Juni 2014

Diagnose Krebs

  1. Suzanne Balimann-Oertli hat dreimal eine Krebserkrankung überwunden. Ihren drei Kindern zuliebe hat sie nie aufgegeben.
  2. Martin Wettstein wollte seine Krebserkrankung zuerst für sich behalten. Heute ist er froh, dass er das nicht getan hat.
  3. Rosmarie Pfau hat sich nie als Opfer gesehen. Sie hat gelernt, ihre Angst zu überwinden und negative Gedanken zu stoppen.
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Suzanne Balimann-Oertli hat dreimal eine Krebserkrankung überwunden. Ihren drei Kindern zuliebe hat sie nie aufgegeben.

Suzanne

Wie hat die Diagnose Ihr Leben verändert?

Seit bei mir im Erwachsenenalter ein Brusttumor festgestellt wurde, weiss ich, dass das Leben nicht nur eitel Sonnenschein ist. Aber die Krankheit hat mir auch Kraft gegeben, denn ich habe sie drei Mal überlebt. Als Baby hatte ich einen Netzhauttumor, später bekam ich zweimal Brustkrebs. Andere sterben bereits an einem Tumor.

Was hat Sie am meisten belastet?

Die Müdigkeit und das Unwohlsein, die mit der Chemotherapie einhergingen, setzten mir sehr zu. Ich konnte nicht in dem Masse für meine drei Kinder da sein, wie es nötig gewesen wäre. Bei der ersten Brustkrebsdiagnose war mein jüngster Sohn acht Monate alt. Das hat mich zusätzlich belastet und führte zu Schuldgefühlen. Doch haben mich meine Mutter und meine Schwiegermutter sehr unterstützt. Schrecklich fand ich auch den Verlust der Haare. Als Krebspatientin fühlt man sich bereits schlecht und ist dann auch noch äusserlich gezeichnet.

Was hat Ihnen bei der Bewältigung geholfen?

Mein Mann war eine grosse Stütze. Er hat mir viel abgenommen und war stets da. Gut getan hat mir auch der Optimismus der Pflegefachfrau, die mich während der Behandlungen stets betreute. Und meine Kinder zwangen mich förmlich dazu, weiterzumachen. Ihnen zuliebe habe ich nie aufgegeben.

Hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Tod verändert?

Ich rege mich weniger über Kleinigkeiten auf. Wenn es zu Hause mal nicht so aufgeräumt ist, sage ich mir, na und? Den Tod habe ich mittlerweile als Teil des Lebens akzeptiert.

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Martin Wettstein wollte seine Krebserkrankung zuerst für sich behalten. Heute ist er froh, dass er das nicht getan hat.

Martin

Wie hat die Diagnose Krebs Ihr Leben verändert?

Ich war froh, endlich zu wissen, was los ist. Erst nach vielen Untersuchungen war klar, wieso ich so unerträgliche Bauchschmerzen hatte. Die Diagnose hat mein Leben nicht dramatisch verändert. Schon zwei Wochen nach der OP arbeitete ich wieder. Ich hatte meine Ernährung vorübergehend umgestellt, aber die Freude am Essen liess ich mir nie nehmen.

Was hat Sie am meisten belastet?

Anfangs hatte ich das Gefühl, das Leben sei nicht mehr wie zuvor, jetzt gehöre ich zu den Kranken; das störte mich. Bei dieser Tumorart entwickeln sich manchmal auch noch andere Krebsarten – dieses Wissen hat mich belastet. Relativ schnell konnte ich diese Gedanken aber überwinden.

Was hat Ihnen bei der Bewältigung geholfen?

Die moralische Unterstützung meiner Familie und meiner Freunde. Vor allem meine Frau hat sich unheimlich eingesetzt und wusste schnell besser Bescheid über meine Krankheit als ich. Zuerst wollte ich es für mich behalten, aber nun finde ich es gut, dass ich es nicht getan habe. Mein Umfeld hat mich normal behandelt, nicht in der befürchteten bemitleidenden Art.

Hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Tod verändert?

Ich geniesse das Leben bewusster und intensiver. Heute urteile ich wohl härter und offener gegenüber Menschen, die ständig jammern. Vor dem Tod habe ich mich weder vor noch nach der Diagnose gefürchtet. Er ist in meinen Augen so natürlich wie Geburt, Adoleszenz oder das Altern. Furcht bringt nichts, weil wir nichts ändern können.

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Rosmarie Pfau hat sich nie als Opfer gesehen. Sie hat gelernt, ihre Angst zu überwinden und negative Gedanken zu stoppen.

Rosmarie

Wie hat die Diagnose Ihr Leben verändert?

Es war ein Zufallsbefund bei einer gynäkologischen Untersuchung: ein follikuläres Lymphom. «Lymphdrüsenkrebs, unheilbar»: Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen, ich dachte, jetzt stirbst du bald. Meine Töchter waren 12 und 21, ich war alleinerziehend.

Was hat Sie am meisten belastet?

Am Anfang hiess es abwarten – «watch and wait». Wie bitte? Ich habe Krebs und werde nicht sofort behandelt? Über Lymphome fand ich keine Informationen. Meine jüngere Tochter hat ihre Ängste durch Aggression ausgedrückt, das war sehr belastend, aber mir war immer klar, dass sie das nicht böse meint.

Was hat Ihnen bei der Bewältigung geholfen?

Information hilft mir, Dinge besser einzuordnen. So begann ich mich zu engagieren und gründete eine Patientengruppe. Auch die offene Kommu nikation in der Familie war wertvoll. Nie habe ich mich als Opfer gesehen, ich wollte keine jammernde Mutter sein. Ich habe gelernt, aus dem Angstkreislauf auszubrechen, auf meine Gedanken und Worte zu achten und negative Gedanken zu stoppen.

Hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Tod verändert?

Die Erfahrung mit der Krankheit hat mich in eine neue Richtung gelenkt. Mein Engagement, die ständige Auseinandersetzung mit der Krankheit und dem Tod, hat mich geprägt. Ich wundere mich manchmal, worüber die Leute sich aufregen. Ich lebe im Hier und Jetzt und habe akzeptiert, dass diese Krankheit zu meinem Leben gehört. Heute bin ich mutiger und zögere nicht, Neues anzupacken.