hilft den Kollegen, die MRI-Bilder richtig zu deuten, während ein Onkologe wie Dirk Jäger über die Chancen und Risiken einer Chemotherapie aufklärt. Weiter ist ein Nuklearmediziner anwesend, der sich mit Bestrahlungstherapien auskennt. «Gemeinsam und unter Berücksichtigung der neusten Forschungsergebnisse stellen wir für jeden Patienten eine individuelle Therapieempfehlung zusammen», sagt Professor Dirk Jäger. «Wir sind überzeugt, dass mit unserem Konzept weniger unnötige Behandlungen durchgeführt werden.»

Für den Patienten sei das eine enorme Entlastung und die Gesundheitskosten liessen sich so besser kontrollieren. Auch im Bereich der Forschung und Diagnostik sieht Dirk Jäger grosses Potenzial und zeigt dies am Beispiel eines Patienten mit Dickdarmkrebs auf. Dieser wurde erfolgreich operiert. Zudem entfernten Chirurgen die Metastasen in den Lymphknoten. 60 bis 70 Prozent der Betroffenen sind nach diesem Eingriff geheilt, die übrigen Patienten erleiden einen Rückfall. «Dieses Rückfallrisiko können wir mit einer Chemotherapie senken.» Weil die

Onkologiezentrum Heidelberg
«Wir sind überzeugt, dass mit unserem Konzept weniger unnötige Behandlungen durchgeführt werden.»

Dirk Jäger

Onkologen und Klinikdirektor

Tumorzellen aber derart unterschiedlich reagieren, liege die Erfolgsrate bei der standardisierten Behandlung bei nur 15 Prozent. «Eine Katastrophe. Würden wir die Biologie der Zellen noch besser verstehen, könnten wir effektivere Therapien entwickeln.» Und genau an solchen Lösungen forsche das NCT gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg und anderen renommierten Instituten auf der ganzen Welt. Mit Hilfe von molekularer Diagnostik gelinge es immer besser, die Fehler in der DNA von Krebszellen zu entschlüsseln. So sei es bei Krebserkrankungen bereits möglich, alle Fehler in der DNA zu finden, aber auch deren Bedeutung besser zu verstehen. «Das ist, als müsste jemand 1000 Bücher mit 1000 Seiten mit je 1000 Wörtern durchlesen und 100 bis 500 Rechtschreibfehler finden», sagt der 49-Jährige. Das NCT schliesst derzeit viele Patienten in solche Studien ein und prüft, ob molekulare Tests von individuellen Tumoren die Behandlungen präziser machen können.

Nachdem die fünf Experten Peter Rutishausers Fall studiert haben, wird der Patient zu einem Gespräch nach Heidelberg eingeladen. «Wir erklären dem Betroffenen bei uns, wie wir die Situation einordnen, und empfehlen ihm eine Therapie», sagt Dirk Jäger. Im besten Fall decke sie sich mit den Einschätzungen der Schweizer Kollegen. Nicht immer kommt das Expertengremium in Heidelberg aber zum selben Schluss wie die erstbehandelnden Ärzte: «Dann nehmen wir Rücksprache mit dem überweisenden Spital und definieren gemeinsam, wie wir vorgehen.»

Alles an einem Tag

Am NCT profitieren Betroffene zusätzlich von den Empfehlungen der Ernährungs- und Bewegungstherapeuten sowie anderen Spezialisten aus den Bereichen Seelsorge, Sozialdienst oder Ethik: Neben dem rein medizinischen Gremium befasst sich am NCT also ein zweites Expertenteam mit jedem einzelnen Fall. «Da 80 Prozent der Krebspatienten mit Geschmacksveränderungen zu kämpfen haben, stark an Gewicht verlieren oder an Verdauungsproblemen leiden, gehört eine Ernährungsberatung zum Angebot», sagt Ernährungstherapeutin Ingeborg Rötzer.

Die 47-Jährige und ihr fünfköpfiges Team helfen den Patienten, ihren Körper optimal auf die Krankheit einzustellen. Viele Betroffene haben schlicht keinen Hunger mehr, oder ihnen widerstehen die Mahlzeiten. «Deshalb», erklärt Ingeborg Rötzer, «ist es zentral, dass Betroffene auf eine ausreichende Eiweiss- und Energiezufuhr achten.» Sei eine Nahrungsaufnahme auf dem normalen Weg nicht oder nur teilweise möglich, suche man nach Alternativen. Da Schweizer Patienten in den meisten Fällen nur für kurze Zeit in Heidelberg sind, sprechen sich die Ernährungs- und Bewegungstherapeuten falls nötig mit Schweizer Fachstellen ab, die dann am Wohnort des Patienten übernehmen. «Das gilt selbstverständlich auch für alle medizinischen Fragen», ergänzt der Onkologe Dirk Jäger. «Doppelspurigkeiten wollen wir auf jeden Fall vermeiden.» Betroffene reisen nach Möglichkeit übrigens am selben Tag wieder in die Schweiz zurück – mit der Gewissheit, dass Spezialisten einer der weltweit führenden Krebskliniken ihren Fall unter die Lupe genommen haben.

Text: Christian Schiller